"Die Armut ist massiver und transparenter"

"Unterschicht": Die Debatte um den Begriff und das Phänomen kocht in der

Republik hoch. Selbst in Düsseldorf hinterlässt Armut immer deutlichere

Spuren.

 

 

Unterschicht? An vielen Plätzen sitzen Arbeitslose und ertränken ihre

Probleme im Alkohol.

 

 

"Der Laden": An der Ackerstraße 28 können Bedürftige vergünstigt

einkaufen. (Fotos: Bernd Nanninga)

Düsseldorf. Die Unterschicht wird neu entdeckt. Wachsende Armut und

Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit, Menschen, die für sich keine

Perspektive mehr auf eine Rückkehr in ein erfolgreiches Lebens sehen.

Das gibt es auch in einer vergleichsweise reichen Stadt wie Düsseldorf.

. Supermarkt für Arme boomt: "Das Phänomen, das da beschrieben wird,

erlebe ich regelmäßig", sagt Klaus Kehrbusch, Diakon im Gemeindeverband

Flingern/Düsseltal. 2004 entstand deshalb an der Ackerstraße "Der

Laden". Dort können Sozialhilfeempfänger günstig einkaufen: Obst,

Gemüse, Nudeln, Zucker, Kekse. Anlass war damals, dass immer mehr

Menschen am Pfarrhaus nach Lebensmitteln fragten. Man startete mit 20

Kundenkarten, mittlerweile sind es 560. Und trotzdem nimmt die Zahl der

Bittsteller am Pfarrhaus nicht ab. Anfragen aus anderen Stadtteilen

erreichen den Träger des Ladens, den Verein Flingern mobil, oft. Ein

zweites Angebot dieser Art könnte die große Nachfrage bedienen. "Aber

uns fehlen die Kapazitäten", bedauert Kehrbusch.

. Armut wird über Generationen weitergegeben. Oft sind Menschen, die in

Armut leben, nur schwer zu erreichen. Sie schämen sich oder befürchten

beim Kontakt mit Behörden gleich das Schlimmste. "Wir haben Klienten,

die jenseits von Hartz IV leben", sagt Jochen Alxnat vom

Drogenhilfezentrum. "Sie sind nicht krankenversichert, beziehen keine

Sozialhilfe." Ihre Staatszugehörigkeit reduziert sich allein auf den

Besitz eines Personalausweises. Wer in solche Verhältnisse hineingeboren

wird, hat es schwer, aus ihnen herauszufinden. "Wir haben bei uns ganze

Suchtdynastien", sagt Alxnat. Nach 30 Jahren Drogenhilfe kommt es vor,

dass man den Niedergang von Großvater und Enkel miterleben muss.

"Die Armut ist massiver und transparenter geworden", sagt Davorka

Bukovcan, die für die Arbeiterwohlfahrt das Ganztagsangebot an zehn

Schulen organisiert. Eltern, die ihre Kinder in den Ganztagsbetrieb

geben, reichen ihre Einkommensnachweise ein, an denen sich die Gebühr

bemisst. "Vor ein paar Jahren gehörten 30 Prozent zur unteren

Gehaltsklasse", sagt Bukovcan. "Mittlerweile sind es bis zu 70, 80

Prozent." Sie hat vor allem die Kinder im Blick. "Den Eltern fehlen

Bewusstsein und Vermögen, etwas zu verändern. Das können wir hier

vielleicht ausgleichen."

. Auch Akademiker fallen vermehrt unter Hartz IV. Dabei vermitteln die

Zahlen mehr Hoffnung, als die Menschen spüren. Die Arbeitslosigkeit ist

zuletzt leicht zurückgegangen, Ende September betrug die Quote indes

noch 11,4 Prozent, über 35 000 Menschen sind als arbeitssuchend

gemeldet. "Fast genau zehn Prozent der Düsseldorfer leben derzeit von

Transferleistungen", sagt Jürgen Hennigfeld, Sprecher der Arge aus Stadt

und Agentur für Arbeit.

Er betont freilich, dass es keine schlichte Gleichung Hartz IV-Empfänger

gleich Armut gebe. Pauschale Zusammenhänge seien stets problematisch:

"Alle nennen eine mangelnde Bildung als größtes Armutsrisiko. Wir haben

aber aktuell auch eine wachsende Zahl Akademiker als Kunden."

. Arbeitlose empfinden sich nur noch als Belastung. Hartmut Lohse von

der Düsseldorfer Arbeitsloseninitiative kennt solche Fälle. "Wir haben

in letzter Zeit hier Leute sitzen, die sich niemals hätten vorstellen

können, arbeitslos zu werden. Bänker, Leute aus der Verwaltung oder der

Computerbranche." Doch echte Armut findet sich eher unter den

Ungelernten oder Schulabbrechern. Sie sind fast chancenlos, was den

gesellschaftlichen Aufstieg angeht. "Fast keiner aus einer

Arbeitslosenfamilie schafft es aus dem Sumpf heraus." Lohse sieht auch

den Druck der Arge als Ursache für die Perspektivlosigkeit der Leute.

"Sie bekommen keine Hilfe, im Gegenteil. Man vermittelt ihnen durch

dauernde Kontrollen das Gefühl, nichts anderes mehr zu sein als eine

Belastung."

. Unrechtsbewusstsein oft nicht mehr vorhanden. Die Auswirkungen davon

spürt die Polizei jeden Tag. Jugendliche, die glauben, nichts mehr zu

verlieren zu haben, nehmen sich, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht.

"Das ist seit der Einführung des Privatfernsehens deutlich mehr

geworden. Die sehen in der Werbung den neuesten Gameboy und holen ihn

sich dann einfach. Ein Unrechtsbewusstsein gibt es kaum", sagt ein

Ermittler. Nicht umsonst redet Harald Schmidt vom

"Unterschichtenfernsehen", wenn er die Privaten meint.

 

"Wir hatten hier schon Eltern, die stolz darauf waren, dass sie ihrem

zweieinhalbjährigen Kind einen Fernseher ins Zimmer gestellt haben",

sagt Eberhard Motzkau von der Kinderschutzambulanz des Evangelischen

Krankenhauses. Erziehungsprobleme gebe es überall. Arme Familien könnten

damit jedoch schlechter umgehen. "Schon aus praktischen Gründen. Ein

Vater kann mit seiner Tochter Termine nicht wahrnehmen, weil er sich die

Bahnfahrkarte nicht leisten konnte."

18.10.2006

Von Sema Kouschkerian, Alexander Schulte und Marc Herriger wz