Die deutsche Besonderheit
Kaum ein anderes Land finanziert
seinen Sozialstaat so ungerecht / Studie der OECD
Von Markus Sievers
Berlin. Deutschland belastet wie
kaum ein zweites reiches Land Gering- und Durchschnittseinkommen mit Steuern
und Sozialabgaben. Spitzenverdiener müssen zwar ebenfalls mehr als in anderen
Staaten in die öffentlichen Kassen zahlen, kommen aber vergleichsweise günstig
davon. Darauf weist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) in ihrer neuen Studie hin.
So fallen hier zu Lande bei
Singles bei einem Jahreseinkommen von 63 000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten
Abzüge durch Steuern und Sozialabgaben an (Zahlen jeweils für 2008). Bei 110
000 Euro Jahresgehalt sinkt die Last auf rund 50 Prozent der Arbeitskosten. Sie
fallen damit wieder auf das Niveau eines Arbeitnehmers mit 36 500 Euro
Jahresgehalt.
„Anders als die progressive
Einkommensteuer vermuten lässt, sinkt in Deutschland die Belastung der Arbeitseinkommen
ab einem bestimmten Punkt wieder“, konstatiert die OECD. Eine
ähnlichen Verlauf der Belastung kennt laut der Untersuchung kein anders
OECD-Land – und von denen gibt es immerhin 29. Die Autoren bezeichnen dies als
„Besonderheit des deutschen Systems“.
Die ungewöhnliche Schieflage
erklärt sich durch die hohe Bedeutung, die Sozialabgaben bei der Finanzierung
des deutschen Sozialstaates spielen. Denn diese begünstigen Spitzenverdiener
gleich doppelt. Erstens ist ihr Tarif einheitlich für alle Einkommen. Arme
zahlen also den selben Satz wie Reiche. Es kommt sogar
noch schlimmer. Denn zweitens fallen die Beiträge bei Spitzeneinkommen komplett
weg – oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze verzichtet der deutsche Sozialstaat
auf Einzahlungen in die Renten-, Arbeitslosen-, Pflege- und Gesundheitskasse.
Beispiel Rente: Alle Arbeitnehmer
mit einem Lohn über 9600 Euro im Jahr zahlen den selben
Satz von 19,9 Prozent, aber nur bis zum Deckel von 63 600 Euro. Wer 100 000
Euro oder 600 000 Euro oder zwei Millionen bezieht, muss von diesen Einkommen
nicht mehr in die öffentliche Rentenkasse abgeben als der mit 63 600 Euro.
Kritik übt die OECD auch an dem
veralteten Familienbild, das der deutschen Finanzpolitik zugrunde liegt. Denn
bei fast allen Haushalten, egal ob Singles, Paare ohne Kinder oder Familien,
greift der Staat im internationalen Vergleich besonders stark zu. Großzügig
behandelt er nur die traditionelle Einverdiener-Familie. Bei ihr seien die
Abzüge „eher moderat und das unabhängig davon, ob Kinder versorgt werden oder
nicht“. Damit setze das hiesige Steuer- und Abgabensystem wenig Anreize, die
Erwerbsarbeit auf beide Partner zu verteilen. „Vielfach wird eine solche
Aufteilung sogar bestraft“, moniert die internationale Organisation. So gehe
bei einem Ehepaar mit zwei Kindern 41,4 Prozent der Arbeitskosten für Steuern
und Sozialabgaben drauf, wenn der eine Partner 44 000 Euro verdient und der
andere 14 500. Verdient einer das gleiche Geld allein, fallen nur 38,9 Prozent
an. Denn wenn einer zu Hause bleibt, spart die Familie bei den Sozialabgaben.
Den Durchschnittslohn in
Deutschland beziffert die OECD in der Privatwirtschaft auf 43 942 Euro pro
Jahr.
RSIEVERS
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 110)
Datum: Mittwoch, den 13. Mai 2009
Seite: 17