Deprimierte Republik

 

 

    Die Bundesbürger fürchten sich vor dem sozialen Abstieg und zweifeln

    an der Demokratie / Deutschlandtrend

 

 

        Die Deutschen blicken düster in ihre persönliche Zukunft, sind

        unzufrieden mit der Politik der großen Koalition und kritisch

        gegenüber der Demokratie. Das ist das Ergebnis des jüngsten

        Deutschlandtrends. Der Umfrage zufolge befürchten 43 Prozent der

        Bürger, dass es ihnen in zehn Jahren wirtschaftlich schlechter

        geht als heute, lediglich 18 Prozent erwarten eine Verbesserung

        ihres Lebensstandards. Gut jeder Dritte geht von einer

        Stagnation auf dem jetzigen Niveau aus.

 

 

        Vor allem die Älteren sind pessimistisch: So erwarten 54 Prozent

        der über 60-Jährigen eine schlechtere Lage, bei den 18- bis

        34-Jährigen dominieren hingegen die Optimisten. Auch bei den

        Bürgern, die sich am unteren Ende der Gesellschaft ausmachen,

        geht nur eine Minderheit (13 Prozent) von einer Verbesserung

        ihrer wirtschaftlichen Situation aus. Abstiegssorgen hat auch

        die gesellschaftliche Mitte (39 Prozent).

 

 

        Die Preisentwicklung der vergangenen Monate gibt vielen

        Bundesbürgern das Gefühl, trotz Aufschwungs materiell nicht

        voran zu kommen. Sie ist mittlerweile auch ihr Problemthema

        Nummer Eins: 86 Prozent der Bundesbürger bereiten die steigenden

        Preise sehr große Sorgen. Das Gefühl, nicht vom Aufschwung zu

        profitieren, resultiert vor allem aus der Wahrnehmung, dass sich

        der persönliche finanzielle Spielraum in den letzten Monaten

        nicht vergrößert habe -- auch wegen einer enttäuschenden

        Einkommensentwicklung (34 Prozent). Gut jeder Fünfte (22

        Prozent) sieht sich nicht als Nutznießer, weil seiner Meinung

        nach Unternehmen und Besserverdienende ungleich mehr vom

        Aufschwung profitieren als er selbst.

 

 

        Große Mittelschicht

 

 

        Eine Mehrheit der Bürger zählt sich dennoch weiterhin zur

        Mittelschicht. Nur fünf Prozent sehen sich am unteren Rand der

        Gesellschaft. Drei von zehn Bürgern zählen sich zur unteren

        Mittelschicht, 50 Prozent zur mittleren Mittelschicht. Weitere

        13 Prozent siedeln sich in der oberen Mitte an. Die jüngsten

        koalitionsinternen Konflikte beeinträchtigen das

        Erscheinungsbild des Kabinetts ernsthaft. Nach 34 Prozent im Mai

        vergeben aktuell nur noch 27 Prozent dem Kabinett gute Noten.

        Trotz des Unmuts wünschen sich die Bürger kein vorzeitiges Aus

        von Schwarz-Rot: Zwei von drei (65 Prozent) sprechen sich dafür

        aus, dass beide Regierungspartner bis zum Ende der

        Legislaturperiode zusammenarbeiten.

 

 

        Übereinstimmend mit der momentanen Kritik an der Arbeit der

        Bundesregierung bewerten die Bundesbürger auch die

        Leistungsfähigkeit der bundesdeutschen Demokratie kritisch: Mit

        der Art und Weise, wie das System funktioniert, sind mehr als

        die Hälfte (52 Prozent) weniger oder gar nicht zufrieden. Auch

        schwindet das Vertrauen der Bürger in wichtige Institutionen wie

        Regierung, Parteien, Gewerkschaften und Unternehmen.

 

 

        Für die Umfrage hat das Meinungsforschungsinstitut Infratest

        dimap im Auftrag der ARD und der Frankfurter Rundschau am Montag

        und Dienstag dieser Woche 1000 Bundesbürger telefonisch befragt. FR

 

 

          WAGNER

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 130)

Datum: Freitag, den 06. Juni 2008

Seite: 4