Jeder soll Recht auf ein Girokonto haben
Bremen will das Recht auf ein Girokonto für alle durchsetzen. Der Senat beschloss am
Dienstag eine Bundesratsinitiative. Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) sagte,
zwar gebe es eine Art Selbstverpflichtung der Banken. Sie lehnten aber häufig Anträge
auf eine Kontoeröffnung ohne Begründung ab. Wer kein Konto habe, müsse die
vergleichsweise teuren Einzelüberweisungen vornehmen. Bundesweit seien 500 000
Menschen betroffen. Fr 3.9.08
Jeder hat das Recht auf ein Girokonto - Bremen will per Bundesratsinitiative Banken zu einem Angebot für alle Bürger zwingen
Von Markus Sievers
Eine halbe Million Menschen in Deutschland soll die Chance auf
ein Girokonto erhalten, um ungehindert am Wirtschaftsleben
teilnehmen zu können. Darauf zielt eine Gesetzesinitiative des
Bundeslandes Bremen. "Wir brauchen eine gesetzliche Regelung,
weil die Kreditwirtschaft freiwillig ihrer Aufgabe nicht gerecht
wird", sagte die Bremer Finanzsenatorin Karoline Linnert der FR.
"Wer kein Girokonto vorweisen kann, wird weitgehend vom
Wirtschaftsleben ausgeschlossen", kritisiert die Bremer
Bürgermeisterin. Sie schätzt die Zahl der Betroffenen bundesweit
auf 500 000.
Da stößt der Hartz-IV-Empfänger auf Probleme bei der
Wohnungssuche, weil er den Vermietern keine Einzugsermächtigung
geben kann. Eine Langzeitarbeitslose droht bei der Jobsuche zu
scheitern, weil Arbeitgeber eine Kontoverbindung erwarten. So
schildern Schuldnerberatungen die Nöte, die ein Leben ohne
Girokonto bereitet. Wer auf Alternativen wie Bareinzahlungen und
Überweisungen am Schalter ausweichen kann, zahlt wegen der
happigen Gebühren nach einer Untersuchung der
Verbraucherzentrale Hamburg zwischen 40 und 80 Euro monatlich.
"Viel Geld für Menschen mit geringen Einkommen", meint Linnert.
Einen "enormen Bedarf" für ein Recht auf ein Girokonto sieht
auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). "Heute
hängt es vom Wohlwollen der Banken ab, ob jemand ein Girokonto
bekommt oder nicht", sagt VZBV-Expertin Christina Beck.
Die Banken- und Sparkassenverbände, zusammengeschlossen im
Zentralen Kreditausschuss (ZKA), setzen auf das Prinzip
Freiwilligkeit. Bereits 1995 hat der ZKA eine Empfehlung zum
Girokonto für jedermann ausgesprochen. Demnach sollen die
Geldhäuser grundsätzlich jedem auf Wunsch ein Girokonto auf
Guthabenbasis einrichten, sofern nicht schwerwiegende Gründe
dagegen sprechen. Halten muss sich allerdings kein Institut an
diesen Appell. Daher hat die Bundesregierung die Banken und
Sparkassen aufgerufen, die Empfehlung durch eine
Selbstverpflichtung zu ersetzen, die rechtlich bindend wäre. Die
Branche weist selbst dies als überflüssig zurück, wie ein
Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Banken der FR
erklärte. Ende 2007 hätten 2,1 Millionen Bürger die
"Grundversorgung" in Form eines Girokonto auf Guthabenbasis
genutzt. Die Empfehlung wirke also. Nur bei schwerwiegenden
Gründen werde ein solches Angebot verweigert.
Linnert verweist dagegen auf "positive Erfahrungen" in Belgien,
das bereits einen Rechtsanspruch auf ein Girokonto geschaffen
hat. Auch der Bremer Gesetzesentwurf setzt -- wie die
ZKA-Empfehlung -- auf ein Guthabenkonto, bei dem Überziehungen
unmöglich sind. Zudem sollen Banken "Nein" sagen dürfen, etwa
wenn ihre Angestellten bedroht oder falsche Angaben gemacht werden.
Die Bundesregierung hat sich zwar wiederholt unzufrieden über
die ZKA-Empfehlungen geäußert. Dennoch zögert sie, Konsequenzen
zu ziehen. Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) setzt
stattdessen auf das Pfändungsschutzkonto, auch P-Konto genannt.
Das soll 2009 kommen und in Not geratene Menschen vorm Verlust
ihrer Bankverbindung bewahren. "Mit dem P-Konto erhält der
Schuldner ohne aufwendiges und bürokratisches Verfahren einen
automatischen Pfändungsschutz, der vermeidet, dass das Konto
wegen der bevorstehenden Pfändung blockiert wird und die Bank
deshalb das Konto kündigt", beschreibt Zypries die Absicht.
Helfen kann dieses Gesetz, das sich in den parlamentarischen
Beratungen befindet, allerdings nur, wenn jemand schon ein Konto
hat. Für die ohne Konto dämpft die Union die Hoffnung auf mehr.
Ihr finanzpolitische Sprecher, Otto Bernhardt, nennt die
Forderung nach einem Recht auf ein Girokonto "populär und im
Kern auch richtig, aber nicht praktikabel". Eine solche
Zwangsmaßnahme greife stark in die Vertragsfreiheit ein und
passe nicht zu einer Marktwirtschaft, so Bernhardt.
RSIEVERS
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 211)
Datum: Dienstag, den 09. September 2008
Seite: 15