Immer mehr Niedriglöhner 5,5 Millionen Menschen verdienen weniger als 7,50 Euro pro Stunde. Dies zeigt eine neue Berechnung.

Frauen sind von dem Lohndumping am häufigsten betroffen: 63 Prozent der Geringverdiener sind weiblich

        Von Eske Hicken

Das niedrige Lohnniveau betrifft Minijobs, Teil- und Vollzeitstellen: Zusammengerechnet arbeiteten im vergangenen Jahr 5,5 Millionen Menschen für weniger als 7,50 Euro pro Stunde -- das sind 17,7 Prozent aller abhängig Beschäftigten. Zwei Jahre zuvor waren es noch 4,6 Millionen. Das hat eine aktuelle Berechnung des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen ergeben, die der Frankfurter Rundschau vorliegt.

 

Unter den Geringverdienern waren im vergangenen Jahr zwei Millionen Vollzeitbeschäftigte -- das ist knapp jeder zehnte. Im Vergleich zu 2004 ist das ein Anstieg von 10,7 Prozent.

 

Rund 1,9 Millionen Beschäftigte in Deutschland arbeiteten Im vergangenen Jahr sogar für weniger als fünf Euro brutto in Der Stunde. Zwei Jahre zuvor waren es noch 1,5 Millionen Menschen, die für diesen Betrag arbeiteten -- und damit auf einen Verdienst knapp über dem Sozialhilfesatz kamen. Sie alle würden demnach eine Lohnerhöhung bekommen, wenn ein allgemeiner, branchenübergreifender Mindestlohn von 7,50 Euro für alle Beschäftigten eingeführt würde, wie von den Gewerkschaften gefordert. Auch die geringfügig Beschäftigten verdienenweniger.

2006 bekamen 44 Prozent von ihnen weniger als 7,50 Euro – im Jahr 2004 waren es gut 41 Prozent. Und die Erhebung zeigt:

Vor allem Frauen arbeiten für Minilöhne. Rund 63 Prozent der unter 7,50 Euro Beschäftigten sind weiblich, 37 Prozent sind Männer.

 

Besonders verbreitet sind Minilöhne in kleinen Firmen. Bei Betrieben mit weniger als fünf Beschäftigten sind gut 39 Prozent der Belegschaft betroffen. In Großbetrieben mit mehr als

2000 Beschäftigen sind es nur 5,5 Prozent. Im Dienstleistungsbereich werden besonders häufig Minilöhne bezahlt. Am verbreitetsten sind sie im Gastgewerbe: Dort verdient gut die Hälfte aller Beschäftigten weniger als 7,50 Euro. Platz zwei belegen die unternehmensnahen Dienstleistungen mit rund 30 Prozent.

 

Das IAQ greift bei seiner Berechnung auf die neusten Daten des Sozioökonomischen Panels zurück, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erhebt. 2006 wurden 20 000 Menschen

Unter anderem nach Einkommen oder Lebenslauf befragt. Seiten 11

u. 16

 

 

          RKAPPUS

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 286)

Datum: Samstag, den 08. Dezember 2007

Seite: 1

 

 

  Hartz IV trotz Job

    Löhne erreichen in vielen Fällen nicht das Existenzminimum

        Von Roland Bunzenthal

        Immer mehr Beschäftigte sind trotz ihres Lohnes auf

zusätzliche

        Hilfe nach Hartz IV angewiesen. So stieg die Zahl dieser

        Aufstocker seit 2005 um die Hälfte auf insgesamt 1,3

Millionen.

        Von ihnen benötigte gut die Hälfte trotz eines

        sozialversicherungspflichtigen Voll- oder Teilzeitjobs

        finanzielle Unterstützung. Etwa 600 000 Betroffene hatten

        400-Euro-Jobs.

 

 

        Das Nürnberger Forschungsinstitut IAB begründet dies

damit, dass

        insbesondere Menschen mit geringer Qualifikation auf

zusätzliche

        Hilfe angewiesen seien. Das erklärt aber noch nicht den

Trend,

        dass die Löhne schneller steigen als das Arbeitslosengeld

und

        beide sich dennoch immer mehr überschneiden. Der Grund:

Die Zahl

        von Niedrigverdienern mit prekären Jobs wächst. Was ist zu

tun,

        um die Überschneidungen zu reduzieren? Prinzipiell gibt es

drei

        Möglichkeiten:

 

 

        -- Man senkt die Hartz-IV-Leistung auf die Gefahr hin,

dass das

        sozialstaatliche Gebot der Existenzsicherung verletzt wird.

 

 

        -- Der Staat stockt das Einkommen von niedrig verdienenden

        Eltern auf; sei es durch höhere familienpolitische

Leistungen

        oder sei es durch Lohnzuschüsse.

 

 

        -- Die unteren Entgeltgruppen werden überdurchschnittlich

        angehoben, etwa per Mindestlohn.

 

 

        Mindestens 11,80 Euro brutto

 

 

        Ein Mindestlohn von 7,50 Euro, wie ihn die Gewerkschaft

Verdi

        fordert, würde die Zahl vollzeitbeschäftigter

Transferempfänger

        "nicht nachhaltig verringern", glaubt das arbeitgebernahe

        Institut der deutschen Wirtschaft. Ein Familienoberhaupt

mit

        zwei Kindern müsse mindestens 11,80 Euro brutto verdienen,

um

        den Anspruch auf Stütze zu verlieren. Eine

Alleinerziehende mit

        Kind erhält selbst beim Stundenlohn von 10,60 Euro noch

Geld vom

        Amt.

 

 

        Also bleibt nur Variante zwei. Um den einen staatlichen

Topf zu

        schonen, sinnt die Koalition über neue öffentliche Töpfe

nach:

        "Erwerbstätigengeld" sagt das Arbeitsministerium,

Kinderzuschlag

        fordert das Familienressort.

 

 

        Doch wie errechnet sich eigentlich das Existenzminimum? Da

hat

        der Staat schon immer Kreativität an den Tag gelegt, um den

        Ärmsten in der Gesellschaft nicht zu viel zukommen lassen

zu

        müssen. So stieg der Regelsatz bei Hartz IV seit der

Einführung

        2005 um ganze zwei Euro. Gekoppelt an die

Rentenanpassungen wird

        Arbeitslosengeld II von der Lohnentwicklung abgehängt.

 

 

        Zur Begründung dient das "Statistikmodell", das zwar das

        Konsumverhalten unterer Einkommensschichten abbilden soll,

aber

        etliche Ausgabepositionen als nicht regelsatzrelevant

        herausstreicht. "So lebt im Grunde der längst tot geglaubte

        Warenkorb der Sozialhilfe -- nun auch in Hartz IV -- munter

        weiter", sagt der Paritätische Wohlfahrtsverband: "Die

Höhe des

        Regelsatzes ist damit von normativen und kaum begründeten

        Setzungen abhängig."

 

 

        Geht das Arbeitsministerium für den Bedarf auch weiterhin

von

        347 Euro aus, müsste nach Berechnungen des Verbandes der

        Regelsatz um 20 Prozent auf 415 Euro angehoben werden, um

        "wenigstens auf aller bescheidenstem Niveau" den täglichen

        Bedarf abzudecken.

 

 

          RBUNZENTHAL

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 286)

Datum: Samstag, den 08. Dezember 2007

Seite: 16

 

Zwei Millionen am Rande Von Eske Hicken

 

 

        Würde von heute an in Deutschland ein allgemeiner Mindestlohn

        von 7,50 Euro eingeführt, dann könnten 5,5 Millionen Menschen

        mit einer Gehaltserhöhung rechnen -- darunter zwei Millionen

        Vollzeitbeschäftigte. Die Lage hat sich verschlechtert: In den

        vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen gestiegen, die für

        weniger als 7,50 Euro pro Stunde arbeiten. Zum Vergleich: Wer

        7,50 brutto verdient, liegt knapp unter dem, was der Staat

        Gepfändeten als Existenzminimum zugesteht.

 

 

        In Deutschland verschieben sich zusehends die sozialen

        Verhältnisse. Die Folgen sind noch gar nicht absehbar. Wer wenig

        verdient, zahlt weniger Sozialbeiträge und kann schlechter für

        das Alter vorsorgen -- Einschnitte müssen auch diejenigen

        hinnehmen, die nicht dauerhaft Geringverdiener sein werden. Das

        ist umso mehr ein Problem, als in den vergangenen Jahren nicht

        nur die Löhne gesenkt wurden, sondern auch die Privatisierung

        der sozialen Sicherungssysteme vorangetrieben wurde. Mindestlohn

        betrifft keine Randgruppe, es geht um Schadensbegrenzung für

        Millionen Menschen.

 

 

          HICKEN

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 286)

Datum: Samstag, den 08. Dezember 2007

Seite: 11