Jeder zweite Arbeiter lebt in Armut

Experten erwarten eine erhöhte Erwerbslosigkeit / Globale Beschäftigungsentwicklung unsicher

Von Pierre Simonitsch

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf rechnet für das Jahr 2008 mit einer Zunahme der Arbeitslosen um fünf Millionen Menschen weltweit. Schuld daran seien die „wirtschaftlichen Turbulenzen, hervorgerufen größtenteils durch die Stürme auf dem Kreditmarkt und die Erhöhung des Ölpreises“, schreibt die ILO in ihrem Jahresbericht über die Weltbeschäftigungslage.

Die Autoren des Berichts sehen einen Tendenzwandel gegenüber dem vergangenen Jahr, das eine „leichte Stabilisierung der Arbeitsmärkte in aller Welt“ gebracht habe. 2007 seien 45 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden, und die Zahl der Arbeitslosen weltweit sei nur leicht von 187 auf 190 Millionen gestiegen.

„Im neuen Jahr setzt sich die Weltbeschäftigungslage aus Kontrasten und Ungewissheiten zusammen“, prognostiziert ILO-Generaldirektor Juan Somalia „Außer den Arbeitslosen gibt es zu viele Menschen, die zwar einen Job haben, aber damit nicht ihre Familie ernähren können und die daher jede Hoffnung verloren haben.“

Im Weltdurchschnitt fällt, so weisen es die Statistiken der ILO aus, jeder zweite Arbeiter unter die Kategorie der Armen. 487 Millionen Arbeiter oder 16,4 Prozent aller Beschäftigten verdienen weniger als einen Dollar pro Tag und pro Person, die sie zu ernähren haben. Diese Schwelle wurde von den Vereinten Nationen als absolute Armutsgrenze festgelegt. Weitere 1,3 Milliarden Arbeiter (43,5 Prozent) müssen mit einem Einkommen von weniger als zwei Dollar am Tag auskommen.

Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den westlichen Industriestaaten wurde bisher durch den wirtschaftlichen Aufschwung in Ländern der Dritten Welt – vor allem in Asien – ausgeglichen, stellt der ILO-Bericht fest. Dieser Kompensationseffekt könnte aber im laufenden Jahr verloren gehen. Die Experten befürchten daher ein Ansteigen der offiziellen Arbeitslosenrate von derzeit sechs auf 6,1 Prozent im Weltdurchschnitt.

Berücksichtigt man alle Erdbewohner im arbeitsfähigen Alter, so haben nur 62 Prozent von ihnen oder rund drei Milliarden Frauen undMänner einen Job. Der Mittlere Osten und Nordafrika weisen mit 11,8 und 10,9 Prozent die höchste Arbeitslosigkeit auf. Es folgen Lateinamerika und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion mit 8,5 Prozent im Schnitt. In Deutschland liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei 7,9 Prozent nach der ILO-Berechnungsmethode.

 

MSALZMANN



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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 20)
Datum: Donnerstag, den 24. Januar 2008
Seite: 19