Flagge zeigen gegen Kinderarmut

 

16 430 Kinder leben in Düsseldorf in Armut. Doch ist es nicht nur finanzielle Not, die es zu bekämpfen gilt.


Düsseldorf. Es ist eine erschreckende Zahl: Deutschlandweit leben 2,5 Millionen Kinder in Armut. Grund genug für den Deutschen Kinderschutzbund, Flagge zu zeigen. Ein Fähnchenmeer sollte am gestrigen Weltkindertag auf die Fehlentwicklung hinweisen.

Auch in Düsseldorf stellte der Ortsverband vor dem Landtag blaue Flaggen auf. 1650 waren es an der Zahl, stellvertretend für jedes zehnte der 16 430 Kinder, die in der Landeshauptstadt am Existenzminimum leben.

Von einer Verdoppelung der Zahl, allein seit 2004, spricht der Wohlfahrtsverband derzeit. "Das stimmt so nicht", hielt Jugend- und Sozialdezernent Burkhard Hintzsche dagegen. "Die Zahl war in den vergangenen Jahren stabil."

Die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zu Hartz IV habe die Zahl nominell verdoppelt. Früher fielen nur diejenigen Familien unter den Armutsbegriff, die Sozialhilfe bezogen, jetzt sind es sämtliche Hartz-IV-Empfänger.

Doch das Problem geht weiter: "Arm sind nicht nur diejenigen, bei denen die finanziellen Mittel knapp sind", sagt Roswitha Heimlich vom Düsseldorfer Ortsverband des Kinderschutzbundes.

Und sie kennt Beispiele, die schockieren: Anna ist zwölf, das älteste von drei Kindern. Morgens weckt sie sich selbst, ihr Vater ist dann bereits auf der Arbeit, ihre Mutter bereitet das Büdchen, das die Familie betreibt, auf das Tagesgeschäft vor.

Wenn Anna aus dem Haus geht, hat sie nicht gefrühstückt, niemand hat ihr ein Pausenbrot geschmiert. Wenn der Vormittag vorbei ist, hat sie starken Hunger. Das Mittagessen in der Offenen Ganztagsschule ist dann ihre erste Mahlzeit.

Nein, Anna gehört nicht zu den Kindern, die unter den Armutsbegriff fallen. Denn ihre Eltern haben es trotz ihrer niedrigen Schullbildung geschafft, eine ausreichende finanzielle Grundversorgung für ihre Familie zu gewährleisten. Dazu muss Annas Vater zwar zwei Jobs gleichzeitig bestreiten, weswegen er auch wenig Zeit für die Familie hat, aber prinzipiell reicht es. Auf Hartz IV ist die Familie nicht angewiesen.

"Trotzdem wächst Anna in einem Umfeld auf, das die Basis für neue Armut bildet", sagt Heimlich. Die Zwölfjährige ist schlecht ernährt, ihre Gesundheit ist deswegen auch nicht die beste, außerdem bieten ihre Eltern keinerlei Anregung zur Weiterbildung, zum Lesen, zum Sport oder zu kulturellen Veranstaltungen und sei es nur Kino.

"Auch das ist Armut, weil diese Kinder kaum eine Chance auf eine Ausbildung haben", sagt Heimlich. Und auf diesem Feld sieht sie starken Nachholbedarf auch auf Seiten der Stadt, deren Familienförderung sie ansonsten aber ausdrücklich lobte.

·  www.dksb.de

21.09.06
Von Sven Gantzkow wz

Kindergeld direkt für Kinder

Jeder zehnte Jugendliche lebt laut Kinderschutzbund in„Armutsverhältnissen“. Vorstand: Viele Familien können das Mittagessen in der Schule nicht zahlen. Dezernent sieht immer mehr Eltern, die nicht erziehen.

VON GÖKÇEN STENZEL


Von einem „Notstand“ ist die Rede. Zu viele Kinder leben nach Angaben des Kinderschutzbundes in relativer Armut, sprich: in Hartz-IV-Haushalten oder in Familien mit geringem Einkommen. 16000 in Düsseldorf. „Wir hören immer öfter, dass Familien die Über-Mittag-Betreuung von 50 Euro im Monat nicht zahlen können“, sagt Roswitha Heimlich vom Bundesvorstand. „Auch unsere Kleiderkammer wird immer stärker beansprucht.“


Heimlich sieht auch, dass das staatliche Kindergeld nicht immer für die Bedürfnisse der Kinder eingesetzt wird, und ist bereit, eine heilige Kuh zu schlachten: „Das Kindergeld nicht mehr auszahlen, sondern es direkt und genau für die Kinder zu verwenden - ich hätte nichts dagegen“, so Heimlich gestern anlässlich des Weltkindertages vor Journalisten.


207 Euro bekommt ein Hartz-IV-Haushalt pro Kind - Geld, das nach Beobachtungen des Kinderschutzbundes zu oft für die laufenden Bedürfnisse der Familie ausgegeben wird. Es fehle dann schlicht fürs Mittagessen, für Nachhilfe, für Kleidung oder Klassenfahrten. „Viele Familien sind einfach überfordert damit, ihr Geld zu verwalten“, sagt Diana Goldermann-Wolf vom Kinderschutzbund. „Früher, als es Pakete und Einmal-Zahlungen für bestimmte Anlässe statt Bargeld gab, hatten sie es einfacher.“


Mehr Verantwortung also für die Eltern. Aber: „Immer weniger Eltern können erziehen“, so Sozialdezernent Burkhard Hintzsche, der „nichts dagegen hätte, das Kindergeld zu kommunalisieren“. Stattdessen setzt Düsseldorf auf mehr Betreuung. 40 Prozent der Grundschulkinder sind nachmittags betreut, 65 Prozent sind es in den Kitas, Tendenz steigend. 18,5 Millionen Euro jährlich hat die Stadt im Jugendförderplan festgeschrieben, nachdem Land und Kirchen Geld gestrichen haben. Davon werden Clubs und Bürgerhäuser unterhalten; eine weitere Million fließt in Präventions-Projekte aller Art.


Gleiche Chancen für alle Kinder könne es nur mit individueller Betreuung geben, so Goldermann-Wolf. Das sieht Hintzsche auch so. Ein Schritt in diese Richtung werde mit den Familienzentren getan: Zwölf soll es geben, in denen Beratung und Hilfen gebündelt werden. Parallel werden die Ganztagsschulen weiter ausgebaut. Heimlich: „Am besten wäre es, wenn in der Schule auch gefrühstückt würde.“

 

- /GÖKÇEN STENZEL


Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.220
Datum: Donnerstag, den 21. September 2006
Seite: Nr.14