*Im Sog der Armut *

 

Immer mehr Kinder leben heute in prekären Verhältnissen - und damit im

Teufelskreis aus Krankheit, Bildungsnot und Perspektivlosigkeit

 

*Von Jeannette Goddar *

 

*N*icht erst wenn Besuch kommt wird es eng bei den Alimis. Zwei

Erwachsene mit vier Töchtern in drei Zimmern und alle fast immer zuhause

- da ist es immer eng. Ruhig ist es bestenfalls nachts: Dann ziehen sich

Vater Hilmi und Mama Lirije mit dem Baby ins Schlafzimmer zurück, im

Durchgangszimmer schlummern die drei Mädchen, dicht an dicht. Das fünfte

Kind ist unterwegs. Wohin dann? Hilmi Alimi schlägt sich als

Hilfsarbeiter durch; Lirije ist mit den Kindern beschäftigt und muss

erst einmal die deutsche Sprache lernen. Das Geld reicht vorn und hinten

nicht.

 

Heute, wo außer der Oma, die fast immer da ist, noch ein weiterer Gast

kommt, rückt die sechsköpfige Familie auf dem Sofa zusammen. Die

Großmutter thront, ganz Familienoberhaupt, auf dem Sessel, das Geschehen

im Blick. Sie spricht kaum Deutsch, dafür umso mehr mit den Augen. Die

strahlen eine Warmherzigkeit aus, wie sie wohl nur Großmütter im

Repertoire haben.

 

Gekommen ist eine Frau, die mit Lirije Alimi einiges gemeinsam hat. Auch

sie hat drei Kinder, auch sie stammt aus dem Kosovo. Aufgewachsen ist

Kimete Beqiri allerdings in Berlin-Neukölln. Sie hat eine Ausbildung,

einen Job in der Verwaltung. Und Energie für drei. Wann immer ihre Zeit

es zulässt ist die 29-Jährige als Stadtteilmutter unterwegs. Wenn sie

Familien besucht, vor allem Mütter, hat sie Material im Gepäck und

Ansprechpartnerin für all die Fragen, die diese so haben können: Sollte

ich mein Kind in die Kita geben? Wie funktioniert das deutsche

Schulsystem? Wie ernähre ich die Familie gesund? Wie viel Fernsehen ist

gut? An wenn kann ich mich wenden, wenn ich Hilfe brauche?

 

Die Alimis sind eine Familie wie es sie zu Tausenden gibt. In

Berlin-Neukölln sowieso, aber eigentlich überall in Deutschland: Beide

Eltern sind zugewandert, er als Kind, sie als Erwachsene. Seine

Bildungskarriere war nicht sehr lang, ihre fand in einem anderen Land in

einer anderen Sprache statt. Ihre bald fünf Kinder gehören zu denen, die

sich in einer traurigen Statistik wiederfinden: jener der drei Millionen

Kinder, die als arm gelten. Dazu zählt, wer weniger als die Hälfte des

sogenannten "Median"-Einkommens zur Verfügung hat. Das ist der Wert,

über und unter dem je 50 Prozent der Bürger in Deutschland liegen. Er

gilt als zuverlässiger als das Durchschnitts-Einkommen.

 

Dass die Alimis nicht wissen, wie sie ihre Lage verbessern sollen, hat

viele Ursachen. Statistisch betrachtet erfüllen sie gleich zwei

Kriterien, die ihr Armutsrisiko massiv erhöht haben: 1. Sie haben

Kinder. 2. Sie sind zugewandert. Laut einer Analyse des

Sozio-Ökonomischen Panels des Deutschen Instituts für

Wirtschaftsforschung geraten Familien mit drei und mehr Kindern doppelt

so häufig in Geldnot wie andere. Jede vierte kinderreiche Familie (26,5

Prozent) lebt in Armut. Unter Migrantenfamilien sind es ebenso viele;

mancherorts mehr. Für NRW etwa hat die Bertelsmann-Stiftung ermittelt,

dass mehr als jedes dritte ausländische Kind unter 15 Jahren von Hartz

IV lebt. In Städten wie Bielefeld, Gelsenkirchen, Köln oder

Mönchengladbach ist es beinahe jedes zweite.

 

Ebenso wenig wie an Erhebungen zur Verbreitung von Armut mangelt es an

Studien über ihre Folgen. Vom Deutschen Kinderhilfswerk über Unicef und

World Vision bis zum Berliner Robert-Koch-Institut begleiten

Wissenschaftler seit Jahren Kinder aus benachteiligten Familien. Die

Liste der Armutsfolgen, die sie dabei feststellen, ließe sich beliebig

verlängern: Arme Kinder werden schlechter ernährt. Sie bewegen sich

weniger. Sie kommen öfter in Familien mit Suchtproblemen zur Welt - und

sind damit bereits vor ihrer Geburt benachteiligt. Laut der Kinder- und

Jugendgesundheitsstudie (Kiggs) des Berliner Robert-Koch-Instituts

rauchen Mütter arm geborener Kinder viermal häufiger als Mütter aus den

oberen Schichten.

 

Aber auch ohne ihr Zutun atmen die Mütter und ihre Kinder schlechtere

Luft als andere: Arme Familien leben in aller Regel in innerstädtischen

und verkehrsreichen Wohnquartieren. Sie sind mehr Abgasen und mehr Lärm

ausgesetzt. Hier liegt auch eine der Ursachen dafür, dass von Armut

betroffene Kinder häufiger Opfer von Unfällen werden.

 

Ein anderer Grund ist, dass sie schlechter geschützt sind: Sie tragen

seltener einen Fahrradhelm und gut sichtbare Kleidung. Überhaupt achten

ihre Familien weniger auf ihre Gesundheit; sie gehen seltener zu

Vorsorgeuntersuchungen oder überhaupt zu einem Arzt. Und auch zur

Impfung werden sie seltener geschickt.

 

Kinder in Armut werden laut Kiggs, die als erste umfassende Untersuchung

von Kindergesundheit Aufsehen erregte, auch häufiger Opfer von Gewalt.

Nahezu jedes dritte arme Kind macht Gewalterfahrungen; in Familien mit

hohem sozioökonomischem Status ist es jedes fünfte. Studien des

Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen (KFN) kommen sogar

zu noch höheren Zahlen. Das KFN weist zusätzlich darauf hin, dass Gewalt

sich nicht nur nach Schichten, sondern auch nach einzelnen Schulform

sortiert: Während unter Gymnasialschülern aus Elternhäusern mit

gesichertem Einkommen etwa vier Prozent im Laufe ihrer Kindheit

misshandelt werden, liegt der Anteil bei Hauptschülern aus armen

Elternhäusern bei mehr als 20 Prozent. Das ergab eine Umfrage des

Instituts unter 27 000 Schülern der vierten und neunten Klasse.

 

Das liegt natürlich nicht daran, dass die von vielen inzwischen wieder

als "Unterschicht" Bezeichneten per se schneller zuschlagen. "Mit der

Perspektivlosigkeit steigt der Frust in den Familien und damit die

Gefahr, dass Kinder zu Opfern werden", sagt der Leiter des Hannoveraner

Instituts, Christian Pfeiffer.

 

So weit, dass Eltern die Hand ausrutscht, muss es dabei gar nicht

kommen, um Kindern zu schaden. "Armut oder auch die Unmöglichkeit, eine

Ausbildung oder Arbeit zu bekommen, vergiftet schnell das

Familienklima", erklärt die Münchner Erziehungswissenschaftlerin Sabine

Walper. Diesen Druck bekämen die Kinder in jedem Fall ab - und

reagierten mit Pessimismus, Rückzug oder Aggressivität. "Das kann dazu

führen, dass sie bereits im Kindergartenalter von Ausgrenzung bedroht

sind: Weil sie die weniger beliebten oder interessanten Spielpartner

sind", sagt Walper. Und damit: von Beginn an schlechtere Chancen haben,

mit und von Gleichaltrigen zu lernen.

 

Der Einfluss von Armut auf Bildungsverläufe ist vielleicht die

bedrückendste Erkenntnis: Armut in Deutschland ist erblich. Schon in der

Grundschule wiederholen arme Kinder mehr als dreimal so häufig eine

Klasse. In der weiterführenden Schule schaffen es acht von zehn maximal

auf die Realschule. Wenn es heißt, die Schulleistungsstudie Pisa habe

auf den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg

aufmerksam gemacht, ist das nicht ganz richtig.

 

Jutta Allmendinger, Direktorin des Wissenschaftszentrums Berlin für

Sozialforschung, sagt, dass das so nicht stimmt: "Pisa hat vor allem

gezeigt, dass es anders geht", sagt Allmendinger. Bildungsarmut sei

"weder genetisch bedingt noch sozial zwingend. Sie wird bestimmt von den

Einrichtungen, die eine Gesellschaft sich leistet."

 

Dass Deutschland viel in Kinder und wenig in Institutionen investiert,

die zu ihrer Bildung beitragen, hat auch die Organisation für

wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jüngst

festgestellt. Etwa 40 Prozent des für sie zur Verfügung gestellten

Geldes werden an die Eltern gezahlt. In Ländern wie Dänemark oder

Schweden fließt nur jeder fünfte Euro in die Familien, dafür mehr in

Bildung und Betreuungsangebote.

 

Erneut angefacht wird die Debatte über Bildungsarmut von Erkenntnissen

des Deutschen Kinderhilfswerks. Der noch unveröffentlichte Kinderreport

2010 kommt zu dem Schluss, dass Deutschlands Bildungspolitik gegen

geltendes UN-Recht verstößt - nämlich gegen die Kinderrechtskonvention.

Davon, dass diejenigen Kinder gefördert würden, die im Sinne der

Konvention besonderer Förderung bedürften, könne "keine Rede sein",

konstatiert der Bericht. Der alle zwei Jahre auf Missstände in der

deutschen Kinderpolitik hinweisende Bericht wird am kommenden Mittwoch

in Berlin vorgestellt.

 

Wer nun etwas zynisch meint, in Armut lebende Kinder wüssten wenigstens

nicht, wie es um sie steht, irrt. Nach dem Vorbild der

Shell-Jugendstudien hat der Jugendforscher Klaus Hurrelmann 2007 in der

bundesweit ersten repräsentativen "Kinderstudie" Acht- bis Elfjährige

nach ihrer Vision für ihr Leben als Erwachsene befragt. Er stieß auf

eine frappierende Realität: Kinder aus armen Familien haben schon in

jüngsten Jahren eine andere Selbstwahrnehmung. Während aus gut

gestellten Familien acht von zehn Kindern im Grundschulalter das Abitur

anstrebten, nahmen sich das unter zehn armen Kindern nur zwei vor.

 

"Wenn Kinder mit acht, neun oder zehn bereits ihre mutmaßliche

Bildungsbiografie voraussehen", erklärte Hurrelmann, "dann ist zu

befürchten, dass dies massive Auswirkungen auf den tatsächlichen

Bildungsverlauf hat."

 

Dass Familienbildung Hilfe leistet, wie die Neuköllner Stadtteilmütter

im Auftrag des Diakonischen Werks, ist unstrittig. Ebenso unstrittig

ist, dass Familien bisher nur von Modellversuchen profitieren. Projekte,

die "Pro Kind" oder "Rucksack," "Hippy" oder "Stadtteilmütter" heißen,

helfen hier und da. Aber nicht systematisch.

 

Dabei hat Kimete Beqiri schon mit ihrem einstündigen Besuch bei den

Alimis wieder einen kleinen Schritt gemacht: Nächste Woche, haben die

Eltern zugesichert, schauen sie sich nach einer Kita um.

Fr 20.11.09