Deutsches Kastensystem

 

 

    Gewinne eilen Löhnen immer weiter davon

 

 

        Von Markus Sievers

 

 

        BERLIN. Arm und Reich driften in der deutschen Gesellschaft

        weiter auseinander. Das belegt der neue Verteilungsbericht des

        gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen

        Instituts (WSI). Demnach fällt vom privat verfügbaren Einkommen

        so viel wie niemals zuvor in der Republikgeschichte für Gewinne

        und Vermögen ab. Die Gewinnquote kletterte laut WSI von 33,7

        Prozent in 2006 auf 34,0 Prozent in 2007 und noch einmal auf

        35,8 Prozent im ersten Halbjahr 2008.

 

 

        Das sind im historischen Vergleich außergewöhnlich hohe Werte.

        Als im Jahr 1960 ein Wirtschaftsminister Ludwig Erhard die

        soziale Marktwirtschaft dirigierte, machten die Einkommen aus

        Gewinnen und Vermögen 1960 gerade 24,4 Prozent des gesamten

        privaten Einkommens aus. Umgekehrt konnten sich die

        Lohnempfänger damals in der Nettorechnung 55,8 Prozent sichern,

        gegenüber 39,3 Prozent heute.

 

 

        Selbst im Aufschwung sei es nicht gelungen, den "Trend zu

        zunehmender sozialer Ungleichheit zu stoppen", kritisierte

        WSI-Forscher Claus Schäfer. Viele der neuen Stellen seien

        schlecht bezahlt. Die Zahl der Niedriglöhner habe im

        Konjunkturhoch zugenommen. Die Hoffnung auf eine Besserung durch

        die Finanzkrise teilt der Ökonom nicht. Zwar stehe die

        neoliberale Haltung in der Kritik. Doch konkrete Korrekturen

        seien bisher nicht erkennbar.

 

 

        Stattdessen habe die Bundesregierung zuletzt durch ihre Steuer-

        und Abgabenpolitik die Ungleichheit verschärft. Obwohl das

        Aufkommen aus Gewinn- und Vermögensteuern parallel zu den

        Rekordgewinnen der Unternehmen gestiegen sei, bleibe ihr Anteil

        am Gesamtsteuervolumen mit etwas mehr als einem Fünftel gering.

        Anfang der 60er Jahre habe die Quote mehr als ein Drittel

        betragen. Schäfer wies die im Armutsbericht der Bundesregierung

        vertretene Behauptung zurück, der Sozialstaat wirke und

        kompensiere die Ungleichheit bei den am Markt erzielten

        Einkommen zu einem großen Teil.

 

 

        Auch die Internationale Arbeitsorganisation hatte kürzlich

        darauf hingewiesen, dass die Kluft zwischen niedrigen und hohen

        Löhnen in Deutschland besonders stark gewachsen sei. Dagegen

        sieht das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

        keine Anzeichen für ein Auseinanderdriften der Nettoeinkommen.

        Laut IW haben sich die Unterschiede zwischen Spitzen- und

        Niedrigverdienern dank der staatlichen Umverteilung in den

        vergangenen zehn Jahren kaum verändert.

 

 

        Im Ringen um Mindestlöhne hat die Koalition laut SPD-Vize Andrea

        Nahles "große Fortschritte" erzielt. Nachdem eine Arbeitsgruppe

        von Union und SPD die Anhörungen der Branchenverbände

        abgeschlossen habe, gebe es "gute Einigungschancen", sagte

        Nahles der FR. Acht Wirtschaftszweige, von den Textilreinigern

        bis zur Zeitarbeit, haben die Aufnahme in das Entsendegesetz

        beantragt, um Mindestlöhne in ihrer Branche zu bekommen.

 

 

        Die SPD sieht die Voraussetzungen in allen Fällen erfüllt. Die

        Union läuft vor allem gegen einen Mindestlohn in der Zeitarbeit

        Sturm. Nahles fordert die Union auf, sich zu bewegen. "In der

        gegenwärtigen schwierigen Wirtschaftslage sieht man besonders

        deutlich, dass Leiharbeiter besser geschützt werden müssen."

        Ihre Beratungen wollen Union und SPD in zwei Wochen fortsetzen.

 

 

          RSIEVERS

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 279)

Datum: Freitag, den 28. November 2008

Seite: 16

 

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