Hohes Maß an verdeckter Armut

Viele Betroffene kennen ihre Ansprüche nicht oder verzichten auf staatliche

Hilfe - das belegt eine Studie

In Deutschland gilt ein Zehntel der Bevölkerung als arm. Neben den

Empfängern von Sozialleistungen zur Sicherung des Existenzminimums zählen

dazu auch viele Menschen, die auf eine ihnen zustehende Hilfe verzichten.

 

Ohne Hilfe vom Staat (FR-Infografik)

+ Ohne Hilfe vom Staat (FR-Infografik)

Frankfurt a.M. · "Die verdeckte Armut erreicht fast die Größenordnung der

bekämpften. Auf drei Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt kommen

mindestens zwei, eher drei Berechtigte", die sich nicht beim Amt melden.

Lösen diese Armen ihre Ansprüche ein, müssten die Sozialämter noch mal ein

Drittel bis zur Hälfte mehr zahlen. Zu diesem Ergebnis kommen die

Frankfurter Wissenschaftler Irene Becker und Richard Hauser.

 

Sie haben für ihre Modellrechnung drei große Haushaltsstichproben

ausgewertet und auf dieser Basis die verdeckte Armut für das Jahr 1998

kalkuliert. Ergänzende Auswertungen zeigen: Die Zahlen haben sich bis 2003

kaum verändert. Als arm definieren die Forscher hier jene, die nicht über

das gesetzlich festgelegte Existenzminimum verfügen. Etwa 40 bis 50 Prozent

der Berechtigten - das sind mindestens 1,8 Millionen Frauen, Männer und

Kinder - fielen demnach durch das unterste Auffangnetz der Sozialhilfe.

 

Definition von Armut

        Die EU-Statistik errechnet für Deutschland einen Mittelwert von 1500 Euro

gewichtetes Einkommen. Davon 60 Prozent, also rund 900 Euro, gelten als

Armutsgrenze. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt sie bei 1850 Euro.

 

Die deutsche Statistik weist derzeit knapp fünf Millionen Empfänger von

Arbeitslosengeld II auf, rund 1,8 Millionen Bezieher von Sozialgeld (meist

Kinder) und 400 000 Rentner mit Grundsicherung. Dazu kommen verdeckte Arme. rb

Inzwischen hat sich dieses Netz durch die Hartz-IV-Reform stark verändert.

Die Zahl der verdeckten Armen habe dadurch geringfügig zugenommen. Die

ausländische Bevölkerung, Beschäftigte mit geringem Lohn sowie ältere

Frauen scheinen deutlich überproportional davon betroffen zu sein.

 

Scham, Stolz, Fehlinformationen - die Forscher machen vielfältige Gründe

aus, warum Bedürftige auf ihren Anspruch verzichten. Zwei wiegen besonders

schwer. Unwissenheit: Mehr als die Hälfte der verdeckt Armen ging davon

aus, Sozialhilfe zurückzahlen zu müssen. Dass auch Beschäftigte Anspruch

auf ergänzende Sozialhilfe hatten, war vielen nicht bekannt. Die

Hartz-Gesetze könnten dieses Informationsdefizit vergrößert haben: "Die

Working Poor dürften sich noch seltener als anspruchsberechtigt sehen als

vor der Reform - denn sie sind ja nicht arbeitslos."

Stigmatisierungsängste: Verdeckt Arme waren weniger bereit als

Sozialhilfeempfänger, Unannehmlichkeiten auf Ämtern zu erdulden.

 

Stigma Bedürftigkeit

 

Die Wahrnehmung von Stigmata sei für einen beträchtlichen Teil

ausschlaggebend für den Verzicht. Entsprechend geringer fällt der Anteil

verdeckt Armer unter Alleinerziehenden aus, deren Bedürftigkeit mehr

Verständnis entgegengebracht wird. Zur Bekämpfung verdeckter Armut

empfehlen die Forscher: Mehr Informationen, aufsuchende Sozialarbeit und

Vorsicht mit Behauptungen über angeblichen Sozial-Missbrauch.

 

Nicht definitiv klären können die Forscher, wovon diese Menschen leben.

Irene Becker sieht hier ein Erkenntnisdefizit: Viele der heimlichen Armen

würden wohl "entsparen", also Rücklagen auflösen. "Das geht natürlich nur

eine Weile." Noch eine andere Lücke weist die Studie auf: Die rund 100 000

Nichtsesshaften in Deutschland entziehen sich den Haushaltsbefragungen der

Panel.

 

Laut EU-Berechnungsmethode sind gar 13,5 Prozent der Bevölkerung in

Deutschland arm. Brüssel geht vom Mittelwert der Einkommen aus und legt die

Messlatte bei 60 Prozent an. Roland Bunzenthal

 

 

 

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Dokument erstellt am 18.01.2006 um 17:24:10 Uhr

Erscheinungsdatum 19.01.2006