Suchtbekämpfer bekämpfen sich
Drogenbeauftragte wirft Union Blockade vor /
Familienministerium bemängelt Konzept
Von Michael Bergius
Berlin. Gut vier Monate vor der Bundestagswahl streitet die
Koalition jetzt auch über den richtigen Kurs bei der Bekämpfung des Alkohol-
und Tabakmissbrauchs. In ungewöhnlich heftiger Form warf die Drogenbeauftragte
der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), CDU und
CSU eine Blockadehaltung vor. Es sei für sie „nicht zu begreifen“, dass sich
Unionsminister und -Abgeordnete nationalen Aktionsprogrammen zur Prävention
widersetzten.
Jahrelang habe die Koalition um Kompromisse gerungen, bis
jetzt von Unionsseite die Ansage gekommen sei: „Nein, wir wollen nicht.“ Nach
Darstellung Bätzings sperren sich die Ressorts
Verbraucherschutz und Wirtschaft (beide CSU) sowie das CDU-geführte
Jugend- und Familienministerium sogar gegen minimale Schritte wie eine
effektivere Kontrolle des Jugendschutzgesetzes oder eine wirksamere
Selbstregulierung der Werbewirtschaft. Restriktive Forderungen wie eine
Absenkung der Promillegrenze im Autoverkehr oder Verkaufsverbote für Alkohol an
Tankstellen seien ohnehin bereits vor Monaten aus dem Aktionsprogramm entfernt
worden; gleichwohl blockiere die Union, kritisierte Bätzing
– und spekulierte auch gleich über mögliche Motive: „Wahlkampftaktik und
wirtschaftliche Interessen“. Als „ethisch und christlich verwerflich“ rügte sie
überdies die anhaltende Weigerung der Unions-Bundestagsfraktion,
Schwerst-Drogenabhängige mit dem Ersatzstoff Diamorphin zu behandeln.
Der gestern vorgelegte Jahresbericht weist zwar leicht
rückläufige Zahlen beim Alkohol- und Tabakkonsum aus; das hemmungslose Saufen
von Kindern und Jugendlichen sei jedoch ein alarmierendes Problem, das zum Handeln
auffordere, sagte Bätzing.
Das Familienministerium hielt Bätzing
entgegen, ihr Programm nicht ausreichend mit allen Beteiligten abgestimmt zu
haben. „Das reicht qualitativ für eine nationale Initiative der Bundesregierung
nicht aus“, spottete das Ressort von Ursula von der Leyen (CDU). Die
Drogenexpertin der Union, Maria Eichhorn (CSU), nannte den Vorwurf der
Blockadehaltung „an den Haaren herbeigezogen“.
Sehr besorgt äußert sich der Regierungsbericht auch über die
zunehmende Suchtproblematik am Bildschirm. Zwischen drei und sieben Prozent
aller Internetnutzer müssten mittlerweile als „onlinesüchtig“ bezeichnet
werden; ebenso viele seien zumindest stark suchtgefährdet, sagte Bätzing. Wer „exzessiv“, zehn bis 18 Stunden täglich, an
Computerspielen oder so genannten Chats teilnehme, verliere die Selbstkontrolle
und soziale Kontakte, warnte die Drogenbeauftragte.
RBERGIUS
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 103)
Datum: Dienstag, den 05. Mai 2009
Seite: 5
Jugend: Koma-Trinken nimmt zu
VON EVA QUADBECK
Berlin Allen Mahnungen zum Trotz ist exzessives Trinken bei Jugendlichen
weiterhin angesagt. Jeder fünfte Jugendliche hat mindestens einmal im Monat
einen Rausch. Wie aus dem Drogenbericht der Bundesregierung hervorgeht, gilt
der Alkoholkonsum bei 8,2Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen als „riskant“ oder
„gefährlich“. Wobei Jungen (9,2 Prozent) etwas häufiger zur Risikogruppe zählen
als Mädchen. Im Jahr 2007 wurden 23165Kinder und Jugendliche im Alter zwischen
zehn und 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt. Das
ist Höchststand.
Während das so genannte „Binge drinking“
weiter auf dem Vormarsch ist, hat der regelmäßige Konsum von Bier, Wein und
Schnaps abgenommen. Im Jahr 2004 griffen noch 21 Prozent der Jugendlichen
mindestens einmal pro Woche zum Glas, im Vorjahr waren es 17,4 Prozent.
Für die Drogenbeauftragte der Regierung, Sabine Bätzing
(SPD), ist der Rückgang kein Grund zur Entwarnung: „Der Tabak- und
Alkoholkonsum Jugendlicher liegt im internationalen Vergleich immer noch hoch.“
Immer noch jeder sechste Jugendliche in Deutschland greift regelmäßig zur
Zigarette.
Der Konsum von Cannabis ist nach vielen Jahren des Anstiegs nun leicht
rückläufig. Die Droge übt aber weiterhin einen großen Reiz aus: 28,3 Prozent
der Zwölf bis 25-Jährigen haben schon einmal einen Joint geraucht. Bei den
Zwölf- bis 17-Jährigen hat jeder zehnte schon einmal die illegale Droge
ausprobiert. Regelmäßig kiffen 2,3 Prozent der Teenager und jungen Erwachsenen
bis 25 Jahre.
Erstmals schafft der Drogenbericht auch einen Überblick über Online- und
Computerspielsucht. Demnach gelten drei bis sieben Prozent der Nutzer als
süchtig. Weitere drei bis sieben Prozent werden als „stark suchtgefährdet“
eingestuft.
In der großen Koalition ist derweil ein Streit um die Drogenpolitik
ausgebrochen. Bätzing warf der Union vor, sie
blockiere einen Aktionsplan zur Suchtprävention. Die Drogenbeauftragte der
Unionsfraktion, Maria Eichhorn (CSU), wies die Vorwürfe zurück: „Es liegt nicht
an der Union, dass der nationale Aktionsplan zur Suchtprävention noch nicht
beschlossen wurde“, sagte sie unserer Zeitung. Vielmehr habe sich die
Staatssekretärsrunde dagegen ausgesprochen, weil viele Detailfragen ungeklärt
seien. Es gebe beispielsweise Gesprächsbedarf in der Frage, „ob bei
alkoholischen Getränken tatsächlich eine zweckgebundene Abgabe für die
Suchtprävention eingeführt wird.“ Ein Sprecher des CDU-geführten
Familienministerium kritisierte, der Aktionsplan sei
mit den Beteiligten nicht ausreichend abgestimmt.
Die große Koalition streitet zudem über den Umgang mit
Schwerstheroinabhängigen. Die SPD will ihnen sauberes Heroin auf Krankenschein
gewähren. Die Union scheut die Kosten dafür und zieht den Nutzen in Zweifel.
- /EVA QUADBECK
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.103
Datum: Dienstag, den 05. Mai 2009
Seite: Nr.4
Drogenbericht
Kinder und Jugendliche trinken exzessiver Alkohol
Nachrichten,
04.05.2009, DerWesten
Berlin. Exzessives Trinken ist bei Kindern und Jugendlichen weiter sehr verbreitet. Rund 23.000 alkoholisierte junge Menschen wurden im letzten Jahr ins Krankenhaus eingeliefert - teil bewusstlos. Der Bundesdrogenbeauftragten Sabine Bätzing macht auch die zunehmende Online-Abhängigkeit Sorgen.
Das exzessive Trinken von Alkohol bei Kindern und Jugendlichen hat im vergangenen Jahr erneut zugenommen. Rund 23 000 alkoholisierte Kinder und Jugendliche seien zum Teil bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert worden, sagte die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) am Montag bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichtes 2009 in Berlin. Dies entspreche seit dem Jahr 2000 einer Zunahme von 143 Prozent.
Der Anteil der Jugendlichen, die in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal mehr als fünf Gläser alkoholische Getränke konsumierten, liegt der Studie zufolge mit über 20 Prozent immer noch auf hohem Niveau. Fast jeder zehnte Jugendliche (8,2 Prozent) im Alter von 12 bis 17 Jahren weist einen riskanten oder gefährlichen Alkoholkonsum auf.
Drei bis sieben Prozent der Internetnutzer gelten demnach als onlinesüchtig
Insgesamt seien die Zahlen beim Konsum von Tabak, Alkohol und Cannabis bei den 12- bis 17-Jährigen zurückgegangen, sagte Bätzing. Neue Herausforderungen stellten die Online- und Computersucht dar. Drei bis sieben Prozent der Internetnutzer gelten demnach als onlinesüchtig, ebenso viele werden als stark suchtgefährdet eingestuft.
Bätzing kritisierte die Unions-Parteien, weil diese die Umsetzung des Nationalen Aktionsprogrammes zur Alkoholprävention «aus wahltaktischen Gründen» ablehnten. Das Programm sei unter «schmerzhaften Kompromissen» entstanden. Die Unions-geführten Verbraucherschutz- und Familienministerien verweigerten die Zustimmung nun trotz ihrer zuvor berücksichtigten Forderungen. Der Wahlkampf «genießt hier höheren Stellenwert als der Jugendschutz», sagte Bätzing. (ddp)
Problem Komasaufen: "Wir müssen uns einmischen"
Ausweispflicht für junge Alkoholkäufer gefordert
Noch offene Fragen nach dem Tod der Schüler