Der gespaltene Wohlstand
Viele können vom Lohn nicht leben / Hohes Plus für Dax-Vorstände
Von Markus Sievers
Berlin. Schön war er, der Aufschwung. Er brachte Deutschland neben neuer Zuversicht mehr Beschäftigung und Wohlstand, mehr Gerechtigkeit und weniger soziale Not. So hat es uns die Bundesregierung versprochen. „Wir wollen, dass alle Menschen am Aufschwung teilhaben können“, versicherte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor knapp einem Jahr im Bundestag. Nicht zufällig weckte sie damit Erinnerungen an den Mann, der mit seinem Slogan vom „Wohlstand für alle“ den Deutschen als Macher des Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung geblieben ist. „Wer Ludwig Erhard gelesen hat, weiß: Wachstum ist kein Selbstzweck“, erklärte Merkel.
Damit hat sie die Latte hoch gelegt – zu hoch. Nach dreieinhalb Jahren geht der Aufschwung. Und viele Menschen warten bis heute darauf, dass er bei ihnen vorbeikommt. Noch unsicher ist, ob Deutschland sich auf den nächsten Absturz vorbereiten muss oder einigermaßen glimpflich davonkommt. Vielleicht wird es keine große Krise, keine Rezession mit einer Wirtschaft, die über einen längeren Zeitraum hinweg schrumpft. In jedem Fall vorbei ist das Konjunkturhoch, das die Wirtschaft seit Ende 2004 trug. Zeit also, Bilanz zu ziehen.
Auf der Haben-Seite steht die Beschäftigungsentwicklung. So kräftig stellten die Firmen ein, dass die trüben Tage vom Winter 2004/2005 fast in Vergessenheit geraten sind. Gerade dreieinhalb Jahre ist es her, dass ständig neue Horrormeldungen über Rekordstände bei der Arbeitslosigkeit die Republik in Angst und Schrecken versetzten. Einen schlechteren Start für Hartz IV hätte sich niemand vorstellen können. Doch unter der Oberfläche setzte bereits damals der Aufschwung ein. Heute sind über zwei Millionen Menschen weniger arbeitslos als im Februar 2005, was einem Rückgang um sensationelle 38 Prozent entspricht.
Von diesem Boom profitierten, je länger er anhielt, zunehmend auch die Abgehängten der Gesellschaft. Die Langzeitarbeitslosigkeit ging zwar mit Verspätung zurück, aber sie ging zurück. Und nicht alles lässt sich durch die Zunahme von Mini-Jobs und anderer Formen prekärer Beschäftigung erklären. Denn mit dem Aufschwung erstand auch die längst tot geglaubte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wieder auf. Seit 2006 steigt sie und hat mit über 27,3 Millionen Stellen ein Niveau erreicht, das viele nicht mehr für möglich gehalten hätten. Doch die Firmen schaffen dank der starken Nachfrage wieder vollwertige Stellen. Folglich stellte die Bundesagentur für Arbeit (BA) dem Aufschwung ein gutes Zeugnis aus. Er schaffe mehr Beschäftigung als seine Vorgänger, wie eine Studie durch das BA-eigene Forschungsinstitut IAB ergab.
Auf der anderen Seite driften die Einkommen weiter auseinander. So schön es ist, wenn ein Arbeitsloser Beschäftigung findet: Eine feste Stelle in Deutschland garantiert ihm nicht länger, dass er (oder sie) die Existenz aus eigener Kraft bestreiten kann. Fast jeder Vierte arbeitet laut dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAB) zu einem niedrigen Lohn. Das sind 6,5 Millionen Niedrigverdiener, die besonders unter dem Druck auf die Löhne leiden.
„Mehr Wachstum, weniger im Geldbeutel“ – so charakterisiert das gewerkschaftsnahe Institut IMK den Aufschwung. Gestiegen seien die Einnahmen für Unternehmer, Selbstständige, Aktienbesitzer und andere Kapitaleigner. „Bei Deutschlands Arbeitnehmern ist der Aufschwung der vergangenen drei Jahre nicht angekommen“, so das IMK. Im Gegenteil: Die Nettolöhne seien um 1,5 Prozent gesunken. Auch wer staatliche Zahlungen wie Rente, BaföG oder Kindergeld beziehe, zähle zu den Verlierern. Das Volumen dieser Transfers sei mitten im Aufschwung um sechs Prozent gesunken.
Zwar haben die Gewerkschaften mit dem Rückenwind der guten Konjunktur die Trendwende bei den Tariflöhnen geschafft. Doch plötzlich meldete sich die Inflation zurück und zehrt am Verdienstplus. Folge: Obwohl die Bruttogehälter 2008 so stark zulegen wie lange nicht, droht für Arbeitnehmerhaushalte die reale Kaufkraft weiter zu sinken. So war es jedenfalls im ersten Vierteljahr.
Gänzlich unbelastet von derlei Sorgen ist eine andere Bevölkerungsgruppe. Die Vorstände der 30 Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex genehmigten sich in 20 Jahren ein Gehaltsplus von 650 Prozent. Weil ihre Vergütung vom Erfolg abhänge, hätten sie von der guten Konjunktur profitiert, stellte die Unternehmensberatung Kienbaum fest.
RSIEVERS
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 174)
Datum: Montag, den 28. Juli 2008
Seite: 2f.
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