Deutschland hinten
Sonderrolle beim
Wachstum der Reallöhne
Von Roland Bunzenthal
Die Reallöhne in Deutschland sind zwischen den Jahren 2000
und 2008 um 0,8 Prozent zurückgegangen. Dagegen stiegen sie in allen anderen
EU-Staaten seit der Jahrtausendwende auch preisbereinigt. In mehreren
osteuropäischen Beitrittsländern verdoppelten sich die Reallöhne in diesem
Zeitraum. In der alten EU wiesen Schweden, Finnland, Dänemark, Großbritannien,
Irland und Griechenland mit Werten zwischen 12,4 und 39,6 Prozent die höchsten
Steigerungen auf.
"Deutschland hat eine hoch problematische lohnpolitische
Sonderstellung, die sich zunehmend zuspitzt", sagt Thorsten
Schulten vom
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut
(WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Trotz im EU-Vergleich niedriger
Inflationsraten liege die Bundesrepublik bei der
Reallohnentwicklung konstant hinten. Das gelte für die
längerfristige
Betrachtung ebenso wie für die Entwicklung im
Aufschwungjahr
2007 und die Prognose für das laufende Jahr. So
rechnet die EU
für Deutschland 2008 erneut mit einem Rückgang.
Ein wichtiger
Grund für diese schwache Entwicklung liegt laut
Schulten in
der negativen Lohndrift, die ebenfalls eine deutsche
Eigenheit
darstelle. Während in anderen Ländern die
Effektivlöhne
häufig deutlich stärker steigen als die
Tariflöhne, war es hierzulande umgekehrt: Die
Beschäftigten
bekamen im
gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt niedrigere
Lohnerhöhungen, als in den Tarifverträgen vereinbart wurde.
Wesentliche
Ursachen dafür seien die sinkende Tarifbindung sowie
Möglichkeiten,
auf betrieblicher Ebene von tarifvertraglichen
Standards nach
unten abzuweichen.
RBUNZENTHAL
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 220)
Datum: Freitag, den 19. September 2008
Seite: 18