Deutsche hinken
hinterher
Lohnzuwachs im EU-Vergleich unterdurchschnittlich / Frauen
benachteiligt
Von Werner Balsen und Stefan Bauer
Brüssel. Beim Lohn- und Gehaltszuwachs sieht es für Arbeiter
und Angestellten in Deutschland eher mau aus: Verglichen mit ihren Kolleginnen
und Kollegen in den anderen EU-Staaten lagen sie im vergangenen Jahr mit einem
durchschnittlichen Reallohnzuwachs von 0,1 Prozent im unteren Drittel der 27
Mitgliedstaaten und deutlich unterhalb des EU-Mittels von 1,3 Prozent. Zu
diesem Ergebnis gelangt eine Studie der in Dublin beheimateten EU-Körperschaft
für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofounds).
Schwieriger Vergleich
Allerdings sollten die deutschen Beschäftigten nicht gleich
an der Durchsetzungsfähigkeit ihrer Gewerkschaften zweifeln und sich auch sonst
vor voreiligen Schlüssen hüten. Denn genau betrachtet, sind die genannten Daten
nicht besonders aussagefähig.
Erstens: Man muss den "Basiseffekt" beachten.
Staaten wie Litauen, Lettland oder die Slowakei, die erst jüngst der Union
beigetreten sind, haben bei der Produktivität und bei den Löhnen einen
gewaltigen Nachholbedarf. Wenn dort die Einkommen, die oft kaum höher als ein
Euro pro Stunde liegen, um mehr als acht oder neun Prozent steigen, sorgt das
immer noch für ein Lohnniveau, das weit unter dem deutschen liegt. Die Studie
vergleicht deshalb auch die Unterschiede zwischen den 15 "alten"
EU-Staaten. Da lag der Zuwachs im vergangenen Jahr im Durchschnitt bei
lediglich 0,5 Prozent. Zudem berücksichtigen die nackten Zahlen keinerlei
qualitative Aspekte der vereinbarten Einkommenssteigerungen. Wenn also in
einzelnen Branchen Tarifparteien Qualifizierungskurse für die Belegschaften
vereinbaren oder sich Beschäftigungsgarantien geben lassen und dafür auf
größere Lohnsprünge verzichten, wird das in den Daten nicht deutlich.
Die Autoren der Studie machen denn auch auf die
eingeschränkte Vergleichbarkeit ihrer Daten selbst aufmerksam. Das gilt auch
für ein zweites Forschungsfeld: die Einkommensunterschiede zwischen Männern und
Frauen für die gleiche Tätigkeit. Hier stehen deutsche Frauen extrem schlecht
da: Zwischen Füssen und Flensburg betrugen geschlechtsspezifische
Einkommensunterschiede vor drei Jahren 23 Prozentpunkte. Das schiebt Deutschland
auch hier ins untere Drittel des EU-Rankings. Wieder
mangelt es an Differenzierung. So ist die in Deutschland und in den
Niederlanden hohe Teilzeitarbeit von Frauen, bei entsprechend geringeren
Einkommen, überhaupt nicht berücksichtigt.
Eurofound hat sich auch einzelne Wirtschaftssektoren angeschaut. Deutsche Banker etwa mussten sich nach einem Anstieg von 1,5 Prozent 2007 im vergangenen Jahr unter dem Strich mit einer Nullrunde abfinden. In Großbritannien, dessen Wirtschaft stark von Finanzdienstleistungen abhängt, sieht die Lage hingegen anders aus: Die britischen Banker konnten sich trotz der tobenden Finanzkrise in den vergangenen beiden Jahren über ein Plus von 3,5 Prozent freuen.
Fr 9.9.09