Kinder in Krippen sind psychisch gesünder

 

 

    Robert-Koch-Institut legt umfassende Studie vor / Schlechtes

    Familienklima und niedriges Einkommen fördern Krankheiten

 

 

        Kinder aus sozial schwachen Familien sind laut einer Studie

        öfter zu dick, depressiv und chronisch krank als Altersgenossen.

        Laut den Experten haben Kinder in Krippen seltener psychische

        Defekte.

 

 

        Berlin/Münster · Das Robert-Koch-Institut (RKI) stellte die

        bisher umfassendste Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit in

        Deutschland vor. Sie basiert auf einer Befragung von 17 641

        Kindern, Jugendlichen und Eltern. In "durchweg allen"

        Lebensbereichen wiesen Kinder aus benachteiligten Familien

        "schlechtere Ergebnisse" auf, bilanzierte Studienleiterin

        Bärbel-Maria Kurth. Besonders betroffen: Menschen mit

        Migrationshintergrund und Ostdeutsche.

 

 

        Die Studie zeigt eine Verschiebung von Krankheitsbildern: von

        akuten zu chronischen, von somatischen zu psychischen Leiden.

        Bei knapp 22 Prozent aller Kinder und Jugendlichen gebe es

        "Hinweise auf psychische Auffälligkeiten". Zehn Prozent hätten

        Angst, 5,4 Prozent Depressionen. Als häufigste Risikofaktoren

        nennen die Forscher "ungünstiges Familienklima" und niedrigen

        "sozioökonomischen Status".

 

 

        Kurth bezog Position im Streit über die Familienpolitik: Kinder,

        die Krippen besuchten, seien psychisch "weniger auffällig" als

        solche, die zu Hause blieben, sagte sie -- auf die Frage, was

        sie von der CSU-Forderung nach Betreuungsgeld halte. Sie erklärt

        sich den Unterschied damit, dass Krippenkinder dem Risiko eines

        ungünstigen Familienklimas weniger stark ausgesetzt sind.

 

 

        Gut ein Fünftel der Elf- bis 17-Jährigen weist Symptome von

        Essstörungen auf, Mädchen viel häufiger als Jungen. Mehr als 20

        Prozent aller Jugendlichen unter 18 rauchen, besonders viele

        Hauptschüler sowie Ostdeutsche. Bundesgesundheitsministerin Ulla

        Schmidt (SPD) bezeichnete dies ebenso als einen Anlass zur Sorge

        wie die Tatsache, dass ein Drittel bereits einmal in der Woche

        Alkohol trinkt. Im Großen und Ganzen seien die meisten Kinder

        und Jugendlichen in Deutschland aber normalgewichtig und

        ausgeglichen, betonte sie.

 

 

        Die Teilnahme an Früherkennungs-Untersuchungen für Kinder nimmt

        im Verhältnis zum Alter ab. Bei den Unter-Siebenjährigen liegt

        die Quote noch bei 90 Prozent, danach sinkt sie. 81 Prozent der

        Kinder nahmen an allen Tests teil, die bis zum sechsten

        Lebensjahr angeboten wurden.

 

 

        Der deutsche Ärztetag verlangte, der Staat solle die

        Früherkennungs-Untersuchungen zur Pflicht zu machen und den

        Eltern die Teilnahme ihrer Kinder bescheinigen. Durch ein

        Meldewesen sollten Eltern ausfindig gemacht werden, die sich

        dieser Pflicht entzögen. Auch müssten die Ärzte stärker auf die

        Lebensbedingungen der Kinder und mögliche psychische

        Auffälligkeiten achten. Untersuchungen in Kindergärten und

        Schulen sollten häufiger werden, nötig seien "effiziente

        Frühwarnsysteme", sagte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe.

 

 

        Ulla Schmidt zeigte für diesen Vorschlag zwar Sympathien; sie

        gab aber zu bedenken, der Staat könne "niemanden verpflichten,

        sich untersuchen zu lassen". Hohe rechtliche Hürden gebe es auch

        beim Impfzwang, der allenfalls bei Epidemien verhängt werden

        könne. M. Bergius / W. Wagner

 

 

          BERGIUS

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 114)

Datum: Freitag, den 18. Mai 2007

Seite: 4