Kinder
in Not
Von Natalie Soondrum
Kinder spüren ganz genau, dass es
entscheidend ist für ihren Werdegang, ob sie in einer reichen oder armen
Familie aufwachsen. Das hat die erste World Vision Kinderstudie ergeben, für
die fast 1600 Kinder im Alter von acht bis elf Jahren befragt wurden. „Die
schlechteren Startchancen von Kindern aus den unteren Herkunftsschichten prägen
alle Lebensbereiche und wirken wie ein Teufelskreis“, sagte der Sozialwissenschaftler
Klaus Hurrelmann bei der Präsentation der Studie am
Mittwoch in Berlin.
Die Einzelporträts, die die Studie
ergänzen, machen das noch deutlicher. So sagt der elfjährige Hauptschüler
Kevin, Sohn einer alleinerziehenden Migrantin: „Ich wäre gerne schlauer.“ Auf Nachfrage
erläutert er, warum: „Also, weil man mit einem Hauptschulabschluss eigentlich
nicht viel anfangen kann. Ob ich da jetzt einen Job finde, und was dann so aus
meinem Leben wird.“ Nur 21 Prozent der Kinder aus der untersten Schicht gaben
an, sie wollten Abitur machen, in der obersten Schicht waren es dagegen 81
Prozent.
„Kind sein heißt in einer Familie
sein“, sagte Hurrelmann. Kinder seien auf Gedeih und
Verderb auf ihre Eltern angewiesen, nicht nur im Hinblick auf schulische Förderung,
sondern auch auf die Freizeitgestaltung.
Während ein Viertel der Kinder
vielseitigen Beschäftigungen wie Sport, Musik und Lesen nachgeht, sitzen
weitere 25 Prozent hauptsächlich vor dem Fernseher oder spielen Videospiele.
Die zweite Gruppe kommt laut Studie vor allem aus den unteren sozialen
Schichten. „Das unterschiedliche Freizeitverhalten schlägt voll auf die
Persönlichkeitsentwicklung durch. Das sind völlig getrennte Welten“, sagte Hurrelmann. An sich sei die Erkenntnis, dass wir eine
Klassengesellschaft haben, nichts Neues, sagte Sabine Andresen,
Koautorin der Studie. Aber das Ausmaß, in dem sich Kinderarmut heute auf die Zukunftchancen der Kinder auswirke, sei „eklatant“.
Die Forscher sind deshalb der Meinung,
dass die Politik der „Familienzentriertheit“ der Kindheit entgegenwirken muss.
Immer mehr Eltern seien mit den schulischen Anforderungen ihrer Kinder
überfordert. Alle Institutionen und Bereiche der Gesellschaft sollten
mithelfen, alle Kinder zu stärken. Im Übrigen glauben die meisten Kinder, dass
sich Politiker zu wenig für sie einsetzen. Das hat die Studie auch ergeben.
GHARTZ
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 248)
Datum: Donnerstag, den 25. Oktober 2007
Seite: 8