"Diese Kinder haben Hunger"

ARMUT. Jeder fünfte Düsseldorfer unter 18 Jahren lebt von Hartz IV. DRK

und Tafel bieten Mittagstisch für die Jüngsten an.

Der Achtjährige ist einfach eingeschlafen. Mitten im Unterricht, mitten

in der dritten Stunde, mitten in einem Aufsatz. Den Jungen hat die Kraft

verlassen. Frühstück? Ein Fremdwort. Warmes Mittagessen? Wunschdenken.

Jedes fünfte Kind in Düsseldorf lebt in Armut. "Ihnen fehlt es am

Nötigsten. Diese Kinder haben einfach nur Hunger," beschreibt Thomas

Jeschkowski vom Deutschen Roten Kreuz. Das DRK reagiert und will noch in

diesem Jahr in Holthausen eine "Kinder-Tafel" eröffnen und etwa 100

Mädchen und Jungen das auftischen, was ihnen ihre Eltern mit 345 Euro

Grundsicherung nicht anbieten können.

*Keiner wird abgewiesen*

Jeder neunte Düsseldorfer lebt von Hartz IV oder hat einen so geringen

Lohn, dass die Stadt ihn mit Sozialgeld unterstützt. Besonders hart

trifft es die Kinder und Jugendlichen: Waren es 1999, als die Stadt

ihren letzten Armutsbericht herausgegeben hat, noch 11,3 Prozent der

unter 25-Jährigen, die vom Existenzminimum leben mussten, waren es 2004

schon 10 187 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. In nur einem Jahr stieg

ihre Zahl dann auf 16 430 (19 Prozent).

Deutlich sichtbar wird das auch in der Armenküche am Rathaus. Vor über

zehn Jahren vornehmlich für Wohnungslose eingerichtet, "reihen sich

immer öfter Familien mit kleinen Kindern in die Wartenden ein.

Großmütter kommen mit ihren Enkeln, Alleinerziehende hoffen auf eine

warme Mahlzeit für ihre Töchter und Söhne," beobachtet Marion Gather und

hilft gegen eine eher symbolisch gemeinte Spende von 50 Cent pro Essen.

"Der Bedarf wird größer, auch, weil viele ihre Stromrechnungen nicht

mehr bezahlen können und selbst wenn sie wollten, praktisch nicht in der

Lage sind, für ihren Nachwuchs zu kochen." Abgewiesen wird niemand,

"aber das ist hier einfach nicht das richtige Umfeld für Kinder", mahnt

Gather. Und wird auch von der Düsseldorfer Tafel gehört. Wie berichtet,

gibt die jetzt an vier Stellen in der Stadt Lebensmittel an Bedürftige

aus. Und: Auch sie will spätestens nach den Sommerferien eine

Kinder-Tafel anbieten.

In einem Raum, der Mädchen und Jungen vor Ausgrenzung schützt: In einer

bereits bestehenden Jugendfreizeiteinrichtung in Garath-Ost. Über 100

Grundschüler bekommen dort im Rahmen der offenen Ganztagsschule einen

Mittagstisch.

*Mit wenig Geld ausgewogen kochen*

Und jeden Tag kommen 20, manchmal auch mehr Kinder aus der Umgebung

dazu, "die im wahrsten Sinne des Wortes zuhause nichts zu beißen

bekommen. Nur zehn Prozent unserer Grundschulkinder haben gefrühstück

und auch noch ein Pausenbrot dabei", beschreibt Rainer Rohstock,

ehemaliger Leiter des Sozialamtes und jetzt engagierter Helfer in der

evangelischen Kirchengemeinde. "Hier herrscht akute Mittellosigkeit", so

Rohstock, der immer wieder Menschen beobachtet, die an den Kirchentüren

nach Brot, verschämt auch nach Wurst und Käse fragen.

 

Die Tafel, die Kirche geben ihnen jetzt, was sie für sich und ihre

Kinder brauchen. Immer donnerstags in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde.

Kostenlos, aber zunächst auf einen Kreis von 50 Bedürftigen begrenzt

und: nur gegen einen Berechtigungsschein, den Pfarrer und Sozialarbeiter

ausstellen. Rohstock: "Mit dem direkten Kontakt wollen wir erreichen,

das auch unsere angebotenen Hilfen angenommen werden. Wie zum Beispiel

die Kochkurse, in denen wir vermitteln, wie auch mit wenig Geld eine

ausgewogene Ernährung auf den Tisch kommt."

*Kinder mit viel zu kleinen Schuhen*

Denn wer arm ist, greife oft aus Not in den "billigsten Läden zu

preiswerten Fertigprodukten. Viele Kinder wissen gar nicht, wie frisches

Gemüse schmeckt", weiß Ida Kaup, Lehrerin und in der Gewerkschaft

Erziehung und Wissenschaft Expertin zum Thema Kinderarmut. Und die, so

Kaup, wird mehr und mehr durch einen Mix aus vielen Kleinigkeiten

sichtbar. Das 13-jährige Mädchen, das gestern auf dem Pausenhof in

dicken Winterstiefeln stand. Der Elfjährige, der seit Wochen den

Schwimmunterricht schwänzt, weil in dem schmalen Budget seiner

alleinerziehenden Mutter kein Posten mehr übrig ist für eine Badehose.

Auch der achtjährige Junge, den im Unterricht die Kraft verließ, hat

sich mittlerweile einen Gang angewöhnt, der dem eines Stelzenläufers

gleicht. Das harte Leder stoppt die Zehen, die längst aus der Größe 32

drängen. "Man sieht immer öfter ganz deutlich, das Kinder viel zu kleine

Schuhe anhaben", beobachtet Bettina Erlbruch, Geschäftsführerin des

Kinderschutzbundes und sagt, "Armut schmerzt, in jeder Hinsicht . . ."

 

 

25.05.2007 _ ANDREA KREBS _nrz

 

Hilfe, um das Leben zu bewältigen

 

 

 

Das wenige Geld nicht für falsche Dinge ausgeben.

 

Kinderarmut, da mag mancher spontan an die Dritte Welt denken. Doch es

gibt sie auch genau hier, unter uns leben arme Kinder, die von Anfang an

in ihren Lebens- und Bildungschancen benachteiligt sind, weil ihren

Eltern das nötige Geld und manchmal auch die Fähigkeit zu erziehen

fehlt. Immer mehr Mädchen und Jungen werden in Familien hinein geboren,

die selber als Kind schon wenig hatten. Die nicht nur unter ihrer

materiellen Armut litten, sondern vielleicht noch mehr unter der daraus

resultierenden sozialen Ausgrenzung. Auch ihre Eltern haben sie ohne

Frühstück in die Schule geschickt.Wer nicht lernt, dass es sich mit

einem leeren Magen schlecht lernt, der kann auch nicht fordern, was

vielleicht noch dringender vonnöten ist, als ein geregelter Job:

Unterrichtsfächer, die Titel haben wie "Familien-und Haushaltsführung",

"Erziehung", "Kommunikation in der Partnerschaft".Nicht nur, aber auch

Menschen, die mit finanzieller Unterstützung vom Staat groß werden

müssen, brauchen Hilfen bei der Lebensbewältigung. Eine Familie, die das

wenige Geld für falsche Dinge ausgibt, kann Armut nur entrinnen, wenn

sie es besser weiß. Und: Ihnen darf nicht die Verantwortung aus der Hand

genommen werden. Auch mit einem schmalen Geldbeutel kann - zumindest

anteilig - der Mittagstisch in Schule und Kindergarten bezahlt werden.

 

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a.krebs@nrz.de

 

 

25.05.2007   _ ANDREA KREBS _