Deutschland kann sich die wachsende Armut nicht leisten

Armut ist eine grassierende Krankheit in unserer Gesellschaft. Betroffen sind auch viele junge Menschen. Wer die Zukunft nicht heute verspielen will, muss dagegen kämpfen, meint Gero Kerig.

VON GERO KERIG

Der Internationale Bund (IB) wird als bundesweiter Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit täglich mit unterschiedlichen Facetten von Armut und ihren Folgen konfrontiert. Sei es in unseren Kindertagesstätten, in unseren Jugendwohnheimen, in der Wohnungslosenhilfe, der Schuldnerberatung oder bei der Qualifizierung von Jugendlichen und Erwachsenen für den Arbeitsmarkt.

Armut hat viele Gesichter und viele Ursachen, so die Erfahrung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zu finden ist sie vor allem bei allein erziehenden Müttern und ihren Kindern, bei Langzeitarbeitslosen, bei Migranten und bei vielen alten Menschen. Armut ist viel mehr als nur Einkommensarmut. Spätestens seit Pisa wissen wir, dass Armut Bildung verhindert. Wer arm ist, hat außerdem meist eine schlechtere Ausbildung, damit wiederum geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wohnt in einem Viertel mit wenig Angeboten für Bildung, Kultur und Freizeit.

Bildung vererbt sich nicht


Gerade jungen Menschen droht so der Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe. Und vor allem Kinder, die wegen schlechter häuslicher Bedingungen den Schulbesuch vernachlässigen, geraten so sehr schnell in einen Teufelskreis. Diese Entwicklung ist fatal: Ein Land, das nahezu ausschließlich von der Bildung seiner Bewohner lebt, kann es sich einfach nicht mehr leisten, ganze Bevölkerungsgruppen auszugrenzen. Intelligenz und Bildungsfähigkeit vererbt sich schließlich nicht analog der Gehaltsgrößen der Eltern!

Seit einigen Jahren ist von dem "Umbau des Sozialstaates" die Rede. Wie das fertige Haus einmal aussehen soll, weiß allerdings heute noch niemand (oder sagt es nicht). Ein wesentliches Bauelement ist ganz unbestreitbar die Gerechtigkeit, sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Demokratie. Für einen tragfähigen Sozialstaat ist insbesondere die Teilhabegerechtigkeit unabdingbar. Dabei geht es nicht nur um ökonomische und materielle, sondern vielmehr um eine umfassende soziale Teilhabe. Sie ist die Grundlage für die Bereitschaft, Rechte und Pflichten zu übernehmen und die Gesellschaft mit gestalten zu wollen.

Viel wichtiger als eine bloße Alimentierung ist eine arbeitsplatzschaffende Politik. Sie allein gibt den Betroffenen die Chance zur Rückkehr in die gesellschaftliche Mitte. Ob es sich dabei immer um Erwerbsarbeit handeln muss oder ob auch andere Formen von Arbeit gefunden werden müssen, ist eine der aktuell spannendsten Fragen.

Wenn Armut an ihren Wurzeln bekämpft werden soll, müssen, viel stärker als das bisher geschieht, die Lebenslagen der betroffenen Gruppen, Kinder und Jugendliche, alte Menschen, Frauen, Familien und Migranten ins Auge gefasst werden. Vor allem die Kinder und Jugendlichen drohen aktuell aus dem Blickfeld zu geraten. Die Jugendpolitik verdient kaum mehr ihren Namen, weil sie Jugend als eine gesellschaftliche Kraft kaum noch wahrnimmt. Was für ein Verzicht auf Zukunft! Kann der Staat sich das leisten?

Die Politik scheint unfähig, einen grundlegenden zukunftsorientierten Neubau zu entwerfen. Mit der Zunahme der Armut, die die Gesellschaft mehr und mehr destabilisiert, wird diese Entwicklung in die falsche Richtung sehr deutlich. Der innere Friede, ohne den auch jede Art von Prosperität bedroht ist, ist gefährdet.

Armut ist eine wachsende Krankheit unserer Gesellschaft. Sie verändert die Bedingungen unseres Zusammenlebens. Es ist daher von großer Wichtigkeit, die Umbaubemühungen der Politik scharf in den Blick zu nehmen und kritisch zu verfolgen.


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Dokument erstellt am 03.02.2006 um 16:32:02 Uhr
Erscheinungsdatum 04.02.2006