Frieren oder hungern

Britische Gewerkschaften fordern angesichts hoher Preise einen Heizkostenzuschuss für Bedürftige

Von Peter Nonnenmacher

Brighton. Mit der Forderung, Millionen armer Briten im nächsten Winter zu erträglich geheizten Wohnungen zu verhelfen, hat sich der Gewerkschaftsbund TUC am Dienstag auf seinem Jahreskongress in Brighton an die Labour-Regierung unter Premier Gordon Brown gewandt. Wegen der hochgeschnellten Heizkosten und Lebensmittel-Preise befürchtet der TUC, dass viele Landsleute nicht mehr das Geld haben, sich in den kalten Monaten warm zu halten.

Finanziert werden solle die Aktion durch eine einmalige Sondersteuer in Höhe von einer Milliarde Pfund (umgerechnet 1,25 Milliarden Euro), die sechs großen Energiekonzerne des Landes zahlen sollen. Die Gewerkschafter weisen darauf hin, dass diese Konzerne ihren Jahresgewinn seit 2003 um 538 Prozent auf drei Milliarden Pfund gesteigert haben.

Allein 2007 erhöhte sich die Ausschüttung an die Aktionäre um 19 Prozent – laut TUC Beweis dafür, dass die Konzerne keineswegs alle Profite für neue Investitionen bräuchten. Die Steuer sei „moralisch zwingend“, meinte in Brighton der Generalsekretär der größten britischen Gewerkschaft Unite, Tony Woodley: „Die Regierung muss eingreifen, und sie muss es schleunigst tun.“

Der Streit um die Sondersteuer tobt schon seit Wochen, auch in der Labour Party. Mehr als 100 Abgeordnete unterstützen inzwischen die Gewerkschafts-Forderung. Die Regierung hingegen zögert. Zu einem freiwilligen Beitrag hat sie die Konzerne bisher nicht überreden können.

Zwar hat sich Premier Brown die Möglichkeit spezieller Schritte offen gelassen. Doch haben er und seine Minister sich nachdrücklich gegen „kurzfristige Gags und Gratisgaben“ für diesen Winter ausgesprochen. Stattdessen wolle die Regierung lieber für ein besseres Isolieren der Häuser sorgen.

Fünf Millionen Betroffene

Mit dieser Position hat sich Brown wütende Proteste eingehandelt. Tony Woodley, der Gewerkschaftsboss, sprach von einer „wahren Schande“. Viele Briten würden sich nun vor die Wahl gestellt sehen, „in diesem Winter zu frieren oder zu hungern“. Auch erboste Abgeordnete haben vor „ernsten Konsequenzen“ gewarnt. Der Labour-Parlamentarier Fabian Hamilton prophezeite, Brown werde „auch noch die restliche Unterstützung all jener Leute verlieren, die auf Hilfe, auf rasche Hilfe der Regierung angewiesen sind“.

Der Hintergrund des Streits ist der beispiellose Anstieg der Heizkosten bei gleichzeitig explodierenden Preisen für Lebensmittel und andere Lebenshaltungskosten. Schon im Vorjahr waren die Heizkosten um ein Drittel geklettert. In den ersten acht Monaten dieses Jahres stiegen sie um weitere 38 Prozent. Fünf Millionen Briten geben mehr als zehn Prozent ihres Einkommens für Heizkosten aus. Die Alten-Lobby „Age Concern“ hatte bereits gewarnt, dass viele Rentner sich bei diesen Preisen das Einschalten ihrer Heizungen nicht mehr leisten könnten.

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 212)
Datum: Mittwoch, den 10. September 2008
Seite: 7