Gegen Hartz IV, befristete
Verträge und Ein-Euro-Jobs:
Gewerkschafter
fordern Kampagne gegen Verarmung breiter
Bevölkerungsschichten
Von Gitta Düperthal
Etwa fünf Millionen Menschen arbeiten in der Bundesrepublik
zu Löhnen
unterhalb der Armutsgrenze
Es scheint, als solle eine Trendwende eingeläutet werden.
Endlich bewegt
sich etwas in Gewerkschaftskreisen. Bei einer Fachtagung der
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Frankfurt
am Main wird
nicht über das sogenannte
Kerngeschäft gesprochen. Diskutiert wird statt
dessen über die etwa fünf Millionen Menschen, die in
Deutschland
inzwischen für Löhne unter der Armutsgrenze arbeiten.
Kollegen packen
aus: Es geht um das Geschehen jenseits von Tarifbindung.
Erschütternde
Berichte über Hartz IV, Minijobs,
Teilzeit, befristete Verträge,
Leiharbeit, Praktika und Scheinselbständigkeit und die etwa
300000
»Ein-Euro-Jobs« sind zu hören.
Hartz-IV-Tribunale
Die Stimmung in der Versammlung schwankt zwischen Wut auf
die
Gewerkschaftsspitzen, die das Thema lange unterdrückt
hätten, und leiser
Hoffnung, daß sich künftig etwas
ändern könne. Das Prinzip Arbeit um
(fast) jeden Preis solle gesellschaftlich durchgesetzt
werden, so der
Tenor. Dagegen müsse man sich zur Wehr setzen. Was oft unter
Punkt
»Verschiedenes« abgehandelt wird, wenn die Kollegen sich
bereits die
Klinke in die Hand geben, ist
diesmal einziges Thema auf der
Tagesordnung. Verabschiedet wird eine Resolution: Der DGB
und die
Einzelgewerkschaften sind hierin aufgefordert, den Kampf
gegen die
»Ein-Euro-Jobs« aktiv zu führen. An die Solidarität der
Personal- und
Betriebsräte wird appelliert. Diese
sollten »mit ihren geringen
Möglichkeiten«, wie es allerdings nicht allzu optimistisch
heißt, dafür
sorgen, daß Ein-Euro-Jobs durch
reguläre Arbeitsverhältnisse ersetzt
werden. Weiterhin ist ein gesetzlicher Mindestlohn von zehn
Euro gefordert.
Das Wichtigste ist aber, daß eine
breite Kampagne im Herbst bundesweit
mit Tribunalen zu Hartz IV in den
einzelnen Bundesländern gestartet
werden soll. Angelika Beier vom DGB Hessen schlägt vor,
mutige Kollegen
sollten landauf, landab ihre Arbeitssituation schildern.
Überall in der
Republik solle es Veranstaltungen geben, eine ganze Woche
lang.
Die Kollegen stehen unter Hochdruck. Geschichten über
sklavenähnliche
Jobs und Betrügereien von Agenturen nehmen schier kein Ende.
Von
Aufschwungseuphorie keine Spur. Eva Petermann vom
Gesamtpersonalrat der
Lehrerinnen und Lehrer im Kreis Bergstraße und Odenwald
berichtet
Skandalöses über die dortige Arbeitsagentur »Neue Wege«.
Informatiker
hätten sich frühzeitig beschwert: »Wie kann das sein, ich
werde in einen
Computerkurs geschickt?«
Inkompetenz, Kloppereien zwischen Arbeitslosen
und Fallmanagern, Gelder veruntreut -- einer der
Hauptverantwortlichen
habe sich aus dem Staub gemacht, werde von Interpol gesucht,
faßt
Petermann zusammen. »Werden Arbeitsagenturen dem
Profitstreben
preisgegeben, wird es immer solche Sumpfblüten geben«, so
die
Personalrätin. Ein-Euro-Jobber seien als Sicherheitsarbeiter
an Schulen
eingestellt worden: »Personen, die niemandem an den Schulen
bekannt
sind, und die auch ihrerseits weder Lehrer noch Schüler
kennen.« Deren
Aufgabe habe sein sollen, schulfremde Personen zu erkennen,
konstatiert
die Personalrätin süffisant. Eine Beschäftigte, mit Abschluß Archäologie
und Kunstgeschichte, habe aufgeräumt, geputzt und
unterrichtet. Alles
für einen Euro. Hausmeisterjobs an Schulen seien an
Ein-Euro-Jobber
vergeben worden, zum Glühbirnen wechseln, Unkraut ausreißen
-- und zur
Unterrichtsvertretung. Dies seien aber weder gemeinnützige
Tätigkeiten,
noch wären die Kriterien der Zusätzlichkeit und der
Wettbewerbsneutralität erfüllt. Diese gesetzlichen
Voraussetzungen
müssen jedoch gegeben sein, nur dann darf ein Ein-Euro-Job
vergeben werden.
Druck von oben
Zu den Ein-Euro-Jobbern im Saal sagt die Personalrätin: »Wir
wollen euch
haben, aber fest angestellt und kontinuierlich, zu
Tarifbedingungen.«
Doch mit einer Umwandlung, selbst nur in eine
Halbtagsstelle, habe es
bisher nicht geklappt. Das wird auch im Auditorium beklagt:
Jeder hier
im Saal kenne gutqualifizierte
Nachbarn und Freunde, die sich mit
demütigenden Arbeitsbedingungen plagen. Einen Kollegen habe
dies in den
Selbstmord getrieben.
Obgleich seitens derer, die hinter den Schreibtischen in den
Arbeitsagenturen sitzen, mitunter Ungerechtigkeiten
vorkämen, dürfe man
nicht vergessen, »daß die
Verantwortlichen der Misere in Berlin und
Nürnberg sitzen«, so Walter Schmidt, als Personalrat
zuständig für
Arbeitsagentur-Mitarbeiter. GEW-Mitglied Rosina Henning
berichtet über
das Arbeitsklima in einem Frankfurter Jobcenter. Eine dort
beschäftigte
Kollegin weigere sich, Ein-Euro-Jobber, die einen Termin mal
nicht
einhalten, zu sanktionieren und ihnen Geld zu kürzen. Sie
versuche,
jungen Leuten Ausbildungsstellen oder Weiterbildungen zu
vermitteln. Die
Folge: Druck von oben. Deshalb habe sie sich kürzlich krank
gemeldet.
Der Zeitarbeitsvertrag eines anderen Mitarbeiters im
Jobcenter sei
ausgelaufen. Jetzt solle er die gleiche Arbeit für 300 Euro
weniger
verrichten. Ein Kollege resümiert: »Befristet eingestellte
Arbeitsvermittler sind gleichfalls prekär beschäftigt.«
Auf den hinteren Plätzen hört eine Schulklasse der
Beruflichen Schulen
des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen aufmerksam zu. Die
Botschaft ist
angekommen. Die 17jährige Christina Franz sagt: »Wenn alle
zusammenhalten, können Gewerkschaften Einfluß
nehmen.« Jochen Nagel,
Vorsitzender der GEW Hessen, formuliert es so: »Vereinzelung
ist nicht
die beste Maßnahme, um zu kämpfen.«