Die drei F und die Preissprünge
Gründe
für teure Nahrung reichen von Biosprit bis zu Spekulation / Krieg um Brot
befürchtet
Von Tobias Schwab
Es stimmt – auch hierzulande leiden
Menschen unter steigenden Lebensmittelkosten. Darüber können die
Tafel-Initiativen berichten, die Brötchen und Butter an Bedürftige verteilen.
Der eskalierende Kampf ums tägliche Brot aber findet andernorts statt – in
Ägypten, Jemen und Burkina Faso zum Beispiel. Aber auch bereits in Pakistan.
Dort sind nach Schätzung des Welternährungsprogramms (WFP) 77 Millionen
Menschen wegen gestiegener Preise für Weizenmehl und Reis von Unterernährung
bedroht. Eine Studie der Weltbank geht davon aus, dass bei jedem Prozentpunkt,
um den sich Grundnahrungsmittel verteuern, die Zahl der Menschen ohne gesicherten
Zugang zu Lebensmitteln global um 16 Millionen ansteigt.
Jacques Diouf,
Generalsekretär der UN-Nahrungsmittelorganisation FAO, prophezeit daher weitere
schwere soziale Unruhen, andere Experten sprechen von regelrechten Brotkriegen.
Ursachen der
Nahrungsmittelkrise ist eine Preisexplosion, die fast alle Rohstoffe betrifft.
So haben sich die Kosten für Milchprodukte und Getreide in den letzten zwölf
Monaten verdoppelt oder gar vervierfacht. Experten benennen drei F als Gründe
einer höheren Nachfrage und steigender Preise: Food (Nahrungsmittel), Feed (Futter) und Fuel
(Treibstoffe).
Die Weltbevölkerung wächst und immer
mehr Konsumenten in Schwellenländern können sich Fleisch und Milchprodukte
leisten. Zur Herstellung dieser proteinhaltigeren Nahrung muss immer mehr
Getreide verfüttert werden. Hauptpreistreiber ist allerdings die explodierende
Nachfrage nach Agrartreibstoffen – vor allem in den USA und in der EU.
Doch die drei F allein können die
Preissprünge nicht erklären. Hinzu kommt Faktor S wie Spekulation. Seit sich
mit Aktien kein großer Profit mehr machen lässt, gehen professionelle Anleger
Lebensmittel einkaufen – nicht im Supermarkt, an der Börse. Sie spekulieren mit
Zucker, Weizen oder Reis. Mit der Folge, dass nicht mehr allein die Nachfrage den
Preis bestimmt, sondern Investoren, die an Warenterminmärkten auf
Agrarrohstoffe wetten.
Um Hungerkatastrophen zu vermeiden,
greifen bereits mehr als 20 Länder regulierend in den Markt ein, erschweren
Reis- und Getreideexporte, kappen Importzölle. „Es bleibt ihnen gar nichts
anderes übrig“, sagt Ökonom Rainer Falk vom Fachdienst Weltwirtschaft und
Entwicklung – auch wenn Weltbank-Ökonomen wie Don Mitchell wegen negativer
Effekte für die heimische Produktion vor Preiskontrollen warnen. Effektiver, so
Mitchell, seien direkte Hilfen für die Ärmsten.
Auch deshalb müssten die Regierungen
des Westens schnell den Etat des WFP für Nahrungsmittelhilfe erhöhen und die
UN-Agentur künftig statt durch freiwillige Beiträge mit globalen Steuern
finanzieren, fordert Katarina Wahlberg vom Global Policy
Forum in New York. Mittel- und langfristig aber könne nur die Erhöhung
internationaler Entwicklungshilfe den Ländern helfen, eine nachhaltige
Landwirtschaft aufzubauen.
MSCHWAB
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 82)
Datum: Dienstag, den 08. April 2008
Seite: 3