HIV-Infektionen
bleiben hoch
VON TAMARA HECK
Die Zahl der
Menschen, die sich in Düsseldorf mit dem HI-Virus
infizieren,
bleibt nach Angaben des Vereins Aidshilfe weiterhin
hoch.
Düsseldorf gehört zu den sechs deutschen Großstädten, die
besonders
stark durch HIV und Aids betroffen sind. "Das liegt
unter anderem
daran, dass die größte Risikogruppe der
homosexuellen
Männer, eher in Städten lebt", sagt Peter von der
Forst, Leiter
des Vereins.
In diesem Jahr
haben sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts
schätzungsweise 66Menschen in Düsseldorf mit dem Virus
angesteckt,
davon 57 Männer und acht Frauen. Vor allem 30- bis
50-Jährige
seien betroffen. Insgesamt leben in der Stadt über
1800 Personen
mit HIV oder haben bereits eine Aidserkrankung.
Von der Forst
nennt zwei Gründe für die seit 2000 steigenden
Zahlen. Zum
einen sterben weniger Menschen an Aids, da es
wirksamere
Medikamente gibt, um das Fortschreiten der Krankheit
zu
verlangsamen. Zum anderen registrierendie Menschen,
dass Aids
besser
behandelt werden kann. Manche denken, es könne
vollständig geheilt
werden. Dadurch nehmen sie den Schutz vor
einer
Infektion nicht so ernst. "Sie sind weniger vorsichtig und
mehr Menschen
stecken sich mit dem Virus an", sagt von der Forst.
Damit gerade
die Jugendlichen daran denken, sich vor Aids zu
schützen,
veranstaltete das Gesundheitsamt zusammen mit der
Welthungerhilfe eine Aktion im Ufa-Kino am Hauptbahnhof. Die 450
Schüler sahen
eine Dokumentation über den Rapper "FidQ" aus
Tansania und
den Berliner Rapper "Prinz Pi", die sich am
Projekt
der
Welthungerhilfe beteiligten: Zusammen nahmen sie Lieder auf,
die von HIV
und Verhütung handeln. Über die Musik wollen sie
mehr Jugendliche
erreichen und sie über Aids aufklären. Am
Dienstag sehen
sich weitere Klassen die Dokumentation an.
Aktionen zum
Welt-Aids-Tag
Die Aidshilfe
und auch andere Organisationen starten ab heute
wieder
zahlreiche Aktionen, um den Erkrankten zu helfen und die
Menschen an
die Gefahren von Aids zu erinnern:
Vor dem "Sevens" auf der Königsallee steht heute und am Montag
von 10 bis 20
Uhr ein Informationsstand, an dem es auch den
diesjährigen
Plüschbären gibt, mit dem man den Verein
unterstützen
kann.
Am Sonntag
geben Karin Stemmer-Wisser, Susanne Adolf und Norbert
Kasprowski ein Klangkonzert in der Bergerkirche
(Bergerstraße
18b). Der
Eintritt ist frei.
Am Montag
spendet der Friseursalon "Image Hair Line"
in Ratingen
(Heiligenhauser Straße 7) seine Tages-Einnahmen an die
Aidshilfe. Am
Hauptbahnhof können Jugendliche im
Jugendinfo-Zentrum zeTT (Willi-Becker-Allee
310) an einem
Parcours
mitmachen und alles über Verhütung und Aids erfahren.
Infos,
Aktionen und Beratung unter www.duesseldorf.aidshilfe.de
<http://www.duesseldorf.aidshilfe.de>
- /TAMARA
HECK
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.280
Datum: Samstag, den 29. November 2008
Seite: Nr.40
Syphilis & Co.
öffnen die Pforten
In Deutschland
infizieren sich wieder mehr Menschen mit dem
Aids-Erreger /
HIV-Therapie hat langfristig oft schwere Nebenwirkungen
Von Nicola
Siegmund-Schultze
Los Angeles
1981. Bei fünf homosexuellen Männern diagnostizieren
Ärzte eine
bislang unbekannte Kombination von Krankheitszeichen:
eine seltene
Form der Lungenentzündung, einen ebenfalls seltenen
Tumor, das
Kaposi-Sarkom, und Pilzinfektionen. Die Mediziner
rätseln. Die
Symptome sind ihnen nur im Zusammenhang mit
angeborener
oder durch Medikamente hervorgerufene Immunschwächen
bekannt. Aber
darauf gibt es keinen Hinweis bei den Patienten.
Das
merkwürdige Krankheitsbild, das kurz darauf auch bei
heterosexuellen Menschen auftritt, erhält den Namen "acquired
immune deficiency", zu Deutsch: erworbene Immunschwäche, in
der
Kurzform Aids.
Gut ein
viertel Jahrhundert später stecken sich täglich rund
7000 Menschen
neu mit dem Erreger von Aids an, dem HI-Virus. Auf
33 Millionen
wird die Zahl der Infizierten weltweit geschätzt,
davon 2,5
Millionen Kinder unter 15 Jahren. Die meisten
Betroffenen
leben in afrikanischen Ländern südlich der Sahara.
"HIV ist
zu einem Symbol für eine globalisierte Welt geworden --
allerdings für
eine abwehrgeschwächte", sagt Christoph Benn von
der
Sonderabteilung Aids der Vereinten Nationen (Unaids).
Ein Virus
erobert die Welt
Den Sprung
über die Artgrenze vom Tier zum Menschen hat das
Virus neuesten
Erkenntnissen zufolge vermutlich früher geschafft
als bisher
angenommen, nämlich zwischen 1884 und 1924 im
westlichen Zentralafrika (Nature, Band 455). In diesen
Zeitraum
fällt die
Urbanisierung der Region, von der die Verbreitung des
Virus
vermutlich ihren Ausgang nahm.
Dass heute
immerhin circa jeder dritte Patient in
Entwicklungsländern eine HIV-Therapie erhalten kann, ist auf
eine in diesem
Umfang neue Solidarisierung von Betroffenen in
westlichen
Ländern mit infizierten oder gefährdeten Menschen in
aller Welt zurückzuführen, sagt Benn.
Die
Lobbyarbeit begann mit Hauptbetroffenen in den USA:
gebildeten,
untereinander gut vernetzten Homosexuellen mit
Erfahrung in politischer Arbeit. Sie
habe, so Benn, zu einer
internationalen und politisch wirksamen Mobilisierung für
Chancengleichheit und ein stärkeres Bewusstsein für
Gerechtigkeit
und Fairness bei der Gesundheitsversorgung
geführt. In
der Folge seien Versorgungsstrukturen verbessert und
die Preise für
Aidsmedikamente in Entwicklungsländern um bis zu
95 Prozent
gesenkt worden. Die internationalen Organisationen
stellten
insgesamt mehr Mittel für die Grundversorgung in armen
Regionen zur
Verfügung, und auch die einzelnen Nationen hätten
ihre
Gesundheitsetats erhöht.
Im vergangenen
Jahr hat die UN-Vollversammlung als Ziel
formuliert,
bis 2010 sollten mindestens 80 Prozent der
Infektionsgefährdeten und Infizierten Unterstützung zur
Prävention,
Therapie und zum Leben mit der Krankheit erhalten,
so der
UN-Experte. Ebenfalls 2007 wurde beim G8-Gipfel in
Heiligendamm
beschlossen, 60 Milliarden US-Dollar für die
kommenden fünf
Jahre zur Bekämpfung der HIV-Infektion, von
Malaria und
Tuberkulose bereit zu stellen, allein 50 Milliarden
Dollar sollten
aus den USA kommen. Dennoch seien Prävention und
Therapie von
HIV unterfinanziert.
So sieht es
auch das Europäische Parlament. Die Zahl der
Neuinfektionen
steige in einigen Ländern der Europäischen Union
wie
Großbritannien und östlichen EU-Nationen "erschreckend an",
heißt es in
einer Entschließung des Parlaments vor wenigen
Tagen. Elf
Prozent der neu infizierten Menschen seien unter 25
Jahren.
Im Juli 1982
wurde Aids erstmals in Deutschland diagnostiziert,
nämlich an der
Universitätsklinik Frankfurt. Seither haben sich
circa 86 000
Menschen angesteckt, 35 200 sind an Aids erkrankt
und etwa 27
500 daran gestorben (Epidemiologisches Bulletin Nr.
47, 2008 vom
Robert-Koch-Institut Berlin). Deutschland nimmt
zwar mit circa
33 Neudiagnosen pro Jahr und Million (Mio.)
Einwohner
einen hinteren Rang in Europa ein (aktuellste Zahlen
von 2006: http://www.eurohiv.org).
In Portugal sind es rund
sechs Mal so
viele (205 Neuninfektionen pro Mio Einwohner und
Jahr) und in
Großbritannien gut vier Mal so viele wie in
Deutschland
(149 pro Mio.). Im gesamten Bereich der EU
infizierten
sich 2006 jährlich 111 Menschen pro Million Einwohner.
Trotz der
vergleichsweise niedrigen Zahlen in Deutschland: Die
Neudiagnosen
haben sich seit 2001 etwa verdoppelt, von damals
1443 auf 2750
im Jahr 2007, 2008 werden es circa 3000
Neuinfizierte
sein. Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts
(RKI) ist der
steigende Trend nicht nur auf mehr Tests,
verzögerte
Diagnosen und Meldungen zurückzuführen, sondern auch
darauf, dass
sich wieder mehr Menschen anstecken.
Beschleuniger
Internet
Von den
Neuinfektionen sind zu circa 70 Prozent Männer, die Sex
mit Männern
haben, betroffen, circa 20 Prozent sind auf
heterosexuelle
Kontakte zurückzuführen. Die übrigen infizieren
sich durch das
gemeinsame Nutzen von Spritzen beim Drogenkonsum;
jährlich
stecken sich zudem 15 bis 20 Kinder vor oder während
der Geburt bei
ihren Müttern an.
Homosexuelle
Männer waren hierzulande schon immer stärker
betroffen von
HIV als heterosexuelle Menschen, weil für Männer,
die Sex mit
Männern haben, das Risiko beim ungeschützten Verkehr
größer ist.
Aber auch die neuen Medien könnten eine Rolle
spielen, so
das RKI: In Internetforen suchen homosexuelle Männer
zunehmend nach
Partnern, die -- wie sie selbst -- entweder
HIV-positiv
oder -negativ sind. Für Nichtinfizierte sei das
Risiko, sich
anzustecken, besonders hoch, weil die Angabe
"HIV-negativ" sehr unsicher sei, warnen die RKI-Experten.
Außerdem
erleichtern andere sexuell übertragbare Krankheiten wie
Syphilis,
Gonorrhö und Infektionen mit Chlamydien es dem
Aids-Virus,
sich in neue Zellen einzuschleusen und erhöhen das
Übertragungsrisiko. Allein die Zahl der gemeldeten
Syphilis-Fälle
hat sich seit 2001 in Deutschland verdoppelt.
Ob die
HIV-Infektion ihren Schrecken verloren hat und die
Menschen
wieder höhere Risiken durch weniger Kondomgebrauch
eingehen, wird
kontrovers diskutiert. Möglicherweise schützen
sich besonders
gefährdete Risikogruppen weniger als zuvor.
Beitragen zur
neuen Sorglosigkeit könnten auch die neuen
Medikamente.
Bei der Weltaidskonferenz in Mexico-City im August
wurde
deutlich: Mit einer intensiven HIV-Therapie lässt sich die
Vermehrung der
Viren vollständig stoppen.
Aber eben nur
dies. Aus dem Körper eliminieren lassen sich die
Viren nicht.
Denn sie bauen ihre Erbsubstanz in Zellen ein, die
das
immunologische Gedächtnis bilden: Monate und manchmal Jahre
liegen diese
in einer Art Dornröschenschlaf, bis sie durch
erneuten
Kontakt mit einem Krankheitserreger erwachen und sich
die Viren in
ihnen vermehren.
Eine
jahrzehntelange HIV-Therapie aber hat schwere
Nebenwirkungen. Sie macht viele Betroffenen vorzeitig krank,
arbeitsunfähig
und pflegebedürftig. Die Deutsche Aidshilfe setzt
sich daher
zunehmend mit der Frage auseinander, wo und wie die
Pflegebedürftigen angemessen versorgt werden können.
Internet: www.aidsberatung.de
www.machs-mit.de
www.gib-aids-keine-chance.de
www.check-dein-risiko.de
SIEGMUND
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 280)
Datum: Samstag, den 29. November 2008
Seite: 36
http://www.jungewelt.de/2008/12-01/007.php