Ein moderner Sklave

Aus dem Leben eines Wachmanns - selbst eine Vollzeitstelle garantiert keine

auskömmliche Existenz

Verdi startet Mitte März eine bundesweite Kampagne für Mindestlöhne. Sie

sollen aufräumen mit Tarifen, die zwar reguläre Vollzeitstellen, aber kein

Auskommen bieten. Wie etwa für jenen Wachmann aus Offenbach, dem trotz 250

Arbeitsstunden monatlich nur 600 Euro fürs Haushaltsbudget seiner

dreiköpfigen Familie bleiben.

 

tarifliche Untergrenze

        Die untersten Tariflöhne liegen nach einer Übersicht der Bundesvereinigung

der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) zwischen 3,06 Euro je Stunde

(Friseurhandwerk Sachsen) und 7,59 Euro (Wach- und Sicherheitsgewerbe

Baden-Württemberg). Union und SPD diskutieren einen pauschalen Mindestlohn

von 6 bis 7,50 Euro. Millionen Menschen in Deutschland arbeiten zu Löhnen,

die ihre Existenz nicht sichern können. Die SPD geht von 2,5 Millionen aus,

eine EU-Studie sogar von bis zu fünf Millionen Beschäftigten. dpa

Frankfurt a. M. Von 6 bis 18 Uhr wacht er täglich an der Pforte eines

großen deutschen Unternehmens bei Frankfurt. Zwölf Stunden täglich. Fünf

Tage die Woche. 250 Stunden im Monat. Bis Dezember hatte er täglich sogar

13 Stunden zu arbeiten. Über die verkürzte Schicht ist der 57 Jahre alte

Wachmann aus Offenbach aber alles andere als glücklich. Büßt er dadurch

doch täglich 6,52 Euro brutto ein - für viele ein Taschengeld, sagt

Miroslav Batic, der aus Angst vor Ärger nur für diese Geschichte den Namen

trägt. "Aber für uns zählt jeder Euro."

 

Das Minus wächst

 

Und jede Arbeitsstunde. Nur die Zeit, die Batic tatsächlich in der Firma

verbringt, wird ihm am Monatsende ausbezahlt. "Monate mit nur 19

Arbeitstagen sind deshalb schlecht." Und ganz schlecht die mit Urlaub oder

Krankheit, "da kriegt man nur acht Arbeitsstunden täglich bezahlt". Gut ist

kein Monat. 1250 Euro Netto stehen im Jahresschnitt auf Batics Lohnzettel.

Sind alle Fixkosten wie Miete, Strom, Wasser, Benzin oder

Kindergartengebühr bezahlt, bleiben für ihn, seine Frau und die dreijährige

Tochter etwa 600 Euro für Essen, Kleider und alles, was im Haushalt so

anfällt. Seine letzte Hose hat er vor drei Jahren gekauft, wann das letzte

Paar Schuhe, weiß er schon nicht mehr. "Kleider gibt's eigentlich nur noch

für die Kleine, weil die ständig wächst."

 

Und doch reicht es nicht. Steht das Konto trotz "sparen-sparen-sparen" mit

3400 Euro im Minus. Ein Minus, das wächst. Mit jeder unvermuteten Reparatur

am alten Wagen, auf den Batic wegen seiner Schichtzeiten nicht verzichten

kann. Mit jedem Stück, das zu Bruch geht. Ein Minus, das wachsen wird, weil

auch die unschlagbar preiswerte Wohnung für 300 Euro warm in Offenbach

absehbar nicht genügt: Zwei Zimmer, 40 Quadratmeter, ohne Bad oder Dusche.

"Ich hab' alle Wohnungsgesellschaften abgeklappert. Aber eine

Dreizimmerwohnung für weniger als 400 Euro warm ist im Rhein-Main-Gebiet

nicht zu kriegen."

 

Noch mehr arbeiten geht nicht: "Ich geh' morgens um fünf aus dem Haus und

komm' abends um sieben oder acht heim. Mehr schaff' ich nicht." Zumal er

wegen Rückenproblemen zu 60 Prozent als arbeitsunfähig gilt und froh ist,

überhaupt einen Job zu haben. Immerhin, seit die Tochter im Kindergarten

ist, schaut sich die Frau nach einer Putzstelle um.

 

Dabei war Batics Job als Wachmann nicht immer so schlecht: 1998 verdingte

sich der gelernte Mechaniker für 14 Mark plus einer Mark Fahrgeld je Stunde

bei einem Sicherheitsdienst. Der setzte ihn als Pförtner in einem Betrieb

bei Frankfurt ein. Zwei Jahre später erhielt ein anderer Wachdienst dort

den Zuschlag und übernahm Miroslav Batic, weil die Belegschaft "ihren"

Pförtner behalten wollte. Damals kletterte der Stundenlohn des Offenbachers

gar auf 16 Mark plus Fahrgeld. "Da blieb sogar noch was fürs Sparbuch",

sagt Batic. 2004 kam ein neuer Chef, rasierte den Lohn auf den nackten

Tarif, kürzte die Arbeitszeit und drängte Batic zur Vertragsänderung. Er

wurde mit Briefen förmlich bombardiert, sagt er. Mehrfach seien Vertreter

der Geschäftsleitung bei ihm vorbeigekommen, hätten gesagt, dass er für

das, was er tue, zu teuer sei und er gehen könne, wenn ihm die Kürzung

nicht passe.

 

Miroslav Batic wandte sich an den Betriebsrat, "der hat aber kein Wort zu

alldem gesagt". Seit März 2005 werden ihm nur noch 6,52 Euro pro Stunde

überwiesen. "Obwohl ich den Änderungsvertrag nie unterschrieben habe." Die

Gewerkschaft Verdi sieht sich gleichfalls machtlos, Arbeitgeber könnten

übertarifliche Löhne, die früher üblich waren, streichen, sagt der

Frankfurter Verdi-Gewerkschaftssekretär Rüdiger Lintelow. "Der Preisdruck

in der Branche ist unheimlich hoch." Bluten müssten die Angestellten -

bundesweit immerhin fast 250 000 Beschäftigte. In Hessen arbeiten rund 20

000 Menschen in der Branche. Zwischen 5,50 Euro pro Stunde Nacht- und 6,60

Euro Tagdienst bewegen sich die Tarife. In Rheinland-Pfalz werde sogar nur

5,20 Euro gezahlt, in den neuen Bundesländern vier.

 

Da bei 12- bis 14-Stunden-Schichten pro Tag kein Nebenjob zu leisten ist,

werde der Preisdruck letztlich auch auf dem Rücken des Staates ausgetragen,

sagt Claus Triebiger von der Schuldnerberatung SOS Alltag in Frankfurt:

"Etwa 20 Prozent unserer Kunden mit Niedriglohn beziehen ergänzende Hilfe

nach dem Arbeitslosengeld II."

 

Miroslaw Batic liegt mit seinem Lohn knapp über der Grenze. Aber das

interessiert ihn nicht. Er nennt es unerträglich, dass 250 harte

Arbeitsstunden im Monat in Deutschland nicht mal zum Leben reichen: "Was

sich Arbeitgeber hier erlauben, ist moderne Sklavenarbeit." Anita Strecker

 

 

 

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Dokument erstellt am 03.03.2006 um 16:56:45 Uhr

Erscheinungsdatum 04.03.2006