"Die Armut von Millionen Kindern im Land ist ein Skandal"

Im Kampf gegen die Kinderarmut reicht es nach Ansicht des designierten

Präsidenten des Diakonischen Werkes, Klaus-Dieter Kottnik, nicht, wenn

Kindergärten ausgebaut werden. Die Eltern müssten Arbeit und Chancen

erhalten. Dann hätten Jungen und Mädchen auch Perspektiven.

Frankfurter Rundschau: Sie haben jüngst gesagt, Hartz IV sei als Ursache

für die Armut im Land überbewertet. Wie meinen Sie das?

Klaus-Dieter Kottnik: Die Armut gibt es schon viel länger. Hartz IV hat

nur noch viel deutlicher gemacht, dass es arme Menschen gibt.

Wenn es sie schon immer gab und immer noch gibt, müssen wir uns damit

also abfinden?

Nein! Wir haben zwei Millionen Kinder in armen Familie, und 1,7

Millionen Kinder leben mit ihren arbeitslosen Eltern. Das ist ein

Skandal. Wir jammern über eine Überalterung der Gesellschaft und tun zu

wenig für die Kinder, die jetzt schon da sind. Diese Jungen und Mädchen

erleben keine normalen Alltagsstrukturen, sie werden vor dem Fernseher

geparkt, bekommen schlechtes Essen und sie kennen keine Hoffnung, dass

man Arbeit finden kann. Kinder brauchen aber Hoffnung.

Es reicht Ihnen also nicht, wenn mehr Geld in gute Kinderbetreuung

gesteckt wird, man muss auch den Eltern direkt helfen?

Ja, genau so.

Aber wie? In Deutschland wird über Armut viel geredet und geschrieben,

aber es wird nicht genug dagegen getan.

Das stimmt nicht. Die Träger der Freien Wohlfahrtspflege und die

Bundesregierung haben beispielsweise einen regelmäßigen

Monitoring-Prozess vereinbart. Da wird man beobachten, wie sich Armut

und Reichtum weiterentwickeln. Die Diakonie hat das PAT-Modell

entwickelt. Darin zeigen wir, wie sozialversicherungspflichtige Jobs für

Menschen geschaffen werden können, die es sehr schwer auf dem ersten

Arbeitsmarkt haben. Die Bundesregierung ist da schon hellhörig geworden

und interessiert sich dafür.

Welche Arbeit soll gefördert werden?

Solche, die heute von Ein-Euro-Jobbern gemacht wird. Beispielsweise

zusätzliche Hilfe in der Pflege, Spaziergänge mit Behinderten, Einkäufe

für alte Menschen. Alle Erfahrungen mit Ein-Euro-Jobs zeigen, dass die

Menschen sie gern nehmen, weil sie arbeiten wollen. Aber sie verstehen

nicht, dass sie damit nach einem halben Jahr wieder aufhören müssen. Es

wäre doch besser, solche Arbeitsgelegenheiten auf Dauer einzurichten und

zu fördern.

Dieser Dritte Arbeitsmarkt hängt aber ständig am Tropf staatlicher

Unterstützung.

Ja. Aber wir müssen etwas tun gegen die hohe Sockelarbeitslosigkeit. Sie

ist leider nach jeder Rezession weiter angestiegen. Aber Menschen mit

gesundheitlichen oder sozialen Handicaps können arbeiten, auch wenn ihre

Produktivität nicht reicht, dass diese Jobs kostendeckend sind. Wir

müssen sie also unterstützen.

Naja, da gibt es ja schon viele mehr oder weniger gute Ideen. Das

Grundproblem ist doch der Missbrauch solcher Subventionen. Wie wollen

Sie den unterbinden?

In den Behindertenwerkstätten beispielsweise hat der Gesetzgeber die

Missbrauchsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Das muss ausgeweitet

werden. Bestimmte Arbeitsfelder müssen geschützt werden.

Das gibt dann wieder einen riesigen bürokratischen Aufwand.

Nein. Wir müssen die Sozialleistungen und Hilfen, ähnlich wie in

England, in einer Hand bündeln. Ein Obdachloser beispielsweise hat ein

Recht auf eine ganze Anzahl von Sozialleistungen. Aber sie alle werden

aus unterschiedlichen Kassen bezahlt. Die Folge ist, dass die Menschen

von einer Kasse zur nächsten geschickt werden und am Ende fallen sie

durch das soziale Netz, weil das System viel zu verwirrend ist. Das

müssen wir ändern.

Ist das ein schöner Traum oder haben Sie Signale im politischen Berlin,

dass man das auch wirklich machen will.

Für die Behinderteneingliederung ist es uns gelungen, das Brutto-Prinzip

zu erhalten. Aber das reicht noch nicht.

Interview: Astrid Hölscher

und Katharina Sperber

 

GRÖMER

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 293)

Datum: Samstag, den 16. Dezember 2006

Seite: 4