Halbe Sache
Laut Studie geht die Zahl der Armen zurück – aber mehr Niedriglöhner trotz Aufschwungs
Von M. Bergius und E. Roth
Berlin. Die Kontroverse über Armut in Deutschland hat durch
aktuelle Forschungsergebnisse neue Nahrung bekommen. Das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW) präsentierte am Dienstag eine Studie, wonach die
Zahl der von Armut bedrohten Personen zwischen dem Jahr 2005 und 2006 von 18,3
auf 16,5 Prozent der Bevölkerung zurückgegangen ist. Der wirtschaftliche
Aufschwung und die damit einher gehende Belebung am Arbeitsmarkt hätten dafür
gesorgt, dass etwa 1,2 Millionen Menschen „nicht länger vom Armutsrisiko
betroffen“ seien, betont das DIW mit Blick auf die Lage 2006.
Diese Aussage dürfte insbesondere Wirtschaftsminister
Michael Glos zufrieden stimmen. Der CSU-Politiker
hatte seinen kabinettsinternen Widersacher Olaf Scholz (SPD) im Frühjahr
wiederholt der Schwarzmalerei bezichtigt. Grund: Auch der SPD-Sozialminister
hatte unlängst einen Armuts- und Reichstumsbericht
vorgelegt, der jedoch nur bis 2005 reichte und – so Glos
– damit „die sozialen Erfolge der letzten Jahre ausblendete“. Mit den aktuellen
Erhebungen sei „zum Teil widerlegt“ worden, dass die Menschen nicht vom
jüngsten Aufschwung profitiert hätten, sagte DIW-Chef Klaus Zimmermann. Der DGB
sah das gestern anders: Die Studie spiele das Artmutsproblem herunter und diene
der Stimmungsmache gegen Mindestlöhne.
Als arm oder gefährdet gilt laut der vom DIW verwendeten Definition,wer mit weniger als 60
Prozent des mittleren Jahreseinkommens über die Runden kommen muss. Als
Untergrenze für das Jahr 2006 wurde für Alleinstehende ein Nettobetrag von 891
Euro im Monat herangezogen. Besorgt äußert sich das DIW über die Entwicklung
der Dauerarbeitslosigkeit, worunter eine Periode von zwei aufeinander folgenden
Jahren verstanden wird. Ihr Anteil lag in den 1990er Jahren noch stabil bei
unter acht Prozent ; nach der Jahrtausendwende sei er
„markant“ auf über zwölf Prozent angestiegen, so die Studie.
Die DIW-Forscher haben sich auch angeschaut, wie sich die
Markteinkommen der Privathaushalte entwickelt haben. Berücksichtigt werden
dabei alle Einkünfte, die nicht vom Staat kommen, also Löhne, Zinsen und auch
der Mietwert der eigenen Wohnung. Demnach sind die realen Markteinkünfte
innerhalb von 15 Jahren gerade mal um fünf Prozent gestiegen. Gleichzeitig
stieg die Einkommensungleichheit bis 2005 stark an – in Ostdeutschland sei sie
geradezu „explodiert“, sagte Mitautor Joachim Frick der FR. 2006 sei die
Ungleichheit dann erstmals seit 1991 leicht zurückgegangen – sie war aber immer
noch deutlich größer als in den 1990ern.
Betrachtet man nur die Löhne der Beschäftigten, so stellt
das DIW fest: Die durchschnittlichen Reallöhne sind zwischen 2006 und 2007
gesunken. Immerhin habe die Lohnspreizung nicht weiter zugenommen. Auch der Niedriglohnsektor
sei nicht weiter gewachsen: 2007 waren demnach 23 Prozent aller Beschäftigten
Geringverdiener, sie erhielten weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns.
Allerdings stieg im Zuge des Jobaufbaus die absolute Zahl der Niedriglöhner – und das mitten im Aufschwung. Dieser Befund
sei „deprimierend“, sagt der Niedriglohn-Experte der Uni Duisburg-Essen,
Gerhard Bosch.
RBERGIUS
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 218)
Datum: Mittwoch, den 17. September 2008
Seite: 5