Die Kosten des Reichtums
Unten steigt die Zahl der Hungerlöhner,
oben legen die Einkommen der Manager zu. Die Schere zwischen Arm und Reich
klafft auch in der Bundesrepublik immer weiter auseinander.
Von Mario Müller
Ein kleiner Rückblick auf Meldungen der vergangenen Tage
gefällig? Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, konnte 2006 sein Salär
um gut zehn Prozent auf 13,2 Millionen Euro steigern. Die Bundesagentur für
Arbeit berichtet, dass die Zahl derjenigen Beschäftigten, die neben ihrem Lohn
auf Sozialleistungen angewiesen sind, dramatisch gewachsen ist. Das Deutsche
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellt eine „zunehmende Ungleichheit
der Markteinkommen“ fest. Die New York Times schreibt, dass die Kluft zwischen
den reichsten US-Amerikanern und dem Rest der Bevölkerung immer breiter wird.
Jahrzehntelang hatten Verteilungsfragen in der öffentlichen
Diskussion kaum eine Rolle gespielt. Vorsichtige Versuche, das Thema aufs Tapet
zu bringen, waren hier zu Lande als Ausdruck einer Neiddebatte diffamiert
worden. Nun scheint es, als ließen sich die Alarmzeichen nicht länger
ignorieren.
Wieso Alarmzeichen? Ist eine ungleiche Entwicklung von
Einkommen und Vermögen nicht von Vorteil, weil sie die Menschen zu mehr
Leistung anstachelt und damit – siehe USA – die Wirtschaft vorantreibt? Und ist
die Bundesrepublik nicht auch deshalb ökonomisch in den Schlamassel geraten,
weil hier zu Lande viel zu viel Gleichmacherei herrscht, die die Faulheit
belohnt?
Wenig Lohn, sinkende Motivation
Im Prinzip wird kaum jemand der Auffassung widersprechen,
dass sich höhere Leistung am Arbeitsplatz auch in entsprechend höheren Löhnen
niederschlagen soll. In zahlreichen wissenschaftliche
Untersuchungen wird denn auch ein positiver Zusammenhang zwischen
Einkommensunterschieden und Wirtschaftswachstum festgestellt. Folgt man dem
US-Ökonom Arthur Okun, beeinträchtigt zu viel
Gleichheit die Effizienz.
Gleiches gilt aber auch im umgekehrten Fall: Zu große
Differenzen zwischen Einkommen – und vor allem Vermögen – schaden der
ökonomischen Entwicklung , wie neuere
Forschungsergebnisse zeigen. Dieser negative Effekt hat zum einen
psychologische Ursachen: Übermäßig und als ungerecht empfundene Unterschiede in
der Bezahlung können demotivierend wirken und damit die Leistungsbereitschaft
dämpfen. Hinzu kommen zahlreiche weitere Kosten, sei es direkt in Form von
Ausgaben zur Bekämpfung wachsender Kriminalität, sei es in Form zunehmender
sozialer Konflikte.
Auf diesen Zusammenhang weist auch Bert Rürup,
einer der fünf deutschen „Wirtschaftsweisen“ hin. Er sehe in dem „deutlichen
Auseinanderdriften der durchschnittlichen Managergehälter und
Arbeitnehmereinkommen ein gesellschaftliches Problem“, sagte er der
Süddeutschen Zeitung. Er habe den Eindruck, dass durch dieses
Entwicklung die Akzeptanz der Marktwirtschaft in der Bevölkerung schwinde.
Selbst in den USA mit ihren traditionell relativ hohen
Einkommens- und Vermögensunterschieden ist die Problematik längst zum Politikum
geworden, der sich auch der wohlhabende Präsident George W. Bush nicht mehr
verschließen kann. Und erst vor wenigen nannte der Chef der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, die wachsende
Kluft zwischen Arm und Reich eine gesellschaftliche Herausforderung. Was nicht
ohne Ironie ist. Denn gerade der weltweite Siegeszug des
Finanzmarkt-Kapitalismus anglo-amerikanischer
Prägung, an dem sich Manager, Anleger oder auch Anwälte goldene Nasen
verdienen, hat die zunehmend schiefe Verteilung von Einkommen und Vermögen
kräftig befördert.
Der Trend dürfte sich kaum stoppen lassen, wohl aber
aufhalten: durch eine wirksame Besteuerung von Spitzeneinkommen und Vermögen,
also durch Umverteilung.
CWEINEL
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 77)
Datum: Samstag, den 31. März 2007
Seite: 11
Hungerlöhne nehmen zu
Bundesagentur für Arbeit besorgt / Beschäftigung entwickelt
sich weiter günstig
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat mit der Warnung vor
einer wachsenden Zahl armer Arbeitnehmer die Debatte über Mindestlöhne belebt.
Selbst der öffentliche Dienst zahlt laut BA solche Armutslöhne. Der
Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt setzte sich auch im März fort.
Berlin • Knapp eine halbe Million Vollzeitbeschäftigte sind
auf öffentliche Unterstützung angewiesen, um ihre Existenz zu sichern.
Insgesamt erhielten im August 2006 rund 570 000 sozialversicherungspflichtige
Arbeitnehmer solche ergänzenden Sozialleistungen, teilte BA-Vorstand Heinrich
Alt mit. Darunter seien etwa 470 000 mit einer Vollzeitstelle. Im Januar 2005
habe die Gesamtzahl noch bei 287 000 gelegen. Alt nannte die starke Zunahme
„besorgniserregend“. SPD–Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner sprach von einer „nicht hinnehmbaren Entwicklung“.
Die Zahlen bestätigten, „wie dringend Mindestlohnregelungen benötigt“ würden,
sagte Brandner der Frankfurter Rundschau.
Betroffen sind beispielsweise vollzeitbeschäftigte Eltern,
die mit ihrem Arbeitsverdienst unter Hartz–IV–Niveau
bleiben. Dieses liegt für einen Verheirateten mit zwei Kindern inklusive
Unterkunftskosten und Zulagen bei 1514 Euro im Monat.
DGB kritisiert Bundesagentur
Armutslöhne gibt es laut Alt auch im öffentlichen Dienst.
Etwa 13 000 Beschäftigte bezögen dort zusätzlich zu ihrem Gehalt Leistungen aus
der Grundsicherung. Solche Einzelfälle habe es selbst bei der
BA gegeben. Dies sei inzwischen abgestellt worden, versicherte Alt. „Hier haben
wir die Löhne aufgestockt.“
Kritik an der Nürnberger Behörde kommt dagegen vom Deutschen
Gewerkschaftsbund (DGB). Dessen Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy
erklärte auf FR-Anfrage, die Bundesagentur widme dem
Thema Lohndumping „zu wenig Aufmerksamkeit“. Dies gelte für
Weiterbildungsaufträge, bei denen die BA nur auf den Preis und nicht auf die
Bezahlung der Lehrkräfte achte. Und dies gelte auch für die Arbeitsvermittlung,
wo die Lohnhöhe keine oder kaum eine Rolle spiele.
Für den Arbeitsmarkt im Allgemeinen sieht es dank des
robusten Wirtschaftswachstums weiter gut aus. Im März sank die Zahl der
Erwerbslosen um 114 000 auf 4,108 Millionen. „Getragen von der guten Konjunktur
fiel die Frühjahrsbelebung am Arbeitsmarkt kräftig aus“, sagte BA-Chef
Frank-Jürgen Weise. Innerhalb eines Jahres fiel die Arbeitslosenzahl um 869 000
und damit so deutlich wie nie zuvor seit Gründung der Bundesrepublik. Die Quote
ging von 10,1 Prozent auf 9,8 Prozent zurück.
Dabei bringt der Aufschwung auch immer mehr
sozialversicherungspflichtige Jobs. Deren Zahl kletterte Hochrechnungen zufolge
im Januar auf 26,46 Millionen, das waren 624 000 mehr als zwölf Monate zuvor.
Etwa 60 Prozent des Zuwachses entfielen auf Vollzeitstellen, nur 25 Prozent
entstanden in der Zeitarbeit. Zugleich suchen die Firmen verstärkt nach
zusätzlichem Personal. Die Zahl der offenen Stellen bezifferte die BA für März auf 891 000 – ein Plus von 173 000 im
Jahresvergleich.
Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) lobte zwar die
Entwicklung als erfreulich und stabil. Er warnte aber vor zu viel Optimismus.
„Das alles ist gut, aber nicht gut genug.“ CDU–Generalsekretär
Ronald Pofalla forderte, die vielen offenen Stellen
und die Arbeitssuchenden müssten schneller und wirksamer zueinander gebracht
werden.
Eine Einigung der großen Koalition auf neue Regeln für den
Niedriglohnsektor ist weiter nicht in Sicht. Nachdem ein Spitzentreffen erneut
keine Annäherung brachte, strebt Arbeitsminister Müntefering nun eine Lösung bis
Ende April an. Die SPD möchte über eine Ausweitung des Entsendegesetz Branche
für Branche Mindestlöhne einführen. Der Unions-Führung geht dies zu weit, sie
warnt vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Markus Sievers
MSCHWAB
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 76)
Datum: Freitag, den 30. März 2007
Seite: 10