"Ich höre die Armut"
SOZIALES. Not der Kinder verbirgt sich unter einer Schicht
von Wut, Abwehr und
Trotz. Eine Aktion der Gewerkschaft Erziehung.
Kinderarmut - für viele ist der Begriff zum Reizwort
geworden. Was er im Alltag
bedeuten kann, wissen die Lehrer am allerbesten. Sie erleben
hautnah, wenn Kinder
ohne Frühstück, in zu großen Schuhen oder unausgeschlafen
zum Unterricht kommen. Dass
15 787 Düsseldorfer Kinder unter 15 Jahren in Haushalten von
Hartz-IV- oder
Sozialhilfeempfängern leben, lässt vielen Pädagogen keine
Ruhe. Sie gehen jetzt
erstmals auf die Straße, um wachzurütteln. Die Gewerkschaft
Erziehung und
Wissenschaft (GEW) hat eine breit angelegte Aktion
gestartet. Ihr Motto "Arm in
unserer reichen Stadt".
Was macht Armut aus? Die Frage sei schwer zu beantworten,
sagt Ida Kaup, Konrektorin
an der Förderschule Sprache (200 Schüler). Denn von Kindern,
die auf Wellpappe
schlafen müssen, sei nicht die Rede. Aber wenn die kleinen
Mädchen auf Stöckelschuhen
in die Grundschule kommen, wenn
Kinder keine Sportsachen besitzen, kein Geld für den
Ausflug mitbringen und nur selten etwas Essbares zum
Frühstück in der Tasche haben,
dann spüre ein Lehrer die Not. "Manchmal höre ich die
Armut", sagt die Pädagogin:
"Wenn ein Kind erzählt, dass es nicht geschlafen hat,
weil die Leute in der Wohnung
darüber die ganze Nacht laute Musik gemacht haben, dann weiß
ich Bescheid."
Drei Kinder ein Bett
Kinderarmut sei heute verbunden mit Isolation und
Ausgrenzung aus einer
Gesellschaft, in der man sich alles leisten kann. Von
Hausbesuchen kennt Ida Kaup
erschreckende Szenen: Zwei oder gar drei Kinder, die sich
ein Sofa als Schlafplatz
teilen müssen. Kein Platz und keine Ruhe für die
Hausarbeiten. Eltern, die ständig
über Geld streiten.
"Den Kindern ist oft nicht bewusst, was ihnen fehlt.
Sie kompensieren den Mangel mit
Wut, Aggression, nässen ein, stehlen."
Die Offene Ganztagsschule sei ein großer Fortschritt für
diese Kinder, lobt die
Lehrerin das Engagement der Stadt. "Die Kinder lieben
das gemeinsame Mittagessen".
Aber leider könnten viele Eltern das Geld dafür nicht
aufbringen. An ihrer
Gerresheimer Schule an der Gräulinger
Straße kostet das Essen 40 Euro im Monat. Für
eine Schülerin wird es vom Förderverein bezahlt. Ida Kaup: "Das Mädchen wurde immer
schlechter in seinen Leistungen. Jetzt ermöglichen wir ihm
damit die
Ganztagsbetreuung und verhindern wahrscheinlich, dass es zur
Schulversagerin wird."
Aber die GEW will keine Almosen für Benachteiligte.
"Die Kinder müssen spüren, dass
sie ein Teil unserer Gesellschaft sind", fordert sie.
Zum 1. Mai wird die Kinderarmut
Hauptthema am Stand der Lehrergewerkschaft im Hofgarten
sein.
Konkrete Forderungen: Die Stadt müsse bedürftigen Kindern
das Mittagessen in der
Schule bezahlen und die Kosten für die Schulbücher
übernehmen. Und die Stadt müsse
wieder den Armuts- und Reichtumsbericht veröffentlichen, den
sie vor Jahren
eingestellt habe.
02.04.2007 URSULA POSNY