Fiftyfifty-Verkäufer fürchten Verschärfung

Auf der Straße sorgt die Absicht der Stadt, gegen Bettler härter durchzugreifen für Sorge.

Düsseldorf. Gekrümmter Rücken, leidender Blick, ausgestreckte Hände - im Sommer saßen Menschen in abgewetzten Kleidern zuhauf auf der Schadowstraße oder in der Altstadt. Deutsch sprachen sie nur bruchstückhaft und ganz freiwillig waren sie wohl auch nicht auf der Straße. Oberbürgermeister Joachim Erwin sprach von "rumänischen Bettlerbanden". Die Konsequenz: Ordnungsdezernent Werner Leonhardt wollte die Straßenordnung noch einmal verschärfen.

Auf der Straße sorgt Leonhardts Plan für Angst. "Treffen würde das auch Leute wie mich. Dabei verhalte ich mich vernünftig", sagt der 42-jährige Martin. Seit August 2004 steht er regelmäßig an der Grabenstraße und verkauft das Obdachlosenmagazin "fiftyfifty". Er hatte bislang allerdings wenig Probleme mit dem Ordnungsdienst der Stadt (OSD): "Die lassen mich in Ruhe."
Die "Bettlerbanden" seien dagegen aggressiv gewesen und hätten die Bürger belästigt, lautete eine Begründung für die Verschärfung der Straßenordnung. Eine Einschätzung, die ein erfahrener Zivilbeamter der Polizei nicht teilen kann. "Die haben keinem was getan, die waren friedlich. In diesem Sommer waren es auch weniger als sonst. Was den Menschen auf den Geist geht, ist, glaube ich, nur die Menge der Bettler."
Die Masse macht auch Hubert Ostendorf von "fiftyfifty" Probleme. "Es gibt gerade in der Altstadt eine Ballung von Zeitungsverkäufern. Ich weiß um die Probleme. Aber mir ist es in jedem Fall lieber, dass die Zeitungen verkaufen, als sich das Geld durch Kriminalität verdienen."
Auch Ostendorf befürchtet, dass eine schärfere Straßenordnung vor allem den Düsseldorfer Obdachlosen Schwierigkeiten machen würde. Die Zahl der Verkäufer nimmt nämlich weiter zu. "Mittlerweile haben wir Hartz IV-Empfänger und auch Rentner. Teilweise über 70-Jährige, die sich einen "fiftyfifty"-Ausweis holen. Das Geld reicht halt nicht mehr", erklärt Streetworker Oliver Ongaro. Betteln ist den Verkäufern dabei untersagt.
"Die bestehende Satzung ist völlig ausreichend. Das Problem wird man nie ganz beseitigen können, das gehört zu einer lebendigen Stadt dazu. Die meisten Geschäftsleute haben keine Probleme mit den Bettlern und Obdachlosen", sagt Dirk Schaper, Sprecher der Altstadt-Händler.
Martin hat früher wesentlich mehr Geld gemacht, er verkaufte Drogen. Zwei Jahre saß er dafür im Gefängnis und ist geläutert. "Das Thema ist für mich durch. Ich nehme jetzt den längeren Weg, um mein Geld zu verdienen." Seit zwei Monaten hat Martin wieder ein Zimmer, er sucht einen normalen Job. "Tischler, das wäre mein Traum."
Er würde sich wünschen, dass die anderen "fiftyfifty"-Verkäufer ähnlich zurückhaltend wären wie er. "Ich kann verstehen, dass man genervt ist, wenn man auf der Terrasse im Cafe dauernd angesprochen wird. Das muss man verhindern. Aber eben nicht über eine Straßenordnung." "Konkurrenzkampf" oder schwindende Spendenbereitschaft durch die Bettel-banden hat Martin bislang nicht feststellen können.
Rechtsanwalt Michael Terwiesche geht sogar noch weiter: "Schon die bestehende Straßenordnung ist rechtswidrig. Wir haben vor ein paar Jahren jemanden vertreten, der mit einem Platzverweis belegt worden war. Das Verfahren haben wir gewonnen. Die Ordnung ist juristisch einfach zu unbestimmt. Und der neue Entwurf noch viel mehr." Das sieht das Dezernat ganz anders. "Sie ist ausreichend rechtsbestimmt", betont Leonhardts Referent erbert Windhövel.
Das Thema Obdachlosigkeit ist mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen nicht zu lösen. Davon ist man zum Beispiel in Berlin überzeugt. "Wenn man Personen einen Platzverweis erteilt, vertreibt man sie nur an andere Stellen", sagt Polizeisprecher Benedikt Schelebeck. Auch in Düsseldorf haben andere Ansätze zu Erfolgen geführt. Die Zahl der Obdachlosen hat sich von 2004 (250) auf 2005 (150) erheblich reduziert. Die Stadt bietet zahlreiche Angebote, um die Betroffenen wieder in Wohnungen zu vermitteln. An die osteuropäischen Bettler kommen aber auch die Helfer, zum Beispiel vom Franziskanerorden, nicht heran.

22.10.05
Von Marc Herriger

 

 

 

 

 

 

"Soll der OSD Bettlern an die Wäsche gehen?"

 

Stadt und CDU wollen die Straßenordnung gegen organisiertes Betteln präzisieren, doch die anderen Fraktionen winken ab.


Düsseldorf. Am Mittwoch sollte die Straßenordnung eigentlich im Ordnungsausschuss verschärft werden. Doch dann bat die CDU in letzter Sekunde um Vertagung. Mit "Beratungsbedarf" begründete das ihr Sprecher Andreas Hartnigk. Der Rückzug umschiffte freilich auch eine Abstimmungsniederlage, denn alle anderen Fraktionen hätten der Änderung so nicht zugestimmt.

In der Vorlage von Ordnungsdezernent Werner Leonhardt (CDU) geht es um Ergänzungen im Paragraphen "Störendes Verhalten auf Straßen und Plätzen". Untersagt werden sollen: "Betteln unter missbräuchlicher Ausnutzung der Spendenbereitschaft anderer unter Vortäuschung einer Notlage oder eines körperlichen Gebrechens; "Verleitung oder Bestimmung eines anderen insbesondere von Kindern zum Betteln trotz Nichtbedürftigkeit".

Beide Phänomen tauchten angeblich in der Innenstadt immer öfter auf. Mit der Präzisierung sollen die Mitarbeiter des Ordnungs- und Servicedienstes (OSD) solche Betrügereien rasch unterbinden können.

Doch daraus wird so schnell nichts, weil die Politik nicht mitspielt. Nicht nur die Opposition von SPD und Grünen signalisierte prompt ein Nein, sondern auch der CDU-Partner FDP: "Uns ist bewusst, dass es Probleme gibt. Aber die bestehenden Verordnungen reichen völlig aus", sagte Fraktionschefin Marie-Agnes Strack-Zimmermann: "Man muss sich um bettelnde Kinder kümmern, anstatt sie zu verfolgen. Da ist das Jugendamt gefragt weniger das Ordnungsamt."

Im übrigen fragt sie sich, wie man mit "vorgetäuschten Gebrechen" umgehen soll: "Geht der OSD Bettlern an die Wäsche, um zu sehen, ob da wirklich ein Bein fehlt? Oder geht ein Amtsarzt mit auf Streife? Das kommt doch alles nicht in Frage."

CDU-Mann Hartnigk hält dagegen: "Man kann das ganz einfach regeln, indem man Bettler einfach auffordert, aufzustehen oder die Gehhilfe zu zeigen. Das ist für alle Beteiligten durchaus zumutbar." Jeder wisse, dass es solche Bettler in der City gebe: "Die sitzen da mit weggeklappten Beinen und springen abends putzmunter auf", meint Hartnigk, "das ist glatter Betrug, der auch die tatsächlich Bedürftigen trifft".

Deshalb halte seine Fraktion an der neuen Straßenordnung fest. Hartnigk geht von einer Zunahme der organisierten Bettelei vor Weihnachten aus, gibt aber zu: "Natürlich hat der Ordnungsdienst schon jetzt die Handhabe, da einzuschreiten."

22.10.05
Von Alexander Schulte

 Düsseldorf