Junkies vors Parlament!

Polizist in Oslo will mit ungewöhnlichem Vorschlag Politiker aufrütteln

Von Hannes Gamillscheg

Die Politiker müssen das mit eigenen Augen sehen, damit sie verstehen, dass etwas geschehen muss“, sagt Kåre Stølen, Polizeichef in der City von Oslo, dem am härtesten von Drogenproblemen belasteten Bezirk. Daher will er den Junkies nun einen neuen Platz zum Rumhängen und Fixen anweisen: die Grünfläche vor dem Storting, Norwegens Parlament.

Jetzt sind die „Platten“ vor dem alten Ostbahnhof und der Glockenturm am Hauptbahnhof die meist frequentierten Treffpunkte der Süchtigen. Doch dort sind sie Freiwild der Wachleute und für den Tourismusverband eine Schande. Als in Oslo neue Stadtteile emporschossen und alte saniert wurden, jagte man die Junkies von einem Platz zum nächsten, doch Hilfe gab es nicht. 244 Menschen starben 2007 an einer Überdosis.

Schon vor drei Monaten ritt Stølen eine harte Attacke gegen die „völlig verfehlte Rauschgiftpolitik“. Man reduziere „kranke Menschen zu einem Problem der öffentlichen Ordnung“, die Polizei solle aufräumen. Damals gab es viel Lob für ihn, doch seither sei nichts geschehen, meint er. „Wo die Junkies sind, kommt kein Politiker hin. Sie müssen sie sehen, ehe sie helfen.“

Stølens Kampagne findet die volle Unterstützung von Rio, der Interessenorganisation der Junkies – „prima, dass sich ein Polizist das traut“, sagt der Vorsitzende Jon Storaas. Wenig Beifall kommt von der Behördenleitung. „Die Polizei kann keine politischen Aktionen steuern“, sagt Oslos Polizeichef Anstein Gjengedal und untersagte den Plan, die Süchtigen vors Parlament zu karren. Doch die wollen nun in Eigeninitiative zum Storting pilgern. „Alles, was wir uns wünschen, ist ein ruhiger Ort zum Fixen und Heroin auf Rezept“, sagte einer von ihnen der Zeitung Aftenposten.

Um die schweren Fälle solle sich das Gesundheitswesen kümmern, sagt Polizist Stølen, „wir wollen unsere Ressourcen lieber vorbeugend brauchen – bei den Jugendlichen, damit nicht auch sie mit einer Nadel im Arm enden.“ Kriminalität beim Drogenhandel werde die Polizei auch vor dem Parlament nicht dulden. „Aber die Süchtigen haben genauso viel Recht, sich in der Stadt aufzuhalten wie alle anderen. Vor dem Storting wie überall sonst.“

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 270)
Datum: Dienstag, den 18. November 2008
Seite: 8