Keine Rücksicht auf "Versager"

 

Bestürzende Ergebnisse einer neuen Studie zu den Einstellungen

der Deutschen / Langzeitarbeitslose stark diskriminiert

 

 

        Von Viktor Funk

 

 

        Berlin. "Deutsche Zustände, Folge 6" -- hinter diesem

        unspektakulären Titel der neuesten Studie des Bielefelder

        Instituts für interdisziplinäre Konfliktforschung verbirgt

sich

        eine unangenehme Erkenntnis: Die Mehrheit der Deutschen hat

        abwertende bis feindselige Einstellungen zu

Langzeitarbeitslosen

        -- 56 Prozent. 40 Prozent der Bundesbürger sind der

Meinung, die

        Gesellschaft könne keine Rücksicht auf "Versager" nehmen.

Mehr

        als ein Viertel hält moralisches Verhalten für Luxus.

 

 

        Diese deutschen Zustände hat der Leiter des Bielefelder

        Instituts, Wilhelm Heitmeyer, am Donnerstag in Berlin

        vorgestellt. Sein Institut analysiert seit 2002 und noch

bis

        2011 auf breiter Basis die "gruppenbezogene

        Menschenfeindlichkeit" in Deutschland. Während die

        Wissenschaftler beim Thema Fremdenfeindlichkeit einen

leichten

        Rückgang feststellten, überraschten sie die

weitverbreiteten

        negativen Meinungen über Langzeitarbeitslose. Diese Gruppe

        berücksichtigten sie in ihrer Studie zum ersten Mal.

 

 

        "Das Ergebnis ist bestürzend", sagte der Bundesbeauftragte

für

        die neuen Bundesländer Wolfgang Tiefensee (SPD). Nun gelte

es,

        die Untersuchung auszuwerten und zu handeln. Konkrete

Maßnahmen

        nannte er jedoch nicht. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang

        Thierse (SPD) wies auf die Hauptursache der Abwertung

sozial

        Schwächerer hin: die "Ökonomisierung der gesamten

Gesellschaft,

        mit dem Wandel von der Marktwirtschaft zur

Marktgesellschaft".

 

 

        Dass ausgerechnet Langzeitarbeitslose, die unter enormem

        materiellem Druck stehen, nun auch psychisch verstärkt

        stigmatisiert werden, überrascht Ottmar Schreiner (SPD)

nicht.

        Für den Leiter der Arbeitsgemeinschaft für

Arbeitnehmerfragen im

        Bundestag "ist die Diskriminierung die Folge der gesamte

        Hartz-IV-Debatte. Die war von Anfang an so ausgelegt, dass

Druck

        auf die Menschen ausgeübt wurde", sagte Schreiner der FR.

"Wenn

        wir tatsächlich -- wie oft gefordert -- eine Gesellschaft

mit

        Werten wie Familie haben wollen, dann brauchen wir eine

andere

        Debatte." Soziale Werte müssten "über dem wirtschaftlichen

        Nutzenkalkül stehen".

 

 

        Abwertung von Arbeitslosen zur Aufwertung von sich selbst

--

        dies sei eine gute Grundlage für Fremdenfeindlichkeit,

erklärte

        Wilhelm Heitmeyer. "Und die abwertenden Meinungen über

        Arbeitslose gibt es überall in der Gesellschaft, auch

unter den

        gut gebildeten Menschen." Daher sei der leichte Rückgang

bei

        Fremdenfeindlichkeit noch kein Beweis für einen positiven

Trend.

        Seite 13

 

 

          RVOLO

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 291)

Datum: Freitag, den 14. Dezember 2007

Seite: 5

 

 

  Briten erhalten mehr Arbeitslosenhilfe als Deutsche

 

 

    Leistungen in Deutschland liegen nur noch knapp über dem

    OECD-Durchschnitt

 

 

        Von Eva Roth

 

 

        Auf den ersten Blick klingt das Ergebnis einer

        Arbeitslosen-Studie beruhigend: Trotz der Hartz-IV-Reformen

        liegen die staatlichen Hilfen für Langzeitarbeitslose in

        Deutschland über dem OECD-Durchschnitt, meldet die

Organisation

        für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der

        Arbeitsmarkt-Experte Gerhard Bosch findet die Resultate

jedoch

        "deprimierend".

 

 

        In Deutschland erhält ein alleinstehender

Durchschnittsverdiener

        nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit noch 36 Prozent seines

        früheren Nettolohns als staatliche Hilfe, so die Studie.

Im Jahr

        2001 bekam er viel mehr, nämlich 54 Prozent. Die Leistungen

        liegen jetzt knapp über dem OECD-Schnitt von 32 Prozent.

 

 

        Deutschland sollte sich nicht an diesem Wert orientieren,

meint

        Gerhard Bosch, Direktor des Instituts für Arbeit und

        Qualifikation an der Uni Duisburg. Denn zur OECD gehörten

Länder

        mit relativ niedrigem Wohlstandsniveau wie Ungarn und

Nationen

        mit "minimalistischem Sozialstaat" wie die USA, die als

        Vorbilder ungeeignet seien. Er verweist darauf, dass

inzwischen

        sogar in Großbritannien die Hilfen mit 41 Prozent höher

seien

        als in Deutschland.

 

 

        Für Bundesbürger, die erst seit kurzem erwerbslos sind,

lohnt es

        sich kaum, eine schlechter bezahlte Arbeit aufzunehmen,

weil die

        staatlichen Leistungen relativ hoch sind, klagt die Studie.

 

 

        Dies sei "Vulgärpsychologie", schimpft Bosch. Die meisten

        Menschen wollten arbeiten, unabhängig von staatlichen

Hilfen.

        Zudem sei es "absolut sinnvoll", wenn gut ausgebildete

Leute

        nicht irgendeine schlecht bezahlte Stelle annehmen, auf

der sie

        ihre Qualifikation nach und nach verlieren. "Wir schaden

uns,

        wenn wir einen Teil der Bevölkerung ins Elend abstürzen

lassen",

        betont der Volkswirt.

 

 

          ROTH

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 291)

Datum: Freitag, den 14. Dezember 2007

Seite: 19