Hunger nimmt weltweit
zu
Lage in 33 Ländern ernst
Fast eine Milliarde Menschen auf der Welt leiden Hunger. Im
vergangenen Jahr ist die Zahl derer, die nicht genug zu essen haben, um 75
Millionen auf 923 Millionen gestiegen. 2008 sei sogar ein noch größerer Zuwachs
von Betroffenen zu befürchten, warnte die Welthungerhilfe bei der Vorstellung
des Welthunger-Indexes.
Nach dem Bericht, der vom International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington erstellt
wird, herrscht in 33 Ländern eine „eine sehr ernste“ oder „gravierende“
Hungersituation. Schlusslicht auf dem Index sind die
Demokratische Republik Kongo, gefolgt von Eritrea, Burundi, Niger und Sierra
Leone. In einigen Ländern wie Peru, Brasilien oder Vietnam gebe es zwar
Fortschritte bei der Hungerbekämpfung, sagte Joachim von Braun vom IFPRI-Institut. Insgesamt jedoch sei die Bekämpfung des
Hungers kaum voran gekommen. Das Millenniums- Ziel,
mit dem sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, bis 2015 den weltweiten
Hunger zu halbieren, sei so erst in 30 Jahren zu erreichen, sagte von Braun.
Als Folge der Weltfinanzkrise registrieren die Experten zwar
ein leichtes Sinken der im letzten Jahr in die Höhe geschossenen
Nahrungsmittelpreise. Gleichzeitig werde es deutlich schwerer, die dringend
nötigen Investitionen in die Agrarproduktion zu mobilisieren. Angesichts der
dramatischen Lage forderte die Vorsitzende der Welthungerhilfe Ingeborg
Schäuble ein „Rettungspaket“ von jährlich zusätzlich zehn Milliarden Euro zum
Ausbau der Landwirtschaft in den Entwicklungsländer.
Die EU, so drängte Schäuble, solle dafür diese Woche die Milliarde Euro
freigeben, die ursprünglich für EU Agrarsubventionen vorgesehen waren. vgo
RGASEROW
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 241)
Datum: Mittwoch, den 15. Oktober 2008
Seite: 16
Die Krise hinter der Krise
Die Direktorin des UN-Welternährungsprogramms warnt: Eine
hungrige Welt ist eine instabile Welt / Ein Gastbeitrag
Von Josette Sheeran
Während die Staatenlenker der Welt von der Finanzkrise
vereinnahmt werden, ist jetzt der Moment gekommen, den Schwächsten ein Signal
zu geben. Die multiple Krise – Ernährung, Energie, Kredit, Immobilien – wird
alle Menschen hart treffen, aber für 923 Millionen Hungernde bedeutet sie einen
Kampf auf Leben und Tod. Für sie wäre es ein machtvolles Zeichen der Hoffnung
in Zeiten scheinbarer Hoffnungslosigkeit, wenn die EU den Vorschlag der
Kommission annehmen würde: Sie möchte eine Milliarde Euro für die Bauern in den
ärmsten Ländern der Welt bereit stellen, damit sie
sich wieder ernähren können.
Dabei geht es nicht nur um Spenden für die Hungernden oder
Mitgefühl für die Hilflosen. Warum darum scheren? Es geht um eine entscheidende
Investition in die globale Stabilität und Sicherheit. Eine hungrige Welt ist
eine instabile Welt. Eine Weisheit besagt: Es liegen nur sieben Mahlzeiten
zwischen Zivilisation und Anarchie – spätestens, wenn auch die siebte Mahlzeit
bedroht ist, sind Menschen zu allem bereit, um ihre Kinder zu ernähren.
In diesem Jahr haben ein rasant zunehmender Mangel an
Nahrungsmitteln, explodierende Energiekosten und Wetterdesaster zugleich neue
Dimensionen des Leids über die Armen gebracht und bereits alle Menschen, die
von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben, gezwungen auf ganze Mahlzeiten
zu verzichten.
Viele Parallelen wurden bereits gezogen zwischen der aktuell
eskalierenden Finanzkrise und der Großen Depression in den 30er Jahren des
letzten Jahrhunderts. Konfrontiert mit zusammenbrechenden Banken und massiver
Arbeitslosigkeit zog sich damals Nation nach Nation in den Nationalismus und
Protektionismus zurück. 25 Länder wurden zu Diktaturen zwischen der Großen
Depression und dem Zweiten Weltkrieg. Wir dürfen nicht zulassen, dass die
Geschichte sich wiederholt. Die Staaten der Welt müssen am selben Strang
ziehen, um die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren – aber auch, damit die ärmste Milliarde Menschen nicht noch weiter zurück fällt.
Deswegen ist der Vorschlag der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments,
jetzt eine Milliarde Euro für die Hungernden und die ärmsten Bauern der Welt
bereit zu stellen, die richtige Idee zur richtigen Zeit.
Sie bietet den EU-Mitgliedsländern die Chance, den Bauern
mit Saatgut, Düngemitteln und Beratung zur Seite zu stehen und ihnen dabei zu
helfen, dass die schwächsten Menschen dieser Welt, viele von ihnen Kinder, eine
elementare Ernährung erhalten. Dies ist umso dringender, da die Finanzkrise die
weit weniger widerstandsfähigen Banken der Entwicklungsländer noch härter
treffen und an den Rand des Zusammenbruchs führen könnte, wie ein in dieser
Woche veröffentlichter Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) belegt.
Gerade bevor die Finanzkrise über sie hereinbrach, hatte die
Welt auf die Ernährungskrise geantwortet – aber wir sind noch nicht einmal aus
dem Gröbsten heraus. Die Lebensmittelpreise sind immer noch um mindestens 50
Prozent höher als noch vor einem Jahr, und viele Bauern drosseln wegen der
Rekordpreise für Saatgut und Dünger ihre Produktion.
Europa hat in dieser Krise bislang Führungskraft bewiesen,
indem es half, Agrarmärkte in den Entwicklungsländern durch Geld für die
Ernährungshilfe zu fördern. Mit diesen Mitteln wird das UN World Food Programme
(WFP) allein in diesem Jahr für über eine Milliarde Euro in über 70
Entwicklungsländern Nahrungsmittelhilfe lokal einkaufen und so den Teufelskreis
des Hungers durchbrechen. Auf weiteren Hunger aber würde weitere Instabilität
folgen, wie wir bereits Anfang des Jahres erlebt haben, als Hungerunruhen von
Haiti über Westafrika bis nach Südasien ausbrachen.
RBÖRNECKE
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 241)
Datum: Mittwoch, den 15. Oktober 2008
Seite: 16
Am Ende der Verwertungskette
Die internationale Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die
Schwellenländer
Von Paul Collier
Die derzeitige Finanzkrise ist für uns in den westlichen
Gesellschaften ein solcher Alptraum, dass kaum jemand darüber nachdenkt, welche
Auswirkungen sie auf die armen Länder haben wird. Dabei sind gerade die
verarmten kleinen Länder („die unterste Milliarde“) schwer und nachhaltig
betroffen. Die direkten Auswirkungen werden sich sofort und einschneidend
bemerkbar machen, aber das eigentliche destruktive Potential dieser Krise
besteht in einer subtilen und allmählichen Veränderung der Gesinnung.
Armes Land = kein Kredit
Die offensichtliche und unmittelbare Auswirkung ist
wahrscheinlich von geringster Bedeutung: Den ärmsten Ländern wird der Zugang zu
den globalen Kreditmärkten versperrt. Wenn die Risikolust im Finanzsystem
gering ist, erscheinen neu aufstrebende Märkte wie Ghana zu unsicher. Das
klingt schlimmer, als es ist, denn diese Länder hatten zuvor, als noch genug
Geld vorhanden war, auch nicht unbedingt Zugang zu globalem Kredit. Und das
Vorhaben einiger dieser Länder, sich Geld zu leihen, war vielleicht gar keine
so gute Idee: Der letzte große Kredit, den diese Länder aufnahmen, stürzte sie
in eine Schuldenkrise.
Die andere direkte Auswirkung, die wir in den nächsten
Monaten erleben werden, besteht im Ende des Rohstoffbooms. Die Rohstoffpreise
sind zum ersten Mal seit den siebziger Jahren signifikant gestiegen, und ich
hatte darin eine Möglichkeit für Afrika erhofft, sich zu entwickeln. Hohe
Profite hätten die massiven Investitionen, die so bitter nötig sind,
finanzieren können. Doch wer weiß, wie lange der Rohstoffboom noch anhält. Das
Öl ist bereits von seinem Höchstpreis von 140 auf unter 90 Dollar gefallen, und
die Preise der für den industriellen Zyklus so wichtigen Stoffe wie Kupfer
rutschen ebenfalls ab. Sambia, der größte afrikanische Kupfer-Exporteur, hat
gerade erst angefangen, die Kupfergesellschaften zu besteuern – von den ersten
drei Jahren des Booms profitierten hauptsächlich indische und chinesische
Minengesellschaften. Vielleicht kam die Besteuerung für diesen Rohstoffzyklus
zu spät: Die Preise sind bereits von 8000 auf 5000 Dollar pro Tonne gefallen,
und wenn sie weiter fallen, wird es wenig Kupferprofite zu besteuern geben.
Die nachhaltigste und bedeutendste Auswirkung der Krise wird
meiner Meinung nach die auf die Gesinnung sein. Seit dem Zusammenbruch der
Sowjetunion gibt es nur noch ein sozio-ökonomisches
Modell: das der marktorientierten Demokratie. Die Dominanz dieses Modells hat
Francis Fukuyama in seinem Buch „Das Ende der
Geschichte“ beschrieben. Seit fast zwei Jahrzehnten wird diese Struktur den
afrikanischen Führungseliten aufgedrängt, die widerwillig und meist nur
teilweise ihre Marktwirtschaft liberalisieren und Privatisierung und
Deregulierung zulassen. Genauso widerwillig haben sie freie und offene Wahlen
zugelassen.
Der Demokratiegedanke hatte angesichts der Vorgänge im Irak
schon gewaltig an Einfluss verloren und afrikanische Staatsoberhäupter fühlten
sich ermutigt, Wahlbetrug zu begehen. Doch jetzt führt die Implosion in der
amerikanischen und europäischen Wirtschaft, die wir der inadäquaten
Deregulierung durch die Apostel des ungezügelten Kapitalismus verdanken,
wahrscheinlich dazu, dass die afrikanischen Oberschichten sich in ihrer
feindseligen Haltung der freien Marktwirtschaft gegenüber bestärkt sehen.
Keine Regulierung = Betrug
Die Bedeutung der freien Marktwirtschaft für die Entwicklung
wurde zweifellos überschätzt und zu sehr angepriesen. Zwischen den Arten von
wirtschaftlichen Aktivitäten wurde nicht klar unterschieden. Bei einigen, wie
etwa Produktion und Handel, haben die Kapitalismusapostel Recht: Regulierung
ist hier ein fataler Klotz am Bein, der der Korruption Tür und Tor öffnet. Aber
bei anderen ist Regulierung unerlässlich. Die Banken sind die Hüter unseres
Geldes: Ohne effektive Regulierung ist in den leitenden Positionen die
Versuchung sich zu bereichern zu groß. Das Dogma der freien Marktwirtschaft hat
dort, wo Regulierung fehlte, zu vorhersehbar unglücklichen Folgen geführt, wie
zum Beispiel bei einer Reihe von Bankbetrugsfällen in kleinen Ländern, die
ohnehin schon nicht sehr stabil waren. Besonders nah dran war Italien, als der
Zusammenbruch in Albanien zu einer sozialen Implosion führte.
Genauso ist die Regierung verpflichtet, den Rohstoffabbau zu
überwachen. Die natürlichen Ressourcen, die von den Minengesellschaften
abgebaut werden, gehören den Bürgern und es obliegt der Regierung, die
Interessen des Volkes zu vertreten und die Erträge zu sichern. Eine
Vernachlässigung dieser Pflicht wird bittere Folgen haben, wenn der derzeitige
Rohstoffboom ein Ende hat und die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden. Auch
bei den sogenannten leitungsgebundenen
Netzwirtschaften (Eisenbahn usw.) spielt die Regierung eine große Rolle. Ohne
Marktregulierung werden Netzwirtschaften schnell zu privaten Monopolen, was
eines der verheerendsten Wirtschaftsmodelle ist, die
man sich vorstellen kann. Die negativen Folgen von fehlender oder inadäquater
Regulierung bei den Netzwirtschaften treten meist erst viel später zutage: aber
versuchen Sie mal, in England mit dem Zug zu fahren.
Obwohl man vielleicht zu viel Gewicht auf die freie
Marktwirtschaft gelegt hat, ist sie doch für die meisten wirtschaftlichen
Aktivitäten unerlässlich. In der langen Ära der staatlich kontrollierten
Wirtschaft herrschten Korruption und Stagnation. Die Oberschichten der armen
Länder weigerten sich nicht gegen die Liberalisierung aus den eben angeführten
differenzierten Gründen, sondern weil die Öffnung des Marktes eine Bedrohung
ihrer Machtstellung bedeutete. Als in Nigeria für öffentliche Projekte ein
offenes Ausschreibungsverfahren eingeführt wurde, sanken die Kosten um 40
Prozent. Die Politiker konnten jetzt den Zuschlag für Verträge nicht mehr an
Geschäftspartner erteilen und Bestechungsgeld kassieren. Die Aufteilung des
Marktes beugt nicht nur Korruption vor, sondern ist auch dynamischer:
Investitionen können gemacht werden, ohne Geld für politische Protektion
ausgeben zu müssen. Es steht nun zu befürchten, dass die korrupten
Führungseliten, die sich durch das Scheitern der Demokratie im Irak ermutigt fühlten,
freie Wahlen zu manipulieren, die derzeitige Wirtschaftskrise zum Anlass nehmen
werden, Hände reibend das alte System der Vetternwirtschaft und Korruption
wieder einzuführen.
Übersetzung: Andrian Widmann
Paul Collier ist Wirtschasftsprofessor
in Oxford und Autor von „Die unterste Milliarde: Warum die ärmsten Länder
scheitern und was man dagegen tun kann (Verlag C.H.Beck)
COLLIER
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 241)
Datum: Mittwoch, den 15. Oktober 2008
Seite: 37
15.10.2008 / Titel / Seite 1, jw
size=2 width="100%" align=center>
Die vergessene Krise
Von Jana Frielinghaus
Während die Politik zwölfstellige Rettungspakete für
Großbanken auflegt, nimmt eine Krise, bei der es für eine Milliarde Menschen um
Leben und Tod geht, unbeachtet ihren Lauf. Am Dienstag stellten die deutsche
Welthungerhilfe und das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungspolitik
IFPRI anläßlich des Welternährungstages am 16.
Oktober in Berlin den sogenannten Welthungerindex
2008 vor, mit dem die Situation in derzeit 88 Ländern veranschaulicht wird und
die Entwicklung der letzten Jahre nachgezeichnet werden kann. Das Ergebnis:
Fortschritte auf der einen und Rückschritte auf der anderen Seite ergeben »auf
globaler Ebene Stagnation«, konstatierte IFPRI-Direktor
Joachim von Braun.
Bei den absoluten Zahlen verzeichnet das IFPRI gar eine
dramatische Verschlechterung: Allein im Jahr 2007 wuchs die Zahl der Hungernden
weltweit um 75 Millionen auf 923 Millionen. Im Jahr 2008 kommen nach
Einschätzung von Brauns »noch einmal mindestens 75 Millionen Menschen hinzu«,
denen es am Nötigsten fehlt. Ingeborg Schäuble, Vorsitzende der
Welthungerhilfe, erklärte, dies sei »eine Schande für die Menschheit«, denn:
»Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere.« Nötig sei »ein Rettungspaket gegen den Welthunger«.
Mit dem Index werden die Sterblichkeitsrate von Kindern
unter fünf Jahren, der Anteil der Kinder unter fünf Jahren mit Untergewicht und
der Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung des Landes bewertet. Am
schwersten von Hunger betroffen sind demnach afrikanische Länder südlich der
Sahara, insbesondere Staaten wie Äthiopien, Liberia, Sierra Leone und die
Demokratische Republik Kongo.
Zur dramatischen Verschlechterung seit Mitte 2007 hat vor
allem die Explosion der Nahrungsmittelpreise beigetragen. Dabei schätzt Joachim
von Braun den Anteil der Spekulation an den Warenterminbörsen am Preisanstieg
als eher gering ein. Der Boom der Bioenergieproduktion dagegen hat nach IFPRI-Angaben mit rund 30 Prozent zum Preisanstieg
beigetragen. Weitere wesentliche Ursachen sind Klimawandel, Bevölkerungswachstum,
steigender Ölpreis und wachsender Fleisch- und Milchkonsum.
Die Finanzkrise habe aktuell zu einem Absinken der
Agrarpreise beigetragen, so von Braun. Dies bedeute jedoch nur eine
kurzfristige Erleichterung für die Armen. Gleichzeitig werde der Zugang zu
Kapital für dringend nötige Agrarinvestitionen und für Ernährungsprogramme noch
mehr erschwert.
Angaben zur Situation im Irak, in Afghanistan oder in
Somalia fehlen im Welthunger-Index, weil für diese Länder keine verläßlichen Daten vorliegen. Gleichwohl besteht für IFPRI
kein Zweifel, daß die Lage dort besonders dramatisch
ist. Und während auch die Bundesrepublik vor allem ihre milliardenschwere
militärische Präsenz am Hindukusch ausbaut, leiden
nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam von Ende
September fast fünf Millionen Afghanen unter unerträglicher
Nahrungsmittelknappheit, eine Million afghanische Kinder sind im kommenden
Winter akut vom Hungertod bedroht.
Ingeborg Schäuble forderte eine Erhöhung der Ausgaben der
Industriestaaten für die Förderung der Landwirtschaft in den
Entwicklungsländern um jährlich mindestens zehn Milliarden Euro.