Die Überstunden-Klopper
Sie schuften 50, 60 und noch mehr
Stunden in der Woche: 1,47 Milliarden Überstunden haben Beschäftige in
Deutschland im vergangenen Jahr geleistet. Manche malochen gerne, obwohl sie
die Mehrarbeit oft nicht einmal bezahlt bekommen.
VON JÜRGEN STOCK
Düsseldorf Geregelte Arbeitszeiten kennt Eva Fischer nur vom Hörensagen. „Bei
uns gibt’s ständig Wellenbewegungen“, sagt die 32-jährige Etat-Direktorin der
Werbeagentur Ogilvy & Mather. „Wenn ein Kunde ein
neues Produkt einführen will, sind auch schon mal 60 Stunden pro Woche und
Arbeit an den Wochenenden angesagt.“ Auf die Idee, die Mehrarbeit als
Überstunden abzufeiern oder sie ausbezahlt zu bekommen, ist sie noch nie
gekommen. „Wenn man in die Werbung geht, weiß man, dass das so ist“, sagt die
32-Jährige. „Außerdem hat man ja auch selbst den Ehrgeiz, dass die eigenen
Projekte erfolgreich sind.“
Acht-Stunden-Tage gehören inzwischen in vielen Branchen der Vergangenheit an.
Besonders jetzt, da die Konjunktur wieder angezogen hat, gibt es viel zu tun.
Laut Berechnung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
fielen im vergangenen Jahr 1,47 Milliarden bezahlte Überstunden an - 100
Millionen Stunden mehr als im vergangenen Jahr.
Auch Verwaltungen sind von diesem Trend nicht ausgenommen. Christian Henrichs
etwa, der für die Düsseldorfer Arge Hilfeempfänger berät, muss pro Monat bis zu
20Stunden Mehrarbeit leisten. „Bei uns sind nur zwei Drittel der Stellen für
Fall-Koordinatoren besetzt“, berichtet er. „Es gibt einfach nicht genug
qualifiziertes Personal.“ So arbeitet er seine Aktenberge sonntags auf. Die
Mehrarbeit versüßt der Arbeitgeber den Arge-Beratern mit einem Zuschlag von
rund 22 Prozent pro Stunde. Für manche macht das Überstunden sogar attraktiv.
Die Unternehmen hingegen versuchten nach Möglichkeit, teure Überstunden zu
vermeiden, berichtet Hartmut Seifert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. So seien inzwischen in vielen
Branchen für die Beschäftigten Arbeitszeitkonten eingeführt worden. Kommen Aufträge
herein, werde mehr gearbeitet, läuft das Geschäft ruhiger, gibt es Freizeit.
Überstunden fallen nicht mehr an.
So läuft es im Prinzip auch in der Dachdeckerbranche. Dort gilt im Winter die
37,5-Stunden-, im Sommer die 39,5 Stunden Woche. Trotzdem stand Dachdecker
Roman Welker (43) in den vergangenen Tagen oft von sieben Uhr morgens bis nach
Anbruch der Dunkelheit auf der Leiter - samstags inklusive. Sturm „Kyrill“
bescherte dem Nettetaler Betrieb Schiffer, in dem er seit 28 Jahren beschäftigt
ist, jede Menge zusätzlicher Aufträge. „Aber das haben wir gern gemacht“,
versichert Welker. „Den Leuten, die ein Loch im Dach hatten, musste doch
geholfen werden.“ Die Überstunden werden per Stempelkarte erfasst und bei
Schlechtwetter oder ruhigerer Auftragslage abgefeiert. Bis zu 150 Stunden darf
Welker pro Jahr auf seinem Arbeitszeitkonto ansparen.
Je nach Betriebsvereinbarung können Mitarbeiter in anderen Branchen die
Mehrarbeitszeiten aber auch über einen längeren Zeitraum sammeln. Doch komme es
immer wieder zu Fällen, in denen die Überstunden nach Ablauf der Frist
ersatzlos verfielen, berichtet Arbeitsmarktforscher Seifert. Immer häufiger
würden Überstunden überhaupt nicht aufgeschrieben. Als Grund führt er den
schärferen Wettbewerbsdruck an: „Die Personalreserven in vielen Betrieben sind
in den letzten Jahren ausgedünnt worden. Da reicht eine Grippewelle, und die
Betriebe stehen auf dem Schlauch.“
Besonders in Krankenhäusern ist unbezahlte und undokumentierte Mehrarbeit
offenbar weiterhin an der Tagesordnung. „Es gibt nach wie vor Chefärzte, die
Assistenzärzten bei der Einstellung sagen, dass bei ihnen keine Überstunden
aufgeschrieben werden“, berichtet der Kölner Unfallchirurg Gereon Schiffer, der
an der Uni-Klinik arbeitet. An den Missständen habe vielfach auch die seit 1.
Januar geltende neue Arbeitszeitregelung für Ärzte nichts geändert. Der
36-jährige Oberarzt hat im Schnitt eine 54-Stunden-Woche. Diese
Höchstarbeitszeit ist vertraglich festgelegt - „und wird auch entsprechend
bezahlt“, betont Schiffer. Trotzdem kommt es auch bei ihm vor, dass er mitunter
eine 80-Stunden-Woche bewältigen muss. „Das bringt das Geschäft der
Unfallchirurgie eben mit sich“, sagt der Arzt. Diese Mehrarbeitszeit kann er
abfeiern. In anderen Abteilungen sei das nicht so.
Arbeitspsychologe Stefan Poppelreuter aus Bonn hat
festgestellt, dass Mitarbeiter mitunter auch ohne direkten Druck durch den
Arbeitgeber bereit sind, unentgeltliche Überstunden zu leisten: „Da spielt oft
auch der Gruppeneffekt innerhalb eines Teams eine große Rolle. Die Mannschaft
handelt solidarisch, um eine Aufgabe gemeinsam zu lösen.“ Doch profitierten
Unternehmen von dieser Haltung ihrer Mitarbeiter nur bis zu einem gewissen
Grade: „In der Regel sinkt die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ab der zehnten
Arbeitsstunde deutlich ab. Dann häufen sich Fehler. Das kann Firmen teuer zu
stehen kommen.“
- /JÜRGEN STOCK
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.30
Datum: Montag, den 05. Februar 2007
Seite: Nr.3