Der Krieg gegen die Armut wird in der öffentlichen Debatte zum Krieg gegen
die Armen / Von Albert Scharenberg
Obwohl also die sozialwissenschaftliche
Diskussion über die (schwarze) „Unterklasse“ in den USA anhält, hat sich die
gesellschaftliche Debatte über Armut in den letzten Jahren erneut verschoben.
Im Fokus standen zuletzt insbesondere die sogenannten
„working poor“, also jene
Menschen, die trotz (Vollzeit-)Arbeit nicht genug verdienen, um zumindest eine
bescheidene Variante des American Way of Life erreichen zu können. Dabei kommt
den auch hierzulande populären Büchern von Barbara Ehrenreich über die
„arbeitenden Armen“ das Verdienst zu, die Armutsdebatte gewissermaßen „aus dem
Ghetto herausgeholt“ und damit wieder gesellschaftlich verallgemeinert zu
haben. Dadurch wird zugleich der Stigmatisierung der Boden entzogen und ein
Gegeneinanderausspielen der Betroffenen erschwert.
Der Diskussion über die „working poor“ entspricht dabei
der bundesdeutsche Streit über die „Prekarität“. Kern
beider Debatten sind die ökonomischen und politischen Mechanismen sozialer Exklusion – insbesondere die Folgen der sozialen
Polarisierung, die sich nach der Aufkündigung des Klassenkompromisses „von
oben“ in den westlichen Industrieländern, trotz des weiterhin rasant wachsenden
gesellschaftlichen Reichtums, substanziell verschärft hat. Dadurch haben sich
die (Aufstiegs-)Möglichkeiten, Partizipationschancen und damit auch die
Lebenschancen für Ungelernte drastisch verschlechtert. In der Folge verstetigen
und verfestigen sich die Arbeitslosigkeit und Armut vieler Betroffener. Von
besonderer Dramatik ist dabei das Schicksal der dauerhaft Ausgegrenzten – der
„Überflüssigen“ –, die der Möglichkeit zur selbstständigen Reproduktion beraubt
sind. Wie dieser Exklusion der „Unterklasse“ und der
„arbeitenden Armen“ politisch begegnet werden soll, ist, auch in der
Bundesrepublik, zur Schlüsselfrage der Sozialsysteme und der Demokratie
geworden.
Die US-amerikanische Unterschichten-
und Sozialstaatsdebatte offenbart in diesem Kontext allerdings, gerade
angesichts der Kontroverse um die Bedeutung des gesellschaftlichen Rassismus
für die Ausgrenzung der „Unterklasse“, einen zentralen Unterschied zur
Situation in der Bundesrepublik, wo Langzeitarbeitslosigkeit bzw. dauerhafte Exklusion (noch) nicht so stark ethnisch bzw. „rassisch“
kodiert ist. Insofern scheint eine simple Übertragung der Analyse auf die
Situation in der Bundesrepublik nicht angeraten, da hierfür gewissermaßen die
Subtraktion des Faktors „Rasse“ erforderlich wäre.
Trotzdem weisen die gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen in beiden Ländern zugleich weitere interessante Parallelen
auf – vor allem mit Blick auf die Diskussionen über den politisch induzierten
Abbau des Sozialstaates. Auch hierzulande wird immer mehr den sozial Schwachen
und insbesondere den Migrantinnen und Migranten die Verantwortung für ihre Ausgrenzung und
geringen Bildungsressourcen zugeschoben. Dabei sind dann nicht mehr die
kapitalistische Armutsproduktion sowie die Verteilung des gesellschaftlichen
Reichtums die zentralen Fragen, deren sich die Politik anzunehmen hat, sondern
das Verhalten von „welfare queens“
und Hartz-IV-Empfängern. Nicht soziale
Marginalisierung und Exklusion werden als Probleme
der Gesellschaft definiert, sondern eine – aus selbstgerechter
Mittelschichtenperspektive definierte – „Kultur der Armut“ in Form von „welfare dependency“ und
„Sozialstaatsmentalität“.
Zur Bekämpfung der Armut wird folglich
in beiden Ländern immer öfter nicht mehr, sondern zynischerweise weniger
Sozialpolitik anempfohlen. Dabei droht gegenwärtig auch in der Bundesrepublik
eine stärker ethnische Kodierung der Armut. Zunehmend werden soziale Probleme
als Folgen der Migration bzw. einer „gescheiterten Integration“ dargestellt.
Dies illustrieren beispielhaft die „Türkenghetto“-Zuschreibungen
im Kontext der Pisa-Debatte, bei der die deutschen Schulen angeblich deshalb so
schlecht abschnitten, weil die Schulleistungen der Einwandererkinder, deren
Eltern sich nicht integrieren wollen, den Durchschnittswert drücken. Diese –
gerade in der Diskussion über die Neuköllner Rütli-Schule erkennbare –
Argumentationskette „geringe Bildung = türkisch/nicht-integriert
= arm = Sozialleistungsempfänger“ erfüllt dieselbe ideologische Funktion, wie
in der US-Debatte über die „schwarze Unterklasse“ geführt wird.
Hier weist die US-amerikanische der
bundesdeutschen Debatte ihre Zukunft: Indem man Armut und Ausgrenzung vorrangig
als Problem (des Verhaltens) einer ethnischen Minderheit definiert, lässt sich
die Mehrheitsbevölkerung umso leichter gegen den Sozialstaat mobilisieren.
Insofern ist die Stigmatisierung der Minderheit die diskursive Begleitmusik,
die die Bevölkerung auf die nächste Runde anstehender Kürzungen des angeblich so
überforderten Sozialstaats einstimmen soll.
Dabei liegen alternative Ansätze zur
Armutsbekämpfung bereits auf dem Tisch. So fordern Gewerkschaften und
sozialpolitische Vereinigungen in den Vereinigten Staaten derzeit unter anderem
eine Anhebung des seit Jahren stagnierenden minimum
wage, und auch in der Bundesrepublik wird inzwischen heftig über die Einführung
des – in anderen europäischen Ländern längst geltenden – gesetzlichen
Mindestlohnes diskutiert. Überhaupt scheint, nimmt man die Bekämpfung von Armut
ernst, eine Umkehr der Umverteilung von unten nach oben dringend geboten. Da es
in diesem Kontext politisch von entscheidender Bedeutung sein wird, die – von
den Konservativen strategisch betriebene – Spaltung zwischen „working poor“ und „Unterklasse“ zu
verhindern, sollten Forderungen wie die Erhöhung bzw. Einführung des
Mindestlohnes allerdings mit der Forderung nach einem bedingungslosen
Grundeinkommen für alle Bürgerinnen und Bürger verbunden werden.
Die Metamorphosen der US-amerikanischen
Debatte zeigen nachdrücklich, wie stark die Bedeutung der Begriffe von der
Lufthoheit im gesellschaftlichen Kampf um die Deutung sozialer Ungleichheit
abhängt. Dabei droht offensichtlich eine – oftmals auch strategisch betriebene
– Stigmatisierung der Benachteiligten. Es kommt deshalb umso mehr darauf an,
den ideologischen Umdeutungen von Armut und Ausgrenzung und den zunehmenden
Schuldzuweisungen an die Betroffenen entgegenzuwirken. Dazu müssen die sozialen
Hierarchien allerdings auch unumwunden beim Namen genannt werden. Denn soziale
Ungleichheit schlicht, wie Müntefering und Co. es tun, in Begriffslosigkeit
einzunebeln und auf diese Weise semantisch unsichtbar zu machen, ist, will man
ihr entgegenwirken, mit Sicherheit die falsche Antwort.
SPERBER
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 24)
Datum: Montag, den 29. Januar 2007
Seite: 7