Eine
Welt ohne Armut ist möglich
Die
Vollversammlung des ökumenischen Rats der Kirchen plädiert für eine alternative
Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde
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Bei der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Porto Alegre war auch die Kampagne für Saubere Kleidung
vertreten. Am Beispiel Indonesiens und Namibias zeigte sie Arbeitsrechts- und
Menschenrechtsverletzungen in den Weltmarktfabriken der Textil- und Sportswearindustrie.
Als "urgent action"
legte Dietrich Weinbrenner, Pfarrer der Westfälischen Landeskirche und
Mitarbeiter der Kampagne für saubere Kleidung, einen Unglücksfall aus
Bangladesh vor. Dabei waren 64 Arbeiterinnen und Arbeiter nach dem Einsturz
eines mehrstöckigen Fabrikgebäudes am 11. April 2005 ums Leben gekommen. Fast
ein Jahr nach dieser Katastrophe in der Spectrum-Shahriyar-Fabrik
haben die Familien der Opfer noch keine Entschädigung bekommen, so die
Kampagne.
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In
der Fabrik ließen zeitweise Konzerne aus zehn Ländern produzieren, aus
Deutschland u.a. Karstadt/Quelle und Steilmann. Über
500 Teilnehmende der Kirchen-Vollversammlung aus 69 Ländern unterzeichneten in
Porto Alegre eine Petition, die diese Firmen
auffordert, ihrer Verantwortung nachzukommen und in einen Entschädigungsfonds
einzuzahlen. Weiterhin sollen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, dass
solche Unglücke in Zukunft nicht mehr passieren.
Unter anderen hatte Karstadt/Quelle, zugestimmt in den Kompensationsfonds
einzuzahlen. Den Absichtserklärungen sind nach Angaben der Kampagne für saubere
Kleidung aber noch keine Zahlungen gefolgt. Mit der Regierung in Bangladesh
wird noch verhandelt,
Die Ev. Kirche im Rheinland und die Ev. Kirche von Westfalen haben
Karstadt/Quelle um ein Gespräch über Spectrum-Shahriyar
gebeten. Dabei sollen die in Porto Alegre gesammelten
Unterschriften übergeben werden. aud
Wir, die Vertreter und Vertreterinnen von Kirchen, die wir zur 9.
Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zusammengekommen sind,
möchten betonen, dass eine Welt ohne Armut nicht nur möglich ist, sondern in
Übereinstimmung steht mit Gottes Gnade für die Welt. Diese Überzeugung gründet
auf der reichen Tradition ökumenischer Sozialethik und -praxis, in deren
Mittelpunkt Gottes Option für die Armen als ein Gebot unseres Glaubens steht.
Sie spiegelt auch die Ergebnisse eines weltweiten Studienprozesses wider, in
dem während der letzten sieben Jahre untersucht wurde, wie die Kirchen mit der
wirtschaftlichen Globalisierung umgehen - ein Prozess, zu dem alle Regionen der
Welt und mehrere weltweite christliche Gemeinschaften beigetragen haben,
insbesondere die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) von 2003 und
die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes (RWB) von 2004.
Im Rahmen des Studienprozesses wurde das Projekt der wirtschaftlichen
Globalisierung analysiert - ein Projekt, das sich auf die Ideologie der freien
Märkte beruft und in erster Linie im Dienst der dominierenden politischen und
wirtschaftlichen Interessen steht. Gefördert wird die wirtschaftliche
Globalisierung von den internationalen Finanzinstitutionen und anderen
Einrichtungen wie der Welthandelsorganisation. Alle, die am AGAPE-Prozess
mitgewirkt haben, äußerten ihre Sorge über die wachsende Ungleichheit, die
Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen einiger weniger und die
Zerstörung der Erde - alles Faktoren, durch die die skandalöse Armut im Süden
und immer mehr auch im Norden noch verschlimmert wird. In den letzten Jahren
ist die zunehmende Bedeutung von politischer und militärischer Macht immer mehr
zutage getreten. Überall auf der Welt erleben die Menschen, wie sich die
imperialen Mächte auf ihre Gemeinschaft auswirken.
Wir sind in Porto Alegre versammelt, der Wiege des
Weltsozialforums (WSF), und fühlen uns durch die positiven und konstruktiven
Botschaften der verschiedenen im WSF zusammenlaufenden Bewegungen darin
bestärkt, dass Alternativen möglich sind. Wir bekräftigen, dass wir etwas
ändern können und müssen, indem wir zu verwandelnden Gemeinschaften werden, die
für Menschen und Erde Sorge tragen.
Wir sind uns bewusst, dass die Spaltungen dieser Welt auch unter uns
existieren. Dennoch wagen wir zu glauben und zu bekennen, dass wir dazu berufen
sind, eins in Jesus Christus zu sein und verwandelt zu werden durch die Gnade
Gottes zum Wohle allen Lebens auf der Erde. Wir fühlen uns aufgerufen, die
wirtschaftliche Globalisierung im Auge zu behalten und umzugestalten, und
appellieren daher an uns als Kirchen, gemeinsam mit den Menschen anderer
Glaubensgemeinschaften und Bewegungen aktiv zu werden. (...)
In dem Geist eines uns alle verbindenden Gebets fordern wir einander auf, den
Mut zum Handeln aufzubringen. Der AGAPE-Aufruf lädt
uns ein, gemeinsam für die Umgestaltung wirtschaftlicher Ungerechtigkeit
einzutreten und uns auch weiterhin in Reflexion und Analyse mit den
Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung und dem Zusammenhang
zwischen Reichtum und Armut auseinanderzusetzen.
1. Beseitigung der Armut
Wir verpflichten uns erneut, durch die Entwicklung solidarischer
Volkswirtschaften und überlebensfähiger Gemeinschaften für die Beseitigung von
Armut und Ungerechtigkeit zu arbeiten. Wir werden von unseren Regierungen und
den internationalen Institutionen verlangen, dass sie über die Umsetzung ihrer
Verpflichtungen zur Armutsbeseitigung und zur Nachhaltigkeit Rechenschaft
ablegen.
2. Handel
Wir verpflichten uns erneut, uns durch kritisches Hinterfragen von Freihandel
und einschlägigen Verhandlungen für gerechte internationale Handelsbeziehungen
zu engagieren und in enger Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen für faire,
gerechte und demokratische Handelsabkommen einzutreten.
3. Finanzen
Wir verpflichten uns erneut, die Kampagne für den bedingungslosen
Schuldenerlass sowie für die Kontrolle und Regulierung der globalen
Finanzmärkte fortzusetzen. Investitionen sollten nur noch in Unternehmen
getätigt werden, die soziale und ökologische Gerechtigkeit hochhalten, bzw. in
Banken oder Institutionen, die weder an Spekulation beteiligt sind noch zur
Steuerflucht ermutigen.
4. Nachhaltige Nutzung von Land und natürlichen Ressourcen
Wir verpflichten uns erneut, uns an Aktionen zugunsten von nachhaltigen und
gerechten Methoden der Nutzung und des Abbaus von Ressourcen zu beteiligen, in
Solidarität mit indigenen Völkern, die versuchen, ihr Land, ihr Wasser und ihre
Gemeinschaften zu schützen.
Wir verpflichten uns erneut, den Konsumwahn in Wohlstandsgesellschaften zu
hinterfragen, damit letztere sich zunehmend für Selbstbeschränkung und einen
einfachen Lebensstil entscheiden.
5. Öffentliche Güter und Dienste
Wir verpflichten uns erneut, uns dem weltweiten Kampf gegen die
Zwangsprivatisierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen anzuschließen
und aktiv für das Recht jedes Landes und jedes Volkes einzutreten, ihr Gemeingut
selbst zu bestimmen und zu verwalten.
6. Leben spendende Landwirtschaft
Wir verpflichten uns erneut, uns in Solidarität mit Kleinbauern und landlosen
Bauern für Landreformen einzusetzen und mit den uns zur Verfügung stehenden
Mitteln für die Selbstbestimmung in der Nahrungsmittelversorgung einzutreten.
Wir verpflichten uns auch, die Erzeugung von genetisch veränderten Organismen
(GVO) und die Liberalisierung des Handels als Pauschallösung abzulehnen. Wir
verpflichten uns ferner, ökologische Anbaupraktiken zu fördern und uns
solidarisch auf die Seite von Bauerngemeinschaften zu stellen.
7. Menschenwürdige Arbeitsplätze, selbstbestimmte
Arbeit und ein angemessener Lebensunterhalt
Wir verpflichten uns, mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, die sich für
menschenwürdige Arbeit und gerechte Löhne einsetzen, Bündnisse zu schließen.
Wir verpflichten uns, als Fürsprecher aller Arbeiter und Arbeiterinnen sowie
aller in Schuldknechtschaft arbeitenden Menschen aufzutreten, die ausgebeutet
werden und denen das Recht verweigert wird, sich gewerkschaftlich zu
organisieren.
8. Kirchen und die Macht des Imperiums
Wir verpflichten uns erneut, uns aus biblischer und theologischer Sicht über
die Frage von Macht und Imperium Gedanken zu machen und aus unserem Glauben
heraus gegen hegemoniale Mächte standhaft Stellung zu beziehen. Jede Macht ist
Gott gegenüber rechenschaftspflichtig.
Wir sind uns bewusst, dass der Prozess der Umgestaltung von uns als Kirchen
verlangt, dass wir den Opfern der neoliberalen Globalisierung gegenüber
Rechenschaft ablegen. Ihre Stimmen und Erfahrungen sind ausschlaggebend dafür,
wie wir dieses Projekt im Einklang mit dem Evangelium prüfen und beurteilen.
Das bedeutet, dass wir als Kirchen aus verschiedenen Regionen einander
Rechenschaft ablegen und dass sich diejenigen unter uns, die den Machtzentren
näher sind, in erster Linie ihren Brüdern und Schwestern verpflichtet fühlen,
die täglich unter den negativen Auswirkungen der weltweiten wirtschaftlichen
Ungerechtigkeit leiden.
Mit diesem Aufruf zur Liebe und zum Handeln beten wir für die Kraft, ungerechte
wirtschaftliche Strukturen zu verwandeln. Davon soll unser Denken und Handeln
während der nächsten Etappe unserer ökumenischen Reise geleitet werden. Dabei
helfen uns die Erkenntnisse, Vorschläge und Empfehlungen an die Kirchen, die
aus dem AGAPE-Prozess hervorgegangen sind und im AGAPE-Hintergrunddokument beschrieben wurden.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 02.04.2006 um 16:00:02 Uhr
Erscheinungsdatum 03.04.2006
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