Hunger und Elend gehen zurück – bloß in Afrika nicht

Die Menschheit kommt im Kampf gegen Armut bis 2030 stärker voran als je zuvor – prognostiziert die Weltbank als eine Folge der Globalisierung.

Von Markus Sievers

Aus Sicht von Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) ist die Einschätzung aus einer aktuellen Weltbank-Studie eine Ermutigung für die Entwicklungshilfe. „Der Bericht zeigt uns, welche Fortschritte in der Armutsbekämpfung möglich sind, wenn die Politik die Weichen richtig stellt“, sagte die Entwicklungshilfeministerin der Frankfurter Rundschau.

Die Autoren der Studie sprechen von „guten Nachrichten für die Armen dieser Welt“. Getragen vom rasanten globalen Wirtschaftswachstum verbesserten sich die Lebensbedingungen in den benachteiligten Ländern deutlich. Ausnahme sei das Afrika südlich der Sahara, das als einzige Weltregion vom Aufschwung ausgeschlossen bleiben dürfte.

Im Jahr 2030 werden laut Weltbank 550 Millionen Menschen in tiefster Armut leben, halb so viele wie heute. Gemeint sind alle, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Das Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungsländern wird sich der Prognose zufolge mehr als verdoppeln. Damit hätten diese Staaten im Schnitt einen Lebensstandard wie heute Tschechien und die Slowakische Republik. Länder wie China, Mexiko oder die Türkei kämen auf das Wohlstandsniveau von Spanien im Jahr 2006.

Treibende Kraft ist das enorme globale Wachstum. Rascher als in der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert nimmt im 21. Jahrhundert der Wohlstand zu, weil die Staaten ihre Grenzen geöffnet haben, weil die bevölkerungsreichsten Länder, China und Indien, nach dem Eintritt in den Weltmarkt boomen und weil Technologien wie das Internet sich rasant verbreiten. Zudem verbessert sich die Politik laut Weltbank vielerorts: Die Regierungen senken die Zölle und kämpfen gegen Inflation und Haushaltsdefizite.

So optimistisch sich die Vorhersagen anhören – die Ökonomen haben vorsichtig gerechnet. Sie unterstellen für die Entwicklungsländer ein durchschnittliches Wachstum von 4,2 Prozent im Jahr– deutlich weniger als zuletzt. Aber auch unter dieser konservativen Annahme setzt sich der Aufholprozess der Armen fort. Die Kaufkraft der Entwicklungsländer werde 2030 größer sein als die der wohlhabenden Nationen. Bis dahin entsteht laut Weltbank eine „globale Mittelschicht“ von 1,2 Milliarden Menschen. Hunderte Millionen Inder, Chinesen oder Mexikaner können sich dann Autos, Reisen und anderen Luxus leisten. Die Studie weist auch auf Risiken hin. Es wird weniger Arme geben, aber die Gegensätze werden nicht verschwinden, sondern sich möglicherweise verschärfen – zwischen den Ländern und innerhalb der aufstrebenden Länder. Glänzende Aussichten hätten Arbeitnehmer mit einer guten Ausbildung, die anderen drohten weiter zurückzufallen.

Für die Regierungen hat die Weltbank daher vor allem einen Rat: Sie sollten für einen sozialen Ausgleich sorgen, damit die Menschen bereit seien, die gigantischen Umwälzungen mitzutragen. Keine Chance gibt sie Politikern, die versucht sein sollten, die „nächste Welle der Globalisierung“ abzuwehren.

 

RSIEVERS

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 296)

Datum: Mittwoch, den 20. Dezember 2006

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Armut in der Welt