*"Erwachsene sind noch
schlimmer" *
Suchtbekämpfer Gaßmann erklärt, warum alle
über die Jugend reden
Herr Gaßmann,
alle Welt spricht von komasaufenden Jugendlichen.
Sind
denn Erwachsene so viel
nüchterner als der Nachwuchs?
Überhaupt nicht. Wir haben zwar
statistisch betrachtet große
Zuwachsraten bei 15- bis
20-Jährigen, die mit Alkoholvergiftungen ins
Krankenhaus eingeliefert
werden. Aber wir haben teilweise sogar noch
höhere Zuwächse in fast allen
anderen Altersstufen - sogar bei den
80-Jährigen. Die einzige
Ausnahme sind die 30- bis 40-jährigen Männer,
da könnte man salopp sagen:
Die haben die Grenze ihres Fassungsvermögens
erreicht.
Über diese Personen redet aber
keiner.
Dabei kann man sich
erwachsenes Komasaufen jederzeit im Kölner Karneval
anschauen. Da liegen ja nicht
nur 15-Jährige unter den Bänken.
Echte Männer trinken halt,
oder?
Nicht nur echte Männer, auch
echte Frauen. Wir sind in Deutschland auf
einem katastrophal hohen
Niveau, sechster Platz weltweit, rund zehn
Liter reiner Alkohol pro Kopf
und Jahr. Von der Alkoholindustrie höre
ich dazu immer dasselbe: Wir
wollen ja nur den erwachsenen Genusstrinker
ansprechen und haben überhaupt
kein Interesse, mit Alkoholabhängigen
oder Kindern und Jugendlichen
Geschäfte zu machen.
Glauben Sie das?
Da geht's nicht um Glauben,
ich habe ja Zahlen. Wir wissen, dass etwa 50
Prozent der
Gesamtalkoholmenge, die in Deutschland verkauft wird, von
zehn Prozent aller Konsumenten
getrunken werden. Das heißt, die Hälfte
allen Alkohols wird ohne jeden
Zweifel von hochgradigen
Problemkonsumenten getrunken.
Nun könnte man, wenn man es ernst meinte,
nur noch die Hälfte des
Alkohols verkaufen. Da sagen uns aber alle
Industrieverbände: Das machen
wir nicht mit, der Absatz darf nicht sinken.
Treibt die Industrie Menschen
in die Abhängigkeit?
Nehmen wir das Beispiel
Alkopops: Die wurden speziell für Jugendliche
designed. Was junge Menschen ja nun wirklich nicht mögen, ist
der
Geschmack von Alkohol oder Zigaretten.
Also hat die Industrie den
Einstieg erleichtert, indem
sie einfach Zucker und Fruchtaromen
reingekippt hat. Hat
fürchterlich gut geklappt.
Wieso ist eigentlich die
Politik so untätig?
95 Prozent aller Erwachsenen
trinken Alkohol, mit anderen Worten: fast
alle Wähler. Deswegen spricht
man besser über saufende Jugendliche -
damit vergrätzt man keine
Wähler.
Klingt zynisch.
Das ist zynisch. Der
Jugendschutz in Deutschland im Bereich Alkohol und
Tabak ist in der Praxis
katastrophal. Ich erinnere daran, dass der
Vorstand des Bundesverbandes
Tankstellen sich jüngst vor die Presse
gestellt und angekündigt hat,
dass die Tankstellenpächter ab 2010 dann
doch mal das
Jugendschutzgesetz einzuhalten gedenken. Das war der Punkt,
da hätte der Mann angezeigt
werden müssen. Aber er hat Applaus gekriegt.
Wohin führt das noch?
Was heißt, wohin führt das?
Gucken Sie, wo wir schon sind: Wir haben
70000 vorzeitige Todesfälle im
Jahr durch Alkohol. 56 000
Gewaltverbrechen, von
Vergewaltigung bis Mord, werden unter extremem
Alkoholeinfluss verübt, wir
haben 20 000 Autounfälle, Scheidungen,
misshandelte Kinder undundund.
Lässt sich vergleichbares von
einer anderen Droge behaupten?
Nein. Durch Zigaretten gibt es
zwar etwa doppelt so viele Tote. Aber
nichts enthemmt so wie
Alkohol. Dagegen können Sie Heroin, Kokain,
Ecstasy und alles andere vergessen.
Interview: Jörg Schindler
*In den Cliquen
alkoholisierter Jugendlicher geht es rund *
*Limo gegen
"Druckbetankung" *
Beispiel Wiesbaden: Wie die Polizei
eine Partyzone trockenlegt
Von Joachim Wille
*WIESBADEN.* Die Flasche
Wodka-Mix ist noch halbvoll. Frank F. (Name
geändert) setzt an - und
trinkt innerhalb einer Minute auf ex. Der
schmächtige 16-Jährige aus
Wiesbaden hat auf dem Fest schon
"vorgeglüht". Das
zeigt der Alkoholtest, den das Eingreifteam von
Polizei und Ordnungsamt
vornimmt: 0,8 Promille. Wahrscheinlich ein, zwei
Bier aus dem Sixpack.
Kurz darauf setzt bei Frank
die Wirkung des Hochprozentigen ein, der
Alkohol geht schnell ins Blut,
und der Magen rebelliert. Im
Sanitätszelt, in das das Team
den Jugendlichen gebracht hat, übergibt er
sich mehrfach. Frank muss ins
Krankenhaus, zur Ausnüchterung unter
ärztlicher Aufsicht.
"Druckbetankung" heißt
das Phänomen unter Jugendlichen, das Polizei,
Rettungsdienste und
Krankenhäuser mächtig auf Trab hält, und nicht nur
bei Festen.
"Freitagabends geht es mit dem Saufen los", sagt der
Wiesbadener
Polizeihauptkommissar Claus Konhäuser.
Manche Supermärkte haben bis
22 Uhr auf. Es sind beliebte Treffpunkte
für Mädchen und Jungen, die
den Kick suchen oder Stress abbauen wollen,
den sie mit Schule oder Eltern
haben. Kurz vor Ladenschluss wird noch
Schnaps gekauft. Konhäuser: "Das ist wie das Signal
,Last Orders' im
englischen Pub."
Die Gefahr: Manche verlieren
beim Sturztrinken urplötzlich die
Kontrolle. Anders als beim
langsamen Trinken stellt sich bei der
"Druckbetankung"
keine Übelkeit ein. Und wer es mit den Mengen
übertreibt, säuft sich ins Koma.
Wiesbaden ist nur ein
Beispiel. Ob in der Großstadt, ob auf dem Land -
überall dasselbe, sagt Konhäuser. In den Cliquen alkoholisierter
Jugendlicher geht es rund.
Gegröle, Streit, Randale, manchmal gemeinsame
Klau-Touren, um sich Geld für
mehr Alkohol zu besorgen.
Auch Hessens noble,
gutbürgerliche Landeshauptstadt ist davor nicht
gefeit. Sogar das "Theatrium", ein Traditionsfest am Staatstheater mit
bis zu 500 000 Besuchern,
geriet wegen abendlicher Randale in Verruf.
Seit zwei Jahren versuchen
Stadt und Polizei, die Promillepegel zu
drücken. Beim jüngsten Theatrium Anfang Juni war die Partyzone aufwändig
trockengelegt: Wer dahin
wollte, wo Bands und DJs einheizten, musste am
Sicherheitsdienst vorbei, der
die Jugendlichen auf "Sprit"
kontrollierte. Zudem sprach
das sechsköpfige Jugendschutz-Team von Stadt
und Polizei Jugendliche an,
die Bier, Wein oder Hochprozentiges dabei
hatten - oft in
"unauffällige" Cola-Flaschen umgefüllt.
"Wir wollten den Alkohol
konfiszieren", sagt Polizistin Sabine Sonnberg,
die das Präventionsprojekt HaLT (Hart am Limit) koordiniert. Die Eltern,
die gleich angerufen wurden,
sollten mit ihren Kindern auch die Flaschen
abholen. Aber: "Die
meisten Jugendlichen kippten das Zeug gleich weg".
In den Gulli
statt in den Magen.
Aber Sonnberg und Co. machten nicht nur Druck. Sie verteilten auch
"Kotztüten", die als
Gutschein einsetzbar waren. Wer sie am
Chill-Out-Zelt ablieferte, bekam eine Flasche Bionade
gratis. Aber nur,
wenn die Tüte leer war. Die
Taktik ging auf: Frank F. war der einzige,
der sich so
"betankte", dass er ins Krankenhaus musste.
fr 4.7.09
*Kassen: Auch Erwachsene
trinken exzessiv Alkohol *
Nicht nur Jugendliche lassen
sich regelmäßig mit Alkohol volllaufen -
auch immer mehr Erwachsene
trinken exzessiv. Das geht aus aktuellen
Zahlen der Krankenkassen DAK
und BKK hervor. So schnellte allein in
Berlin die Zahl der
Klinikaufenthalte wegen Alkoholmissbrauchs von 50-
bis 60-Jährigen dramatisch in
die Höhe, wie die DAK am Freitag
mitteilte. Von 2004 bis 2008
sei die Zahl der Krankenhausfälle in dieser
Gruppe um 22,1 Prozent
gestiegen.
fr 11.7.09
Alkohol
Immer mehr Ältere trinken sich
klinikreif nrz
Nachrichten, 13.07.2009,
Annika Fischer
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Essen. Akut vergiftet ins
Krankenhaus: Ärzte, Kassen und Suchtverbände zählen seit dem Jahrtausendwechsel
bis zu 30 Prozent mehr alkoholbedingte Klinikaufenthalte – unter den 50- bis
60-Jährigen. Vor lauter sturztrinkenden Jugendlichen
hat kaum einer gemerkt: Die Generation ihrer Eltern tut's auch.
„Ernsthaft dramatisch” nennt
Rainer Lange von der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) die Zuwächse:
Allein in NRW und nur in der Generation 50+ zählte sein Haus in vier Jahren
17,6 Prozent mehr Einlieferungen wegen Alkoholmissbrauchs. Mindestens ein
Fünftel mehr Patienten ab 50 mit alkohol-indizierten
Diagnosen bestätigt auch die Zentrale Aufnahme des Marienhospitals in Herne.
Bei den Männern ist Alkohol der häufigste Grund für einen stationären
Aufenthalt im Krankenhaus.
Fast nie freiwillig in der
Klinik
Dabei kommen sie eher selten
mit akutem Rausch in die Klinik. Randalierend oder schon bewusstlos würden eher
jugendliche Komasäufer eingeliefert, sagt Privatdozent Bernhard Henning aus dem
Herner Marienhospital: Die Älteren kämen nach Stürzen, zur Abklärung erhöhter
Leberwerte, von Schwindel oder Vergesslichkeit – oder weil der Partner Wesensveränderungen beklagt. „Freiwillig kommen die
Patienten so gut wie nie”, so Henning, es sei dann Sache behutsamer „Verhandlungen,
ob sechs Flaschen Bier schon ein Problem sind”.
Dabei wird in Deutschland
keinesfalls mehr getrunken, seit Jahren stagniert der Konsum bei zehn Litern
reinen Alkohols im Jahr „vom Baby bis zu Johannes Heesters”, so Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für
Suchtfragen. Es gebe aber einen „Trend zu einer härteren Trinkkultur”: Auch bei
Erwachsenen konzentriere sich der Alkoholgenuss auf das Wochenende, weil sich
Werktätige unter der Woche kein Bier mehr erlauben könnten.
Experte sieht "härtere
Trinkkultur"
Ohnehin vermuten die Experten
hier die Probleme der Generation der 50- bis 60-Jährigen: Von „Stress,
Leistungsdruck und drohendem Ende der Berufstätigkeit” spricht die DAK. Viele
seiner Patienten, beobachtet in Herne Dr. Henning, seien sogar „bereits
berufsunfähig oder arbeitslos”. An die „Glücklichen”, die noch Arbeit haben,
seien die Anforderungen, sagt Soziologe Gaßmann,
analog zu den Zuwachsraten der Alkoholkranken „massiv gestiegen”.
Überbelastung sei „immer der
Grund”, sagt auch Ursula Krämer, die in Hagen dem „Deutschen Frauenbund für
alkoholfreie Kultur” vorsteht und in ihren Selbsthilfegruppen vorrangig
Betroffenen zwischen 50 und 60 hilft. Gerade Frauen erlebten „stets mehr
Druck”, so Krämer. „Wenn sie abends nach Hause kommen, trinken sie dann erstmal
ein Glas Rotwein.” Das werde in Film und Fernsehen so vorgelebt: „Die machen im
Frust eine Flasche auf, und alles ist wieder in Ordnung.”
Wann aus dem Gläschen in Ehren
Sucht wird, ist später meist nicht mehr nachvollziehbar. Alkoholismus als
schleichende Krankheit wird erst erfasst, wenn die Betroffenen behandelt
werden. „Wenn sie in die Klinik kommen”, weiß Ursula Krämer, „ist es schon sehr
weit.”