»Hungerjahrhundert«
Über eine Milliarde Menschen leiden weltweit an Unterernährung. Globale Wirtschaftskrise droht, die Lage weiter zu verschärfen
15.10.2009 / Kapital & Arbeit / Seite 9Inhalt
Von Ralf Wurzbacher
|
|
Die Zahl der hungernden Menschen in der Welt wird in diesem
Jahr erstmals die Milliardengrenze überschreiten. Nach aktuellen Daten der
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat
jeder sechste Erdenbewohner nicht ausreichend zu essen, um den täglichen
Kalorienbedarf zu decken. Trotz punktueller Erfolge im Kampf gegen
Mangelernährung im Verlauf der zurückliegenden 20 Jahre ist das Ausmaß der
Armut in absoluten Zahlen weiter gewachsen. Darauf hat am Mittwoch die deutsche
Welthungerhilfe anläßlich der Vorstellung des
Welthunger-Index 2009 (WHI) hingewiesen. Am schlimmsten sind demnach Frauen und
Kinder betroffen; rund 70 Prozent der weltweit 1,4 Milliarden Armen seien
weiblichen Geschlechts. Mit einer Besserung ist in naher Zukunft nicht zu
rechnen – im Gegenteil: Die Weltwirtschaftskrise dürfte die Lage
voraussichtlich weiter verschärfen.
Der seit 1990 zum inzwischen vierten Mal erfaßte
Welthunger-Index basiert auf der Erhebung dreier Parameter: dem Anteil der
Unterernährten in der Bevölkerung, dem Anteil untergewichtiger Kinder unter
fünf Jahren und der Zahl jener Kinder, die vor Erreichen des fünften
Lebensjahrs sterben. Die Erhebung wurde am Mittwoch von der Welthungerhilfe und
dem International Food Policy Research Institute
(IFPRI) in Washington herausgegeben und zeitgleich in den USA und Kenia
veröffentlicht. Zu den 84 auf der Rangliste geführten Entwicklungs- und
Schwellenländern zählen 29 Staaten, deren Hungerstatus als »alarmierend bzw.
extrem alarmierend bezeichnet werden muß«, heißt es
in der Studie. Ganz unten rangieren demnach die
Demokratische Republik Kongo, gefolgt von Burundi, Eritrea, Sierra Leone und dem
Tschad. Fast sämtliche Staaten, deren WHI-Bewertung
sich nach 1990 verschlechtert hat, lägen in Afrika südlich der Sahara. Dabei
stehe der Anstieg der Armut in den meisten Fällen im Zusammenhang mit Kriegen
und gewaltsamen Konflikten.
Zum Teil »bemerkenswerte Fortschritte« ermittelten die Autoren der Studie für
Regionen Südasiens, im Nahen Osten, Nordafrika und Lateinamerika. Die
prozentual größten Sprünge gelangen den Fidschi-Inseln, Malaysia, der Türkei,
Kuwait und Tunesien. Eine Entspannung der Situation sei in Angola, Ghana,
Nicaragua, Vietnam und Äthiopien zu verzeichnen, wobei letzteres nach wie vor
zu den sechs ärmsten Ländern zu rechen ist. Auch für den südasiatischen Raum
bewege sich der WHI –trotz »erheblicher« Verbesserungen – nach wie vor auf
»erschreckend hohem Niveau«.
Entsprechend dramatisch sind die absoluten Zahlen: In Asien hungern laut WHI
642 Millionen Menschen, 265 Millionen sind es im südlichen Afrika und 53
Millionen in Südamerika.
Allein in Indien leben demnach 230 Millionen Menschen in Hunger, ihnen stehe
pro Tag umgerechnet weniger als ein Dollar zur Verfügung. Im Kongo leiden sogar
76 Prozent an Unterernährung. Insgesamt, so die Bilanz, habe die Bekämpfung des
Hungers im globalen Maßstab seit 1990 »nur langsame Fortschritte gemacht«,
Südafrika werden lediglich »minimale Erfolge« bescheinigt, dort und in Südasien
sei der Hunger »weiterhin groß«.
Angesichts der anhaltenden Weltwirtschaftskrise warnte die Präsidentin der
Welthungerhilfe, Bärbel Diekmann, vor Pressevertretern in Berlin: »Das 21.
Jahrhundert droht zum Hungerjahrhundert zu werden.«
Tatsächlich bildet der WHI nur die Situation des Jahres 2007 ab, aktuellere
Daten sind noch nicht verfügbar. Insofern könne der Bericht »nur zum Teil den Einfluß der gegenwärtigen Finanzkrise oder die Folgen der
Nahrungsmittel- und Energiepreissteigerungen auf die Ernährungssicherheit
bewerten«, schreiben die Autoren. Allerdings gehen sie davon aus, daß die Auswirkungen des globalen Abschwungs »vor allem bei
denjenigen spürbar werden, die ohnehin schon arm sind und an Hunger leiden«.
Wegen des mit der Rezession verbundenen Investitionsrückgangs in der
Landwirtschaft rechnet das IFPRI bis 2020 mit zusätzlich 16 Millionen von
Unterernährung betroffenen Kindern.
Diekmann appellierte an die internationale Gemeinschaft, »ihre Versprechungen
und die Hungerredzuzierung ins Zentrum der Krisenbekämpfung zu stellen«. Von
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wünschte sich die Verbandschefin größere
Anstrengungen bei den Themen Armutsbekämpfung und ländliche Entwicklung im
Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Die BRD habe trotz wachsender
Probleme im Inland eine globale Verantwortung. »Entwicklungshilfe darf nicht
die Fortsetzung staatlicher Interessenpolitik mit anderen Mitteln sein.«
In dieselbe Richtung zielt auch die bereits am Montag geübte Kritik der
evangelischen Hilfsaktion »Brot für die Welt« und der deutschen Sektion der
Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung FIAN. Aus Anlaß des Welternährungstages am Freitag haben deren
Vertreter der internationalen Gemeinschaft »Versagen« vorgeworfen. Als Ursache
der Misere nannten sie eine ungerechte Handelspolitik der Industriestaaten und
Untätigkeit gegen den »skandalösen Ausverkauf von Land in Afrika«. Demnach
wirkten die Programme der Weltbank und der Welternährungsorganisation »als
Konjunkturpakete für die Saatgut- und Düngerindustrie, helfen aber nicht den
Hungernden«, erklärte die FIAN-Geschäftsführerin, Ute
Hausmann. Zudem forciere die Weltbank die Privatisierung von Land im Interesse
von Investoren. Mit Blick auf den Welternährungsgipfel Mitte November in Rom
mahnen die Organisationen eine grundlegende Reform der internationalen
Ernährungspolitik an. Dabei müsse die UN die »Koordination, Strategiebildung
und Überwachung« übernehmen.
Der Hunger ist weiblich
Frauen am stärksten von Unterernährung betroffen
Von Vera Gaserow
Die Zahl der
weltweit hungerleidenden Menschen wird in diesem Jahr
erstmals die Milliardengrenze überschreiten. Wegen der globalen
Wirtschaftskrise, die die Armen in den Entwicklungsländern am härtesten trifft,
wird 2009 zum historischen Rekordjahr des Hungers werden, bilanziert die
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).
Frauen leiden dabei überproportional häufig an Unterernährung.
Das listet der globale Hunger-Index 2009 der Welthungerhilfe auf. 70 Prozent
der 1,4 Milliarden Armen auf der Welt sind weiblich. Dabei nähmen Frauen eine
"Schlüsselrolle" im Kampf gegen den Hunger ein, kritisiert Bärbel
Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe.
Der Report untersucht erstmals den Zusammenhang von
Ernährungslage und Gleichberechtigung. Er zeigt: Wo Frauen schlechter gestellt
sind, ist der Hunger insgesamt größer. Dort, wo Frauen in Haushalt und auf
Gemeindeebene Einfluss haben, sind sie selbst besser ernährt und ihre Kinder
besser versorgt.
Nach "Jahrzehnten bescheidener Fortschritte" steige im Zuge der Wirtschaftskrise die Anzahl der Unterernährten wieder, konstatiert der Welthunger-Index. In sechs afrikanischen Ländern südlich der Sahara sei das Hungerproblem "gravierend". Trauriges Schlusslicht auf dem Index ist die Demokratische Republik Kongo. Das Land wird seit Jahren von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen gebeutelt. Doch auch in 23 anderen Ländern stuft der Bericht die Lage als "sehr ernst" ein, darunter auch im boomenden Schwellenland Indien.
Fr 15.10.09
Viele Kinder sterben an Bagatellerkrankungen
Rund 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben nach
UN-Angaben jedes Jahr an behandelbaren Durchfallerkrankungen. Nach
Lungenentzündungen sei das die zweithäufigste Todesursache
für
Unter-Fünf-Jährige in Entwicklungsländern, erklärten das
Kinderhilfswerk Unicef und die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch in Genf. An Durchfall sterben
danach mehr Kinder als an Aids, Malaria und Masern zusammen. epd