Jahrmarkt der Ängste
Eine Tagung in Potsdam
Von Harry Nutt
Die Angst vor Knoblauch hat einen
Namen. In der psychiatrischen Fachsprache nennt man sie Alliumphobie.
Unter Venustraphobie versteht man die meist männliche
Angst vor schönen Frauen, und wenn sich jemand ernsthaft davor fürchtet, dass
einem die Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt, heißt das Arachibutyrophobie.
Selbst die Angst vor langen Wörtern lässt sich mit einem entsetzlichen, kaum
aussprechbaren Begriff bezeichnen. – Ängste, die den einzelnen im Alltag
erheblich behindern können, haben Konjunktur, und Schlagworte wie Vogelgrippe
und Terrorgefahr verweisen auf die enorme Präsenz gesellschaftlicher Ängste.
„Leben wir“, so fragte eine
internationale Tagung im Potsdamer Einstein Forum, „nach einer emotionalen
Ruhephase zu Ende des 20. Jahrhunderts heute in einem neuen Zeitalter von Zorn
und Angst?“ Trotz auffälliger Angstphänomene, deren Brandzeichen die in sich
zusammensinkenden Türme des World Trade Center sind, versuchte sich Rüdiger Zill vom Einstein Forum zunächst an einer
wissenschaftlichen Differenzierung. Es werde nicht in allen Zeiten gleich
gefühlt. Die emotionale Struktur historischer Zeitabschnitte ist schwer zu
bestimmen, doch unverkennbar sei auch, dass jede Zeit ihre emotionale Signatur
besitze.
Und es gibt auffällige Widersprüche.
Wurden die gesellschaftlichen Energien in der Bundesrepublik der 80er Jahre
angesichts des Ausbaus der Atomenergie und des Nato-Doppelbeschlusses in großem
Maße für Angstkommunikation aufgewandt, so ist in der Rückschau kaum zu
übersehen, dass gerade die öffentliche Bewusstwerdung ökologischer Bedrohungen
mit der vergleichsweise glücklichen Phase ökonomischer Prosperität und
individueller Lebensstilorientierung zusammenfiel. Angst war so gesehen eine
Art Schmierstoff für eine gut abgesicherte Wohlfühlzeit.
Gesellschaftliche Angst ist nicht
messbar, aber es lassen sich leicht Indizien für die Wellen der Angst finden.
Schon ein flüchtiger Blick auf die Cover-Produktion der Wochenzeitschrift
Spiegel zeigt, dass die Nachfrage nach Angstthemen groß ist. Beherrschten in
den 60er Jahren die politischen Köpfe das Titelgeschehen, so geht die Auflage
heute zunehmend über Aufreger mit Kontaktwert. Kein mediales
Erfolgsrezept, das sich nicht auch auf das Anrühren von Affekten versteht. Aber
schon die Mischung der Themen, die von Schulangst über Abstiegsangst bis zur
Angst vor Handystrahlen reichen, macht die Schwierigkeiten mit der Deutung des
empirischen Befunds offenkundig. Wer über Angst zu reden gelernt hat, muss
nicht zwangläufig Angst haben.
Für den Historiker Heinz-Dieter Kittsteiner (Frankfurt/Oder) sind die Spiegel-Titel
Ausdruck einer frei flottierenden Angst, die ihr
Objekt sucht. Während in der klassischen Literatur die Furcht vor etwas stets
einen konkreten Anlass hat, so ist Angst ein gegenstandsloses Gefühl, das
zugleich auch erhabener ist als Furcht. Alle Geschichte ist eine Geschichte der
Bindungsversuche von Ängsten. In einem furiosen Vortrag trug Kittsteiner philosophische, gestaltpsychologische und ikonographische Aspekte beim Umgang mit den
gesellschaftlichen Ängsten zusammen. Bei der Bearbeitung der Ängste, so Kittsteiner, sind die Menschen stets mit einer
Re-Personalisierung des Feindes befasst. Wenn Hexen verbrannt wurden, so war
dies vor allem ein angstüberwindendes Handeln am
gefürchteten Objekt. Hinsichtlich eines Fortschritts im Prozess der
Zivilisation gab sich Kittsteiner skeptisch. Europa
habe in der Gewinnung ökonomischer Macht Ängste abgelegt und kehre nun zu den
Ängsten zurück. Die tiefschwarze Lesart der Dialektik der Aufklärung gelte noch
immer. Es seien in der Moderne lediglich die Objekte ausgetauscht und neue
Ängste erzeugt worden.
Die Potsdamer Tagung überzeugte vor
allem durch ihren interdisziplinären Ansatz. Der amerikanische
Altertumsforscher David Konstan (Providence)
glich die modernen Angstkonzeptionen mit aristotelischen und epikureischen
Überlegungen ab, und der Max-Weber-Biograf Joachim Radkau
fragte nach den diffusen Ängsten und der Sehnsucht nach Leidenschaft. Der
Göttinger Psychiater Borwin Bandelow machte den
Zuhörern wenig Hoffnung, dass den individuellen Ängsten mit Vernunft und
Erkenntnis beizukommen sei. Sein Vortrag über die neurologische Verortung der
Angst war trotz des großen wissenschaftlichen Staunens und Nichtwissens über
die ubiquitären Angstphänomene zugleich der heiterste
der Tagung. Auf die Frage, wie er denn das Lachen des Publikums deute, gab Bandelow süffisant zurück: „Sie müssten erst einmal hören,
wie ich über Depressionen spreche.“
NUTT HARRY
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 30)
Datum: Montag, den 05. Februar 2007
Seite: 10