Kinderarmut boomt

23.12.2008 / Titel / Seite 1Inhalt

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Von Ralf Wurzbacher

 

Ohne Bescherung: Immer mehr Kinder gehen Weihnachten leer aus

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Ohne Bescherung: Immer mehr Kinder gehen Weihnachten leer aus

Foto: dpa

 

Vier von fünf Wahlberechtigten in Deutschland unterstützen die Forderung

nach einem gesetzlichen Mindestlohn zur Bekämpfung der grassierenden

Kinderarmut. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage von

Infratest dimap im Auftrag der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. und

der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG). Von den 1000 befragten

erwachsenen Bundesbürgern sprachen sich demnach 81 Prozent für eine

Lohnuntergrenze aus, lediglich 17 Prozent votierten dagegen, zwei

Prozent machten keine Angaben. Laut jüngstem Armutsbericht der

Bundesregierung ist hierzulande jedes achte Kind von Armut bedroht.

Angesicht der aufziehenden Wirtschaftskrise warnte am Montag der

Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, vor einer

Zuspitzung der Misere.

 

Der mehrheitliche Zuspruch zu einem allgemeinverbindlichen Mindestlohn

zieht sich quer durch alle politischen Lager. Selbst unter den Anhängern

der marktgläubigen FDP sind 65 Prozent dafür, von den Wählern der Union

72 Prozent. Auf fast einhellige Sympathie stößt die Forderung bei den

Linken mit 97 Prozent Zustimmung, gefolgt von den Grünen mit 89 Prozent,

während sich von der SPD-Klientel 86 Prozent dafür stark machen. Auch

die Vorschläge zum Ausbau des Kindergeldes zu einer eigenständigen

Grundsicherung (77 Prozent) sowie zu einer Erhöhung der Hartz-IV-Bezüge

(55 Prozent) werden laut Infratest-Erhebung von einer Mehrheit getragen.

»Das ist ein klarer Handlungsauftrag an die Regierungskoalition:

Hungerlöhne werden nicht toleriert, ein gesetzlicher Mindestlohn in Höhe

von 7,50 Euro muß her«, kommentierte am Montag ver.di-Chef Frank Bsirske

die Zahlen.

 

Der Kinderschutzbund rechnet derweil mit immer mehr Armut selbst bei den

Jüngsten. Schon in den vergangenen Boomjahren sei die Zahl der

Betroffenen aus Hartz-IV-Familien auf 2,5 Millionen gestiegen, gab

Verbands­chef Hilgers gegenüber der Agentur AP zu bedenken. »Das wird

die Wirtschaftskrise nun noch verschärfen Dringend nötig sei eine

Aufstockung des Regelsatzes für Heranwachsende auf altersabhängige 276

bzw. 325 Euro monatlich. Die heute gewährten 211 Euro seien »gegenüber

den wirklichen Bedürfnissen eines Kindes respektlos«, monierte Hilgers.

Während Erwachsene mit einem Wintermantel ein paar Jahre auskommen

würden, brauchten Kinder »aber jedes Jahr einen neuen Anorak und noch

öfter neue Schuhe«. Der Kinderschutzbund verlangt zudem eine Steigerung

des Kinderzuschlags von aktuell 140 auf 175 Euro ab dem ersten und 225

Euro ab dem dritten Kind. So könnten auf einen Schlag 700000 sogenannte

Aufstockerfamilien aus dem Hartz-IV-Bezug geholt werden, rechnete

Hilgers vor.

 

Als lausige Krisenmanager haben sich die politisch Verantwortlichen

gerade erst am zurückliegenden Freitag disqualifiziert. Im Bundestag

waren zwei Anträge von der Linksfraktion sowie den Grünen zur Erhöhung

der Hartz-IV-Leistungen durch die Regierungskoalitionäre abgebügelt

worden. Der Bundesrat beschloß lediglich eine mickrige Aufstockung von

Kinder- und Wohngeld sowie ein unzureichendes »Schulstarterpaket« für

bedürftige Kinder, allerdings nur bis zur 10. Klasse. Die bewilligten

100 Euro jährlich haben laut Hilgers »mit dem wahren Bedarf nichts zu

tun«. Beim Versuch, Erstkläßler im Berliner Arbeiterbezirk Wedding so

günstig wie möglich mit dem Nötigsten auszustatten, »sind wir in keinem

Fall unter 300 Euro gekommen«. Der Verbandschef forderte ferner mehr

Bildungsinvestitionen. Sonst würden aus armen Kindern wieder nur

Leistungsempfänger. »Das ist nicht nur eine menschliche Katastrophe,

sondern auch eine ökonomische.«