Drogen auf Privatrezept

 

 

    Ärzte umschiffen bei der Verschreibung von Schlaftabletten oft die

    Krankenkassen -- die Zahl der Abhängigen könnte sich verdoppeln

 

 

        Von Birgitta vom Lehn

 

 

        Schlaflosigkeit zählt zu den häufigsten Beschwerden, weswegen

        Patienten einen Arzt aufsuchen. 45 Prozent der Bevölkerung sind

        gelegentlich oder dauernd betroffen. Die Insomnie, wie

        Schlaflosigkeit im Fachjargon heißt, nimmt mit dem Alter zu, bei

        den über 65-Jährigen leidet jeder zweite stark. Mit den

        bekannten Folgen: depressive Verstimmung, Müdigkeit,

        Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen am Tag.

 

 

        Deshalb greifen immer mehr Menschen zu Schlaftabletten und

        riskieren, dadurch süchtig zu werden. Das belegt eine neue

        Studie des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen.

        Die 1991 eingeführten sogenannten modernen Schlafmittel Zolpidem

        und Zopiclon -- derzeit die erfolgreichssten Präparate auf dem

        Markt -- sollen gemäß den Leitlinien in niedriger Dosierung und

        maximal vier Wochen lang eingesetzt werden.

 

 

        "Die aktuelle Versorgungssituation liefert jedoch ein anderes

        Bild", schreiben die Forscher um Professor Gerd Glaeske in einer

        Online-Vorabpublikation des Fachblatts "Der Nervenarzt". Bereits

        im vergangenen Jahr hatten die Bremer Sozialwissenschaftler

        festgestellt, dass die beiden Schlafmittel zum Teil erheblich

        länger verschrieben werden. In ihrer neuen Studie verglichen sie

        deshalb die Abrechnungsdaten der Gesetzlichen

        Krankenversicherung mit den Verkaufszahlen der Apotheken. Die

        Differenz zwischen beiden Datenquellen, so schlussfolgerten sie,

        musste auf Privatverordnungen fallen. Tatsächlich stieg der

        Anteil der Privatrezepte zwischen 1993 und 2007 drastisch. Kamen

        für Zolpidem auf 100 Kassenrezepte sechs Privatrezepte, so

        standen 2007 jeweils 100 Kassenrezepten 122 Privatrezepte

        gegenüber; bei Zopiclon stieg der Anteil von sechs auf 72

        Privatrezepte. Die Verkaufszahlen kletterten in diesem Zeitraum

        für Zolpidem von 1,4 Millionen auf 3,7 Millionen Packungen und

        für Zopiclon von 0,8 auf 3,9 Millionen Packungen. Drei Viertel

        und mehr der Verordnungen entfielen dabei auf die höchste

        Dosierung und Packungsgröße.

 

 

        Keine harmlose Alternative

 

 

        Nachdem beide Medikamente 1991 auf dem deutschen Markt

        erhältlich waren, stellte das Jahr 2000 für die Forscher eine

        Wendemarke dar. Ab diesem Jahr kamen zusätzlich zu den bereits

        über die Krankenversicherungen verordneten Packungen noch einmal

        mehr als 50 Prozent Zolpidem und Zopiclon, die privat verordnet

        wurden. In England, wo dieser Trend ebenfalls erkennbar ist,

        wurde in einer Befragung von 107 Hausärzten festgestellt, dass

        vor allem die Werbestrategien der Hersteller verantwortlich für

        die verbreitete Auffassung der Ärzte sind, die neuen

        Schlafmittel seien harmloser als Valium und Abkömmlinge

        (Benzodiazepine), was Sucht und Missbrauch betrifft. Dabei

        stellte das National Institute of Health in London schon vor

        fünf Jahren klar, dass hier kein Unterschied bestehe.

 

 

        "Allerdings scheinen sich deutsche Ärzte wenigstens des

        Missbrauchspotenzials bewusst zu sein -- beziehungsweise wollen

        sich offensichtlich Kontrollen von Seiten der Krankenkassen und

        der Kassenärztlichen Vereinigung entziehen", betonen die Bremer

        Forscher. Schließlich warnte die Arzneimittelkommission schon

        vor Jahren im "Deutschen Ärzteblatt" davor, das

        Abhängigkeitsproblem der Benzodiazepin-abhängigen Patienten

        "risikolos auf Zolpidem" umzustellen. Hier drohe genauso ein

        "Substanzmissbrauch".

 

 

        Die Krankenkassendaten sind in den letzten Jahren transparenter

        geworden. Deshalb fürchten viele Ärzte mögliche Konsequenzen.

        Als "Ausweichstrategie" für "auffällige Substanzen" hätten sie

        das Privatrezept gewählt, rügen die Forscher: "Privatrezepte

        bilden somit eine ,black box' für die Forschung." Allerdings

        spiegelten auch schon die abgerechneten Krankenkassendaten

        wider, dass die Therapiedauer häufig nicht den aktuellen

        Empfehlungen entspricht. Die Forscher nehmen daher an, dass es

        sich bei den Patienten "um Personen mit Hochverbrauch

        beziehungsweise Abhängige mit langjähriger Therapiedauer"

        handelt. Denn nur diese würden es auch in Kauf nehmen, statt

        fünf Euro Zuzahlung den dreimal so hohen, vollen Preis für eine

        große Packung aus eigener Tasche zu zahlen. "Auffällig" sei vor

        allem die Entwicklung von Zolpidem, das seit 2000 zulasten der

        Versicherungen in nahezu konstanten Mengen verschrieben wurde,

        aber seit dem Jahr 2000 zusätzlich zu 69 bis 125 Prozent auf

        Privatrezept abgegeben wurde.

 

 

        Ein vergleichbarer Trend entwickelte sich für Valium und

        Abkömmlinge. Auch sie werden zunehmend privat verschrieben: 2004

        kamen auf 100 Kassenverordnungen bereits 125 Privatrezepte. Bei

        psychisch wirksamen Medikamenten mit Missbrauchs- und

        Abhängigskeitspotenzial werde offenbar verstärkt "auf

        Privatrezepte ausgewichen", lautet das Fazit der Bremer Forscher.

 

 

        Eine Ursache sei das "Patienten-Hopping", sagt Studienautor Falk

        Hoffmann. Die elektronische Gesundheitskarte könnte hier Abhilfe

        schaffen, aber nur, wenn die Angaben darauf zur Pflicht gemacht

        würden. Das sei aber nicht geplant. Wünschenswert wäre auch eine

        systematische Auswertung und Veröffentlichung von beobachteten

        Missbrauchs- und Abhängigkeitsfällen durch deutsche

        Suchtkliniken. Christa Mefert-Diete von der Deutschen

        Hauptstelle für Suchtfragen beschreibt die oft unseelige Allianz

        zwischen Arzt und Patient: "Der Patient will mit seinem Leiden

        ernst genommen werden, und das fühlt er sich oft nur, wenn er

        auch ein Rezept in die Hand bekommt. Dem Arzt fehlt oft die

        Zeit, nach einer risikoärmeren Alternativtherapie zu suchen."

 

 

        Wie dramatisch die Situation für abhängige Patienten ist, von

        ihrer Sucht wieder los zu kommen, zeigt eine noch

        unveröffentlichte Studie, die das Institut für interdisziplinäre

        Sucht- und Drogenforschung in Hamburg für das Bundesinstitut für

        Arzneimittel und Medizinprodukte erstellt hat. Während 91

        Prozent derjenigen, die nur für kurze Zeit Schlaftabletten

        nehmen, von diesen schnell wieder los kommen, gelingt es

        abhängigen Patienten, die meist hohe Mengen verschrieben

        bekommen, nur zu vier Prozent.

 

 

        Das Forscherteam um den Institutsleiter Professor Peter Raschke

        hat zudem hochgerechnet, dass die Zahl der

        Schlafmittel-Abhängigen sich in den folgenden fünf Jahren von

        derzeit 2,3 auf rund vier Millionen erhöhen könnte. "Das macht

        deutlich, dass es einen erheblichen Handlungsbedarf gibt", sagt

        Raschke. Ärzte wüssten in der Regel um die problematische

        Langzeiteinnahme ihrer Patienten. "Entweder erkennen sie die

        typischen Veränderungen von Menschen mit

        Benzodiazepin-Langzeiteinnahme nicht richtig oder sie nehmen

        diese billigend in Kauf und setzen deshalb die Verschreibung fort."

 

 

        Da Patienten mit Benzodiazepin-Abhängigkeit eine "hohe

        Apothekentreue" besäßen, könnten Apotheken zumindest eine

        "Signalfunktion" ausüben. "Wenn dies gewollt wäre", ergänzt

        Suchtforscher Raschke.

 

 

          VOM LEHN

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 44)

Datum: Samstag, den 21. Februar 2009

Seite: 14