Firmen flüchten aus Flächentarif
Betriebliche Regeln gewinnen an
Bedeutung /
Wochenarbeitszeit steigt wieder
Von Markus Sievers
und Eva Roth
Jeder zweite Arbeitnehmer in
Deutschland steht ohne Schutz durch einen Flächentarifvertrag da. „Die Zahl der
tarifgebundenen Betriebe ist in den letzten zehn Jahren erheblich
zurückgegangen“, fasst das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
die Ergebnisse einer Befragung von 16 000 Betrieben und Verwaltung zusammen.
Die in der Studie festgestellte Erosion der Tariflandschaft ist ein wichtiges
Argument für die Befürworter gesetzlicher Mindestlöhne.
Allerdings warnt das IAB davor, die
Lage zu dramatisieren. Denn die Bedeutung des Flächentarifvertrages zeige sich
auch daran, dass knapp ein Fünftel der Beschäftigen indirekt davon profitiere.
Ihre Firmen orientieren sich an den Vereinbarungen, ohne sie formell zu
übernehmen. So gesehen sichern Flächentarifverträge noch rund 70 Prozent der
Arbeitnehmer den jeweiligen Standardlohn.
Eindeutig ist aber, dass die Tendenz
nach unten weist. Flächentarife gelten für eine ganze Branche in einer Region
(etwa Bezirk Küste) und sind von Haustarifen (wie bei VW, der Post oder
Lufthansa) abzugrenzen.
Die IAB-Studie belegt auch die
wachsende Flexibilität bei den Löhnen. Die Arbeitgeber fordern seit langem,
betriebliche Bündnisse zu erleichtern – mit gewissem Erfolg. Inzwischen gibt es
in vielen Tarifverträgen Öffnungsklauseln, die ein Abweichen von Tarifstandards
erlauben. Mit der IAB-Studie liegen jetzt erstmals repräsentative Zahlen über
die betriebliche Realität vor. Danach vereinbaren vor allem größere Unternehmen
mit mindestens 250 Beschäftigten betriebliche Bündnisse zur Beschäftigungs-
oder Standortsicherung. In 20 Prozent dieser Firmen bestand im Vorjahr ein
solches Bündnis. Betrachtet man alle Firmen, liegt der Anteil nur bei zwei
Prozent.
Aus Sicht der Belegschaft bedeutet
dies: Elf Prozent aller Beschäftigten haben im Vorjahr in einem Bündnis-Betrieb
gearbeitet. Vereinbart wird häufig, dass die Leute länger arbeiten oder weniger
Urlaubs- und Weihnachtsgeld erhalten. Im Gegenzug sichert das Management zu,
Jobs oder den Standort zu erhalten.
Was bemerkenswert ist: Nur in knapp
einem Viertel der Fälle haben die Unternehmen auf eine aktuelle Krise reagiert.
Meist wurden die Sonderregeln vereinbart, um die Wettbewerbsfähigkeit der Firma
zu verbessern.
Was die Beschäftigung betrifft, so
sehen die Forscher einen Stellenaufbau vor allem im Mittelstand. Dieser habe
zwischen Juli 2005 und Juli 2006 seine Belegschaftsgröße um zwei Prozent
erweitert, während die Großkonzerne mit 250 oder mehr Angestellten die
Arbeitsplatzzahl konstant hielten.
Wer eine volle Stelle hat, muss laut
IAB wieder länger arbeiten. Die vereinbarte Wochenarbeitszeit habe sich seit
2004 von 39,1 Stunden auf 39,4 Stunden erhöht.
RSIEVERS
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 136)
Datum: Freitag, den 15. Juni 2007
Seite: 18