»Für die Reichen hat sich Rüttgers gelohnt« 19.05.2008 / Inland / Seite 8 jw
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Die Landesregierung in
Nordrhein-Westfalen hat Halbzeit. Welche Auswirkungen haben zweieinhalb Jahre
schwarz-gelbe Politik an Rhein und Ruhr für die Menschen?
In dieser Zeit wurden u.a. der
Verkauf der Landesentwicklungsgesellschaft und ihrer Wohnungen beschlossen, die
Gemeindeordnung geändert und Privatisierungen begünstigt, Versorgungsämter
aufgelöst, die Mitbestimmung massiv abgebaut. Beschert wurden den Beamten und
Angestellten Reallohnverluste sowie Arbeitszeitverlängerungen. Arme wurden
immer ärmer. Grund zum Feiern dürfte es in den Chefetagen der Konzerne geben.
Sie bekamen Steuervergünstigungen, damit die Profite sprudeln. Für die Reichen
hat sich Rüttgers also gelohnt. Sie wurden noch reicher.
Nach außen profiliert sich
Rüttgers als »Arbeiterführer«. Tatsächlich legt er sich mit den Gewerkschaften
an und will Bildung wieder nur beschränkt zugänglich machen. Worin zeigt sich
das konkret?
Mit der Novellierung des Landespersonalvertretungsgesetzes
gab es einen rigorosen Angriff auf die Mitbestimmung im öffentlichen Dienst.
Trotz massiver Proteste wurde sie z.B. bei Umsetzungen und Privatisierungen
beseitigt. Bis 2010 sollen 12000 Stellen abgebaut oder Versetzungen vorgenommen
werden. In der Bildung halten CDU und FDP an dem konservativen Schulsystem aus
Haupt- und Realschule sowie Gymnasium fest. Die Studiengebühren sorgen dafür, daß Kinder aus den unteren Schichten kaum noch in der Lage
sind, ein Studium aufzunehmen.
Und wie steht es mit
Auszubildenden und Familien mit Kindern?
Noch immer gibt es 50000 Jugendliche, die keinen
Ausbildungsplatz haben. Wir sagen: Wer nicht ausbildet, darf keine Subventionen
mehr bekommen. Familien werden besonders durch das Kinderbildungsgesetz
belastet. Darin werden die Städte gezwungen, die Beiträge für die
Kindertagesstätten selbst festzulegen. Kommunen, die weniger gut gestellt sind,
werden höhere Beiträge von den Eltern nehmen.
CDU und FDP behaupten, durch ihre
Politik sei die Arbeitslosigkeit im Lande gesunken. Jetzt müsse das Ziel
Vollbeschäftigung sein. Was sagt Die Linke dazu?
Sie verschweigen, daß es sich
überwiegend um Leiharbeit und befristete Jobs handelt. Es gibt immer mehr
prekäre Arbeitsverhältnisse. Viele Menschen arbeiten in Volltagsstellen und
können nicht einmal davon leben. Diese Vollbeschäftigung wollen wir nicht. Sie
ist menschenunwürdig.
Ministerpräsident Jürgen Rüttgers
(CDU) und Hannelore Kraft (SPD) überbieten sich gegenseitig in links anmutenden
Aussagen. Rüttgers fordert eine bessere Absicherung für die Rentner. Kraft
empört sich über zunehmende Armut im Land. Ist dieses »Schielen nach links« auf
die Angst vor dem Einzug der Linken 2010 in den Landtag zurückzuführen?
Mit Sicherheit. Das ist Schaulaufen mit linken Forderungen.
Wer sich, wie Rüttgers, gegen einen Mindestlohn ausspricht, hat auch in der
Rentenfrage versagt. Würde das Lohnniveau angehoben, hätte das auch positive
Auswirkungen auf das Rentensystem. Die Empörung der SPD über die immer stärker
werdende Armut ist nun wirklich nicht glaubwürdig. Erst die Agenda 2010 hat zu
einer größeren Armut beigetragen. Mehr Kinderarmut ist gerade durch Hartz IV entstanden. Auch die Grünen betreiben Populismus
pur, um den zunehmenden Unmut der Bürger im Lande aufzufangen. Ich kann nur
empfehlen: Meßt diese Parteien nicht an ihren Worten,
sondern an ihren Taten.
Was sagen Sie den Menschen, wie
Ihre Forderungen umgesetzt werden können? Woher würde Die Linke die Gelder zur
Finanzierung nehmen?
Es ist höchste Zeit, daß Reiche
und Konzerne mehr Steuern zahlen und Familien und Geringverdiener entlastet
werden. 22 Milliarden Euro stünden durch die Erhöhung der Körperschaftssteuer
zur Verfügung. Mit einem Spitzensteuersatz von 50 Prozent würden Vermögende
stärker belastet. Vier Milliarden Euro gäbe es mehr, wenn Betriebsvermögen bei
Erbschaften nicht bevorzugt würde. Zehn Milliarden Euro würden durch die
Einführung einer Vermögenssteuer von nur einem Prozent eingenommen. Mit diesen
36 Milliarden Euro könnte vieles im Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich
finanziert werden.