Ein Land zerfällt

Der Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigt eine zerissene Republik, die weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen entfernt ist

Von Vera Gaserow

Berlin. Glückliches Schramberg, armes Ückermünde, bedauernswertes Emden. Geographisch drei Städte ein und derselben Republik. Statistisch in unterschiedlichen Welten gelegen. In der Region rund ums Schwarzwaldstädtchen Schramberg muss nur eine Minderheit von 7,4 Prozent mit einem Monatseinkommen von weniger als 764 Euro auskommen. Im Landstrich um Ückermünde in Vorpommern sind es mehr als dreimal so viele. 27 Prozent der Bewohner liegen mit ihrem Einkommen unter der Schwelle, die hierzulande als Armutsgrenze gilt. Ehne, mehne, muh – fast jeder dritte hier lebt mit dem Etikett arm-zumindest was die Flaute im Portemonnaie angeht.

Im Umkreis des niedersächsischen Emden stehen sie nur unwesentlich besser da. Fast jeder fünfte muss mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens in Deutschland auskommen.

Drei Städte, drei Kronzeugen für eine Entwicklung, die der Paritätische Wohlfahrtsverband jetzt „dramatisch“ und „alarmierend“ nennt. Die Bundesrepublik, so warnte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider am Montag , ist sozial und ökonomisch „ein zutiefst zerrissenes Land“. Die Lebensverhältnisse in Deutschland drohten immer mehr auseinander zu fallen.

Auf hohem Niveau eingependelt

In seinem am Montag präsentierten „Armutsatlas“ hat der Paritätische jetzt erstmalig die Einkommensdaten des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2007 kleinräumig auf alle Regionen heruntergebrochen. Entstanden ist eine Landkarte, die nicht nur einzelne Ortschaften oder Stadtteile als arm ausweist, sondern ein Atlas, der zeigt: Mittlerweile sind ganze Regionen von Armut geprägt – und das längst nicht nur im Osten des Landes.

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall“, so Schneider, „ist Deutschland nicht länger zweigeteilt in Ost und West, sondern im Hinblick auf die Armutsbetroffenheit zerrissener als je zuvor“. Die Republik sei mindestens dreifach gespalten. Das Statistische Bundesamt formulierte den gleichen Befund am Montag neutraler. „Die Armutsgefährdungsquote“ sei in Deutschland je nach Bundesländern „unterschiedlich“. Besonders armutsgefährdet, heißt es, seien vor allem Alleinerziehende und deren Kinder.

Bundesweit ist die Armutsquote seit 2005 zwar leicht gesunken. Sie hat sich aber selbst im Aufschwungjahr 2007 mit 14,3 Prozent auf hohem Niveau eingependelt. Ein detaillierterBlick auf die Karte zeigt , wie stark Armut auch eine Frage des Wohnorts ist.

Da ist im Süden der Republik das Dreigestirn Baden-Württemberg, Bayern und Hessen mit einer Armutsquote von knapp elf Prozent. Da ist der Osten, wo – fast schon konstant – nahezu jeder fünfte unterhalb der Armutsschwelle lebt. Einzig die Rentner dort sind seltener arm als ihre Altersgenossen im Westen.

Und da sind Regionen im Nord-Westen der Republik, wo viele Haushaltseinkommen mittlerweile an ostdeutsches Niedrigniveau heranreichen. Bremen etwa liegt trotz positiver Entwicklung seit 2005 mit einer Armutsquote von 19,1 Prozent nur ganz knapp hinter Sachsen. Andere westdeutsche Länder wie Niedersachsen sind in Sachen Wohlstand und Armut gleich in sich extrem gespalten.

Dramatisch wird der Blick auf den Atlas vor allem, wenn man die Lupe zur Hand nimmt. Dann nämlich, so zeigt die Studie des Paritätischen, erkennt man riesige Landstriche, in denen jeder vierte oder fünfte unter der Armutsschwelle lebt. Nicht zufällig verzeichnen diese Regionen die höchsten Abwanderungregionen. In Mecklenburg-Vorpommern, trauriger Spitzenreiter auf der Armutsskala, kehrte 2007 jeder zwanzigste Einwohner der Heimat den Rücken.

Keine Prognose

Ohne massives Gegensteuern sei „die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten“, warnt der Paritätische und geht mit der Politik scharf ins Gericht. „Wenn die ärmste Region eine viermal so hohe Armutsquote aufweist wie die reichste, hat das mit gleichwertigen Lebensverhältnissen nichts mehr zu tun“, kritisiert Verbandschef Schneider.

Die Politik habe in den letzten Monaten noch dazu beigetragen, die regionalen Ungleichheiten zu verstärken. So bekämen von den zehn Milliarden Euro des Bundes für Zukunftsinvestitionen ausgerechnet die drei reichsten Länder, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen mit einem Drittel der Mittel den dicksten Batzen ab. Auch fast alle anderen Maßnahmen des Konjunkturpakets II hätten keine armutsbekämpfenden Komponenten und gingen – wie etwa die Abwrackprämie – an den Einkommensschwachen sogar gänzlich vorbei. Die Bundesregierung habe so die historisch einmalige Chance vertan, Konjunkturankurbelung mit Armutsbekämpfung zu verbinden.

Gut möglich aber auch, dass der Armutsatlas schon im nächsten Jahr neu gezeichnet werden muss. Dann, wenn die Krise in den Regionen Baden-Württembergs oder Bayerns angekommen ist, wo bislang noch die Arbeit zuhause war und nun die Armut zu Gast kommt. Eine Prognose für die Zeit nach 2009 wagt der Armutsatlas denn wohlweislich nicht.

 

GGOETHALS



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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 115)
Datum: Dienstag, den 19. Mai 2009
Seite: 2

 

„Armut wird normal“

Forscher Butterwegge über Wirkung der Krise

Herr Butterwegge, laut Paritätischem Gesamtverband ist in Teilen Deutschlands jeder vierte arm. Dabei hat die Krise noch gar nicht voll durchgeschlagen. Wie viel schlimmer wird es noch?

Die Armut wird deutlich zunehmen, zum einen wegen der steigenden Arbeitslosigkeit, zum anderen wegen sinkender Löhne. Wir werden soziale Verwerfungen haben, und auch viel schärfere Verteilungskämpfe. Da sehe ich schon Parallelen zur Weltwirtschaftskrise der 30er – auch wenn wir heute einen Sozialstaat haben, der manches abfedert.

Bisher waren vor allem Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose von Armut bedroht. Ändert sich das durch die Krise?

Die Krisenverlierer gibt es sicher hauptsächlich in den Bevölkerungsschichten, die ohnehin ein größeres Armutsrisiko tragen: schlecht Qualifizierte, Leiharbeiter, Minijobber und ganz besonders die Alleinerziehenden und ihre Kinder. Auf uns kommt eine riesige Entlassungswelle zu, und als erste verlieren die ihren Job, die schlecht qualifiziert sind und die man für unflexibel hält – wie Frauen mit Kindern. Aber auch der Niedriglohnsektor wird sich aufgrund fallender Löhne weiter ausweiten – und das bedeutet mehr Armut. Und es wird in bestimmten Regionen, die sehr durch industrielle Fertigung geprägt sind, besonders starke Einbrüche geben.

Droht damit eine Verarmung weiter Bevölkerungsteile?

Die Armut ist dabei, zur Normalität in Deutschland zu werden. Und sie trifft auch ganz unterschiedliche Gruppen. Es könnten sogar viele Menschen arbeitslos werden, die hoch qualifiziert sind und ihr ganzes Leben lang in festen Arbeitsverhältnissen waren. Längerfristig fürchte ich zudem, dass wir nach einer Verjüngung der Armut in den letzten Jahren nun wieder verstärkt mit Altersarmut rechnen müssen –- das hat aber vor allem mit der Rentenpolitik zu tun.

Der Paritätische Verband kritisiert, dass die Konjunkturprogramme bisher die Spaltung zwischen und Arm und Reich noch vergrößerten. Muss ein drittes Konjunkturpaket her?

Auf jeden Fall – eines, von dem endlich Menschen mit geringer Kaufkraft profitieren. Ein gesetzlicher Mindestlohn zum Beispiel wäre ein ideales Konjunkturprogramm, denn damit würde die Binnennachfrage angekurbelt. Außerdem müssten die Regelsätze bei Hartz IV auf mindestens 450 Euro hochgesetzt werden, denn auch die Hartz IV-Empfänger geben jeden Cent sofort aus, den sie bekommen. Vor allem die Sätze für Kinder müssten deutlich erhöht werden – von 211 auf 300 Euro.

Der Armutsatlas zeigt ein starkes Regionalgefälle. Wie kann man verhindern, dass ganze Länder weiter veröden?

Da wäre eine regionale Strukturpolitik nötig, die den Namen verdient. Statt nach dem Solidaritätsprinzip die Schwachen zu stärken, hat man die Regionen zuletzt stärker sich selbst überlassen oder sogar – neoliberalen Konzepten folgend – im Sinne eines Wettbewerbsföderalismus dafür gesorgt, dass sich die starken Ländern von den schwächeren absetzen konnten. Mehr Armut auf der einen, mehr Reichtum auf der anderen Seite sind die Folge.

Interview: Nadja Erb

 

ERB



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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 115)
Datum: Dienstag, den 19. Mai 2009
Seite: 3

 

Streit über die Zahlen

Hartz IV soll Teilhabe an der Gesellschaft erlauben

Laut Definition der Europäischen Union ist arm, wer mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen muss. Aber diese Berechnungsgrundlage wird nach Ansicht von Experten dem komplexen Phänomen Armut nicht gerecht: Arm ist ihrer Ansicht nach, wer sich nicht leisten kann, was in der Gesellschaft als normal gilt und deshalb etwa bei Gesundheit oder Bildung benachteiligt ist.

Deshalb fordern etwa die Grünen auch, den aktuellen Hartz-IV-Regelsatz von 351 Euro zu einer auf 420 Euro erhöhten Grundsicherung zu erweitern. Die Linkspartei fordert eine Erhöhung auf 500 Euro. Denn das so genannte soziokulturelle Existenzminimum, auf dem der Hartz-IV-Regelsatz basiert, soll eigentlich genau jene Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.

Referenzgröße sind die Ausgaben des nach Nettoeinkommen gerechnet untersten Fünftels der deutschen Haushalte. Alle fünf Jahre – zuletzt 2008 – wird das Existenzminimum überprüft und wenn nötig neu festgelegt. FR

 

RHAMACHER



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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 115)
Datum: Dienstag, den 19. Mai 2009
Seite: 3

 

Armut teilt das Land

764 Euro für

Singles, 1376 Euro für kinderlose

Paare: Mit

Einkommen

in dieser

Höhe gelten

Menschen

als arm.

Im Osten

betrifft das

viel mehr

Bürger als in

anderen Teilen Deutschlands.

Das zeigt der neue

Armutsatlas des

Paritätischen

Gesamtverbandes.

Seiten 2/3, 13

 

GHARTZ



© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 115)
Datum: Dienstag, den 19. Mai 2009
Seite: 1

 

Regionaler Deutschland-Vergleich

So groß ist die Armut in den Bundesländern

zuletzt aktualisiert: 18.05.2009 - 10:39

Berlin/Wiesbaden (RPO). Vor allem ostdeutsche Regionen drohen in einen Teufelskreis der Verarmung zu geraten. Das geht aus dem "Ersten Armutsatlas für Regionen in Deutschland" hervor, den der Paritätische Wohlfahrtsverband am Montag in Berlin vorgestellt hat. Die regionalen Armutsquoten reichen demnach von 7,4 Prozent im Schwarzwald bis zu 27 Prozent in Vorpommern.

Während in Mecklenburg-Vorpommern knapp ein Viertel (24,3 Prozent) und in Sachsen-Anhalt gut ein Fünftel (21,5 Prozent) der Bevölkerung weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland zur Verfügung hat, trifft dies in den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg (10 Prozent) und Bayern (11 Prozent) nur auf rund ein Zehntel zu, wie auch das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte.

Grundlage sind Berechnungen des Mikrozensus für das Jahr 2007 hervor, die die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder im Rahmen des Projekts "Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik" erstmals erstellt haben. Gemäß einer Definition der Europäischen Union gilt als armutsgefährdet, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung auskommen muss.

Durchschnittliches Armutsrisiko von 14,3 Prozent

Insgesamt betrug die Armutsgefährdungsquote in Deutschland im Jahr 2007 14,3 Prozent. Während in den neuen Ländern (einschließlich Berlin) 19,5 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet waren, lag die Quote im früheren Bundesgebiet mit 12,9 Prozent deutlich niedriger. Die Quote war im Osten in nahezu allen Altersgruppen höher als im Westen.

Besonders von Armut bedroht sind erwerbslose Personen sowie Alleinerziehende und deren Kinder. Auch hier sind im Ländervergleich erhebliche Unterschiede festzustellen: Während die Armutsgefährdungsquote der Erwerbslosen in Baden-Württemberg mit 40,3 Prozent im Jahr 2007 den niedrigsten Wert aufwies, waren in Sachsen-Anhalt zwei Drittel aller Erwerbslosen (66 Prozent) armutsgefährdet.

Bei den Personen in Alleinerziehenden-Haushalten waren die niedrigsten Quoten in den Stadtstaaten Berlin (28,6 Prozent) und Hamburg (29,6 Prozent) festzustellen; die höchste Quote wies auch hier Sachsen-Anhalt mit 53,7 Prozent auf.

Regional tief zerissen

"Die regionale Betrachtung der Armut führt uns erstmals vor Augen, dass Deutschland nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief zerrissenes Land ist", sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Verbandes. "Wir haben uns viel zu lange durch bundesweite Durchschnittsquoten blenden lassen. Der Mensch lebt aber in der Region, nicht im Durchschnitt."

Dabei belege der Atlas, dass die gängige statistische Unterscheidung zwischen Ost- und Westdeutschland in der Realität viel zu kurz greife. "Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland nicht länger zwei- sondern mindestens dreigeteilt und im Hinblick auf die Armutsbetroffenheit zerrissener als je zuvor", sagte Schneider. Wenn die ärmste Region eine viermal so hohe Armutsquote aufweise wie die reichste, habe das mit gleichwertigen Lebensverhältnissen nichts mehr zu tun.

Gezielte Förderung nötig

Ohne gezielte Maßnahmen der Armutsbekämpfung werde mittelfristig jede Grundlage für eine gute ökonomische Entwicklung in den betroffenen Regionen zerstört. "Was wir brauchen ist die nachhaltige Verknüpfung von Wirtschafts- und Sozialpolitik mit der gezielten Förderung von Regionen", forderte Schneider.

Scharfe Kritik übte der Verband in diesem Zusammenhang an dem Konjunkturpaket II. Die zehn Milliarden Bundesmittel für Investitionen in Bildung und kommunale Infrastruktur flössen zu einem Drittel in die drei Bundesländer, die mit Abstand die geringsten Armutsquoten aufweisen. Eine solche Mittelverteilung sei ökonomisch unvernünftig und sozial ungerecht. Maßnahmen wie die Abwrackprämie würden die Spaltung zwischen Arm und Reich noch vergrößern, anstatt sie zu schließen, kritisierte Schneider.

 

 

Einkommensstatistik

Jeder siebte NRWler lebt unterhalb der Armutsgrenze

Nachrichten, 18.05.2009, DerWesten

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Düsseldorf. In NRW ist jeder siebte Bürger arm. 14,5 Prozent der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Das heißt: Ihr Einkommen lag unter 721 Euro im Monat. Noch dramatischer ist die Situation in Ostdeutschland. Der Paritätische Gesamtverband befürchtet eine Verödung ganzer Landstriche.

Jeder siebte NRW-Bürger ist arm. 14,5 Prozent der Einwohner lebten 2007 mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze, wie das Statistische Landesamt am Montag in Düsseldorf mitteilte. Als einkommensarm gelten gemäß EU-Definition Personen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. In NRW liegt dieses Durchschnittseinkommen bei 1200 Euro netto pro Person im Monat. Die Armutsschwelle liegt demnach bei 721 Euro.

Zum Armutsatlas NRW 

Die Armutsgefährdungsquote in Nordrhein-Westfalen lag im Jahr 2007 etwa auf dem Niveau des bundesdeutschen Durchschnitts von 14,3 Prozent. Vor allem Alleinerziehende (40 Prozent), Zuwanderer (29,1 Prozent) und Menschen mit geringer Qualifizierung (33,8 Prozent) haben ein hohes Armutsrisiko.

Ostdeutsche viel stärker betroffen

Allerdings sind Ostdeutsche nach wie vor deutlich stärker von Armut betroffen als Westdeutsche. «Die regionale Betrachtung der Armut führt uns erstmals vor Augen, dass Deutschland nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief zerrissenes Land ist», kritisierte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Der Verband legte am Montag in Berlin den ersten regionalen Armutsatlas für die Bundesrepublik vor, der auf Berechnungen des Mikrozensus für das Jahr 2007 basiert, die die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder im Rahmen des Projekts «Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik» erstmals erstellt haben.

Verödung ganzer Landstriche

20 Jahre nach dem Mauerfall sei Deutschland nicht länger zwei- sondern mindestens dreigeteilt, unterstrich Schneider. «Wenn die ärmste Region eine viermal so hohe Armutsquote aufweist wie die reichste, hat das mit gleichwertigen Lebensverhältnissen nichts mehr zu tun." Er forderte zum schnellen Handeln auf: «Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein.»

Zum Armutsatlas Deutschland 

Deutliche Kritik übte Schneider am Konjunkturpaket II der Bundesregierung. Die zehn Milliarden Bundesmittel für Investitionen in Bildung und kommunale Infrastruktur flössen zu einem Drittel in die drei Bundesländer, die mit Abstand die geringsten Armutsquoten aufwiesen. Eine solche Mittelverteilung sei ökonomisch unvernünftig und sozial ungerecht. Maßnahmen wie die Abwrackprämie würden die Spaltung zwischen Arm und Reich noch vergrößern, anstatt sie zu schließen.

In Mecklenburg-Vorpommern jeder Vierte betroffen

Während in Mecklenburg-Vorpommern knapp ein Viertel (24,3 Prozent) und in Sachsen-Anhalt gut ein Fünftel (21,5 Prozent) der Bevölkerung weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland zur Verfügung hat, trifft dies in den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg (10 Prozent) und Bayern (11 Prozent) nur auf rund ein Zehntel zu, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte.

Links

http://www.der-paritaetische.de/

Doch auch in Westdeutschland sind deutliche Unterschiede festzustellen. Nordwestdeutschland liegt mit fast 15 Prozent deutlich über dem süddeutschen Bereich. So sind in Bremen ebenso viele Menschen von Armut betroffen wie in manchen ostdeutschen Regionen (19,1 Prozent), in Niedersachsen sind es immerhin 15,5 Prozent. Insgesamt betrug die Armutsgefährdungsquote in Deutschland im Jahr 2007 14,3 Prozent. Besonders von Armut bedroht sind erwerbslose Personen sowie Alleinerziehende und deren Kinder. (ddp)

 

 

19.05.2009 / Titel / Seite 1Inhalt jw

<http://www.jungewelt.de/2009/05-19/index.php>

  Blühende Landschaften

 

Von Jörn Boewe

 

Jeder fünfte in Ostdeutschland veramt, im Westen bislang &r

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Jeder fünfte in Ostdeutschland veramt, im Westen bislang »nur« jeder achte

Foto: dpa-report

 

Ganze Regionen der Bundesrepublik drohen durch wachsende Armut zu

veröden. Überwiegend liegen sie im Osten, aber -- und das ist der neue

Trend -- nicht mehr ausschließlich. Am Montag stellten das Statistische

Bundesamt und der Paritätische Wohlfahrtsverband neue Studien zur Armut

in Deutschland vor. Beide Untersuchungen belegen gravierende

Unterschiede zwischen Ost und West. »Aber auch die alte Bundesrepublik

ist tief gespalten«, sagte der Hauptgeschäftsführer des

Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider.

 

Bundesweit klaffen nach dessen Angaben die regionalen Quoten weit

auseinander: von 7,4 Prozent im Schwarzwald bis zu 27 Prozent in

Vorpommern. »Wenn die ärmste Region eine viermal so hohe Armutsquote

aufweist wie die reichste, hat das mit gleichwertigen

Lebensverhältnissen nichts mehr zu tun«, betonte Schneider. Viel zu

lange hätte die Fixierung auf bundesweite Durchschnittsquoten den Blick

auf die regionalen Realitäten versperrt. Daß die ostdeutsche Bevölkerung

im Vergleich zur westdeutschen ungleich ärmer ist, zeigen auch die neuen

Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Während in den neuen Bundesländern

fast jeder Fünfte akut von Armut bedroht ist, kämpft im Westen

Deutschlands »nur« etwa jeder achte mit der sozialen Deklassierung.

 

Jetzt zeigt sich, daß der Osten nur das Experimentierfeld und

Einfallstor für die neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft war:

Mittlerweile stürzen auch ganze Regionen im Westen der Republik ab. »Wir

müssen mindestens von einer Dreiteilung ausgehen, um die extrem

unterschiedlichen Lebensbedingungen (...) zu erfassen«, sagte Schneider.

Er unterscheide zwischen einem süddeutschen, einem nordwest- und einem

ostdeutschen Raum.

 

Die südlichen Bundesländer Bayern, Hessen und Baden-Württemberg seien

vergleichsweise wenig betroffen, nur etwa jeder Zehnte gelte hier als

arm. Im Nordwesten erreiche die Quote dagegen bereits 15 Prozent und

nähert sich langsam den Verhältnissen im Osten an, wo inzwischen jeder

fünfte verarmt. Dennoch sei es ein Trugschluß, daß die Menschen in den

westlichen und südlichen Bundesländern weitestgehend von Armut verschont

seien, betonte Schneider. Als Beispiel führte er Niedersachsen an:

Landesweit sei die Quote durchschnittlich; sie variiere jedoch stark von

Region zu Region. So kämpfe in Ostfriesland wie in Ostdeutschland jeder

fünfte mit Verarmung, während in der Südheide nur jeder achte knapp bei

Kasse ist. Auch Bayern, das die bundesweit zweitniedrigste Quote hat,

kenne Problemregionen -- etwa Oberfranken-Ost oder Würzburg -- mit bis

zu 15 Prozent Bedürftigen.

 

Sowohl das Statistische Bundesamt als auch der Wohlfahrtsverband stuften

in ihren Berechnungen jene Personen als arm ein, denen 2007 weniger als

60 Prozent eines bundesweit mittleren Einkommens zur Verfügung standen

-- das waren 764 Euro.

 

/www.armutsatlas.de <http://www.armutsatlas.de>/