Kinderarmut in Düsseldorf als Jahres-Schwerpunkt

 

(gök) Kinderarmut in der reichen Landeshauptstadt - das Thema brennt der

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unter den Nägeln. Gestern Abend

beschäftigten sich die Lehrer bei ihrer Hauptversammlung mit einem Antrag zum Thema.

Darin heißt es, die GEW wolle die Kinderarmut zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit in

2007 machen. Ziele dabei: Die Stadt soll wieder regelmäßige Armuts- und

Reichtumsberichte erstellen. Parteien, Wohlfahrt, Kirchen und Unternehmen sollen sich

das Thema zueigen machen - und ebenfalls helfen, es öffentlich zu machen. Als

alarmierend bezeichnet es die Gewerkschaft, dass viele Eltern das Essensgeld für die

Schule nicht aufbringen können und dass die Zahl derjenigen beständig steigt, die auf

kostenlose Essenausgaben angewiesen sind.

 

-

 

Quelle:

Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH

Publikation: Rheinische Post Düsseldorf

Ausgabe: Nr.50

Datum: Mittwoch, den 28. Februar 2007

Seite: Nr.11

 

Armut: Lehrer schlagen Alarm

16000 Düsseldorfer Kinder unter 15 Jahren leben in Hartz-IV-Haushalten. Lehrer beklagen wachsende Verarmung und Verelendung ihrer Schüler. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will das zum Thema machen.

VON GÖKÇEN STENZEL

 

Ein Schüler kommt vier Wochen lang mit demselben Pullover in die Schule. Andere haben nicht gefrühstückt, und sie haben auch kein Geld mit, um sich etwas zu essen zu kaufen. Die Klassenfahrt ins Schullandheim findet ohne sie statt, wenn sich nicht ein Hilfsfonds findet. Eltern können das Essensgeld in der Ganztagsschule nicht bezahlen - die Schulen sind auf Spenden angewiesen. Diese Beispiele wachsender Verarmung und sozialer Verelendung brachten Lehrer bei der Hauptversammlung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Dienstagabend. Der GEW-Stadtverband hat nach eigenen Angaben 1400Mitglieder.

 

„Wir haben das Thema Kinderarmut zum Jahres-Schwerpunkt unserer Arbeit erklärt“, sagt Stadtverbands-Vorsitzender Detlef Polt. „Das bedeutet, dass wir immer wieder auf die Verarmungs-Tendenzen in unserer reichen Stadt aufmerksam machen. Wir können nicht länger zuschauen.“ Eine Hauptschul-Lehrerin unterstreicht: „Das Elend ist spürbar. Und wir Lehrer tun noch immer so, als hätten wir den Laden im Griff.“ Auch Grundschullehrer und Förderschul-Pädagogen berichten von ihren Erfahrungen mit armen Schülern, von Ausgrenzung und Mobbing durch andere. „Du arm!“ und „Du Opfer!“ sind dabei die aktuellen Schimpfwörter, die die Lehrer bereits mehrfach auf den unterschiedlichen Schulhöfen gehört haben. Auch die Bedingungen für ausländische Kinder werden kritisiert: „Sie bleiben in den Grundschulklassen zu häufig unter sich“, sagt ein Pädagoge. „Die Anforderungen sind viel zu hoch. Sie haben keine Chance.“

 

Der Kölner Wissenschaftler Christoph Butterwegge hatte den Abend mit einem Vortrag über arme und reiche Kinder eröffnet und damit die Beobachtungen der Lehrer unterstrichen. Nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit leben 16000 Düsseldorfer Kinder unter 15 in Hartz-IV-Haushalten. „Neben einer Dunkelziffer kommen noch Kinder aus Sozialhilfe-Haushalten und Flüchtlingskinder hinzu“ so Butterwegge, der davor warnte, in der Bildung ein Allheilmittel gegen drohende Verarmung zu sehen. „Es ist nicht so, dass eine wirklich gute Bewerbung den Arbeitsplatz bringt. Es gibt nicht genügend Arbeitsplätze.“

 

Klaus Stein, Lehrer am Aufbau-Gymnasium, spricht von großem Konkurrenz-Druck unter den Schülern. „Jeder weiß, dass er einer von Hunderten ist, der sich auf eine Stelle bewerben wird.“ Stein will „alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen, aber auch große Unternehmen“ ansprechen.

 

Dabei geht es den Lehrern nicht darum, Spenden zu sammeln und zu verteilen: Sie wollen, dass die Kinderarmut als politisches Thema wahrgenommen wird. Für dieses Ziel soll es Aktionen geben, ein Preisausschreiben ist ebenso im Gespräch wie eine Fachtagung und eine Abschlussveranstaltung mit Jugendlichen im November. Die Stadtpolitik will man auffordern, wieder regelmäßige Armuts- und Reichtumsberichte zu erstellen und vorzulegen.

 

- /GÖKÇEN STENZEL

 

Quelle:

Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH

Publikation: Rheinische Post Düsseldorf

Ausgabe: Nr.51

Datum: Donnerstag, den 01. März 2007

Seite: Nr.10

 

Zu arm fürs Schulessen?

Es ist ein Armutszeugnis: Viele Eltern können das Mittagessen in der offenen Ganztagsgrundschule nicht bezahlen. Im schlimmsten Fall müssen die Kinder die Betreuung deshalb verlassen. Die Grünen in NRW wollen das ändern: Kinder bedürftiger Eltern sollen künftig kostenlos essen dürfen.

VON SABINE JANSSEN UND JENS KRÜGER

 

düsseldorf Es ging finanziell einfach nicht mehr. „60 Euro hier, 20 Euro dort…“ - Thomas Marsch meldete zwei seiner fünf Kinder von den Mahlzeiten an der Regenbogenschule einfach ab. Obwohl die offene Ganztagsgrundschule im sozial schwachen Krefelder Süden gerade einen Euro pro Mahlzeit berechnet, konnte Marsch den Betrag nicht mehr aufbringen. „Viel mehr als Hartz IV bleibt uns nicht, obwohl ich arbeiten gehe“, sagt der Familienvater. Da summiere sich das Essensgeld für seine Kinder schnell zu einer finanziellen Belastung. Nun müssen Marcel, Mike, Dyke, Selina und Samantha mittags nach Hause stiefeln. Dort kocht Mutter Michaela.

 

Die Familie Marsch hat ihre Notlage noch gut gemanagt: Ihre Kinder bekommen ein warmes Mittagessen. Für nicht wenige Grundschüler dagegen bleibt die Küche kalt oder sogar der Teller leer, wenn die Eltern den Essensbeitrag für die offene Ganztagsgrundschule, der meist zwischen 40 und 60 Euro liegt, nicht bezahlen können. „Wer sich das Mittagessen nicht leisten kann, der hat die Möglichkeit, den Kindern etwas mitzugeben. Doch das geschieht oft nicht“, sagt Axel Wyen, der die Betreuung für die Arbeiterwohlfahrt (Awo) an Mönchengladbacher Grundschulen koordiniert. Die Wohlfahrtsverbände, die vielfach die offene Ganztagsschule (Ogata) organisieren, geraten dadurch in die Zwickmühle: Sie wollen die Kinder nicht hungern lassen, aber wenn sie die Kinder beköstigen, bleiben sie auf den Kosten sitzen.

 

Bei der katholischen Waisenhausstiftung sind für die Betreuung an Grundschulen in Emmerich, Kalkar und Rees fünfstellige Außenstände aufgelaufen. Die Stiftung hatte bereits um Spenden gebeten. Jetzt will sie Patenschaften installieren. „Wir möchten Betriebe gewinnen“, sagt Geschäftsführer Hans-Jürgen Kraayvanger. Rund 20 Prozent der Eltern, so schätzt er, können sich das Essen ihrer Kinder nicht leisten.

 

So wie die katholische Waisenhausstiftung lassen auch die Awo, die Caritas und die Diakonie die betreuten Kinder nicht vor dem leeren Teller sitzen. „Kommen Sie auf uns zu! Wir finden dann eine Lösung“, rät Christoph Wand von der Diakonie Düsseldort.

 

Oft genug drohten genau jene Grundschüler aus bildungsfernen und sozial-schwächeren Familien aus der Betreuung zu fallen, denen die Lehrer zur offenen Ganztagsschule geraten haben, weil sie neben Sport- und Freizeitaktivitäten auch Hausaufgabenbetreuung umfasst. „Wir beschäftigen uns zum Teil mit elementaren Aufgaben: Wir bringen den Kindern bei, mit Messer und Gabel zu essen“, sagt Sabine Heinen, die die Ogata in Emmerich, Rees und Kalkar koordiniert. Bei den Eltern sei bisweilen nicht das Geld an sich, sondern der Umgang mit Geld das eigentliche Problem, glaubt Heinen. „Handy, Zigaretten... Oft werden da keine Prioritäten gesetzt“, weiß die Pädagogin.

 

Anders in der Familie von Udo van der Hurk. Der 56-Jährige aus Kalkar weiß um die Wichtigkeit der Bildung. Er hält die offene Ganztagsschule für eine prima Sache. Trotzdem hat der ehemalige Bauzeichner und jetzige Hartz-IV-Empfänger seinen Sohn Mourice abgemeldet. Bei dem Vater von drei Kindern scheiterte die Betreuung nicht an den Essenskosten, sondern am Elternbeitrag von 25 Euro monatlich, den die Stadt Kalkar erhebt. „Beim Essen ist mir die Stiftung entgegengekommen: Ich hätte nur die Hälfte der 43 Euro monatlich zahlen müssen“, erzählt van der Hurk. Durch einen Rechtsstreit ist der ehemalige Unternehmer in einen finanziellen Engpass geraten. „Ich kann erstmals die Miete nicht zahlen“, sagt der 56-Jährige. Er habe die Stadt Kalkar um Hilfe gebeten, doch es kam keine Antwort.

 

Die Finanzprobleme der Eltern bekommt kaum ein Wohltätigkeitsverein so deutlich zu spüren wie die Caritas in Rheinberg. Während andere Städte für den Träger das Geld einziehen, kümmert sie sich selbst um die Elternbeiträge von 70 Euro monatlich. „Das Budget vieler Familien ist sehr eng“, bestätigt Henric-Peeters vom Caritasverband Moers-Xanten. Außenstände in vierstelliger Höhe sind die Folge. „Wir haben es bis jetzt vermieden, aber konsequenterweise müssten wir die Kinder irgendwann ausschließen.“

 

- /SABINE JANSSEN UND JENS KRÜGER

 

Quelle:

Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH

Publikation: Rheinische Post Düsseldorf

Ausgabe: Nr.56

Datum: Mittwoch, den 07. März 2007

Seite: Nr.3