Die Kehrseite des Aufschwungs
Im Berufsalltag nimmt der Stress zu,
und immer mehr Arbeitnehmer erkranken an Depressionen und Neurosen
Von Michael Bergius
Berlin. In Deutschland sind psychische Erkrankungen
weiter auf dem Vormarsch. Zwischen 2001 und 2006 hätten die Ausfalltage am
Arbeitsplatz um 17 Prozent zugenommen, berichtete der Bundesverband der
Betriebskrankenkassen am Montag. Die alljährliche BKK-Studie basiert auf den
Gesundheitsbefunden von 6,6 Millionen der insgesamt rund 26,4 Millionen
sozialversicherungspflichtigen Menschen in Deutschland.
Als auffällig bezeichnet die Erhebung,
dass vor allem Depressionen (mit 35 Prozent) in den vergangenen Jahren
besonders stark zugenommen hätten. Für Patienten, die etwa unter dem Burn-out-Syndrom gelitten hätten, seien im Jahr 2006
durchschnittlich 44 Krankentage angefallen. Als psychisch überdurchschnittlich
belastet – und mithin auch häufiger krank – werden vor allem Krankenpfleger,
Sozialarbeiter, aber auch Arbeitslose genannt.
Dass Stress im Berufsalltag
offensichtlich ein zunehmendes Problem ist, belegt die langfristige
Entwicklung: 1976 machten psychische Störungen nur zwei Prozent aller
Krankheiten aus; 2004 lag die Quote dann bei 8,3, 2006 schon bei 8,9 Prozent.
Neurosen und Depressionen liegen damit an Platz vier der häufigsten
Krankheitsarten. BKK-Experten erklären dies unter anderem mit einer höheren
Sensibilität für derartige Leiden im Vergleich zu früher.
Spitzenreiter bleiben die Muskel- und
Skelettbeschwerden. Sie verursachten im vergangenen Jahr mit durchschnittlich
3,3 Ausfalltagen je Beschäftigtem die meisten Krankheitstage (26,5 Prozent).
Danach folgen Verletzungen und die Atemwegserkrankungen.
Psychische Probleme treten eher in
Großstadtregionen auf. In der BKK-Tabelle für 2006 führen Hamburg und Berlin
mit knapp zwei Ausfalltagen pro Arbeitnehmer. In Bayern, Baden-Württemberg,
Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden Beschäftigte im Durchschnitt weniger als
einen Tag wegen seelischer Nöte krankgemeldet. Frauen sind stärker betroffen
als Männer.
In der Gesamtschau, die nur
Kassen-Versicherte abbildet, sind Beschäftigte der Abfallbeseitigung (mit 18,8
Tagen pro Jahr) am häufigsten krankgemeldet; es folgen der Verkehrs- und der
Postsektor (mit knapp 18 beziehungsweise knapp 17 Tagen). Relativ „gesunde“
Arbeitsplätze sind dagegen das Banken- und Versicherungswesen (9,2 Tage), das
Gastgewerbe (10,0) und die Dienstleistungsbranche (10,3).
Nachdem die Krankheitstage in
Deutschland in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind (auf einen
Rekordtiefstand von 12,4 Kalendertagen 2006), rechnet der BKK-Verband 2007
wieder mit einer Zunahme. Die „Talsohle“ scheine für das erste Halbjahr 2007
„durchschritten“.
RBERGIUS
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 169)
Datum: Dienstag, den 24. Juli 2007
Seite: 5
Krankenstand in Deutschland
