*Der schwache Erfolg der Reform *
Hartz IV feiert Jubiläum, aber die
Betroffenen feiern nicht mit
*Von Roland Bunzenthal*
Ein schlechtes Zeugnis stellt der renommierte
Arbeitsmarktforscher Matthias Knuth der Hartz-IV-Reform
aus: Das Programm zur Kommunalisierung der aus dem Ruder laufenden
Langzeitarbeitslosigkeit und zur Zentralisierung der Sozialhilfe unter dem
Gemeinschaftsdach der Argen erwies sich seiner Ansicht nach als Misserfolg. Vor
allem sei die Zahl der Vermittlungen gesunken. Gestiegen ist dagegen die Zahl
der Langzeitarbeitslosen und der Kosten. Laut Knuth hat die Reform "auf
dem deutschen Arbeitsmarkt einiges geändert und geringfügige Verbesserungen erreicht".
In jüngster Zeit droht jedoch das Bild der "Leistungen aus einer
Hand" an der Handlungsunfähgkeit der staatlichen
Bürokratie zu scheitern.
Knuth spricht in diesem Zusammenhang von "politischer
Gestaltungs-Unfähigkeit". Das Ziel der beschleunigten
Vermittlung haben
nur wenige Agenturen erreicht. Knuth rechnet damit, dass
übers Jahr nur
jeder Vierte dieser Gruppe in einem festen Job unterkommt.
Knuth,
Direktor des hauseigenen Forschungsinstituts der Universität
Duisburg-Essen, errechnet, dass zwischen 23 und 27 Prozent
des
durchschnittlichen Bestandes an Arbeitslosengeld-II-Beziehern
im
Jahresverlauf einen ungeförderten Job finden. Die wenigsten
jedoch mit
Hilfe der Arbeitsagentur: Die habe nur 1,5 Prozent der
Betroffenen
vermittelt.
In Nürnberg kann man diese Zahl nicht bestätigen: "Das
müssen
Monatszahlen sein", meint ein Sprecher der Behörde. Er
lässt auf Anfrage
der Frankfurter Rundschau erst mal nachrechnen: Tatsächlich
sei es ein
Drittel der momentan 2,6 Millionen Arbeitslosengeldempfänger
mit der
römischen Zwei, die binnen Jahresfrist echte Chancen auf
einen festen
Job hätten.
Zieht man davon allerdings die subventionierten
Neu-Beschäftigten ab,
die entweder im sogenannten
Zweiten Arbeitsmarkt oder mit Hilfe von
Lohnzuschüssen eine Stelle fanden ab, bleiben im
Durchschnitt nur noch
15 Prozent als erfolgreich integriert übrig. Der Rest wartet
vergeblich
auf bessere Zeiten.
In der Statistik tauchen sie als "Angehörige des
Rechtskreises SGB II"
auf, manchmal auch als "ALG-II-Empfänger"
oder schlicht
"Grundgesicherte". Diese durchaus ebenso korrekten
wie verschleiernden
Termini konnten sich in der Umgangssprache nicht durchsetzen
gegen den
Denkmal-Begriff für einen inzwischen entlassenen VW-Vorstand
namens
Peter Hartz. Vor fast genau fünf
Jahren trat das vierte Gesetz aus dem
Vorschlagskatalog der nach ihrem Vorsitzenden benannten Hartz-Kommission
in Kraft. Zuvor waren einige Ideen wie die
Vermittlungsgutscheine in der
Agenda 2010 gestrandet, andere wie die
Personal-Service-Agenturen (PSA)
endeten überwiegend auf dem Schuttplatz der Arbeitsmarktpolitik.
Die Hoffnung auf Einsparungen hat sich ebenfalls nicht
erfüllt. 41
Milliarden Euro mussten Bund und Kommunen im vergangenen
Jahr für die
Betroffenen hinlegen. Das Doppelte von dem, was in besseren
Zeiten aus
dem Rathaus, Arbeits- und Finanzamt an Aufwendungen kamen.
Dabei geriet
die bis dato relativ friedliche Kooperation zwischen
Arbeits- und
Sozialamt zu einem Ringen um Stellen und Kompetenzen.
Die Diskussion über Hartz IV hatte
von Anfang an den Schwerpunkt "wer
bekommt wie viel und wofür". Die Parteien hatten sich
in ihren
Wahlprogrammen gegenseitig überboten in Höherbeträgen.
Verlangten die
Grünen eine Aufstockung der Regelsätze von derzeit 359 Euro
auf 420
Euro, wollte die Linke 500 Euro bieten. Den Vogel schoss die
FDP ab, die
etwa 662 Euro "Bürgergeld" verteilte - allerdings
als Anti-Armuts-Paket
aus diversen Leistungen.
Was ein Hartz-IV-Bezieher
tatsächlich erhält, listet die Bundesagentur
in ihrer Jahresübersicht 2009 auf: Eine
"Bedarfsgemeinschaft" aus
durchschnittlich 1,9 Personen bestehend, erhält im Schnitt
712 Euro im
Monat.
fr 9.1.10