Das ungerechte Europa
Jedes fünfte Kind in der EU ist arm,
gleichzeitig wächst in der Gemeinschaft ein obszöner Reichtum / Auszüge aus dem
Euro-Memorandum
Europas Wirtschaft ist stark. Aber
nicht überall. Die großen sozialen Unterschiede gefährden den politischen
Zusammenhalt. Die beiden größten Probleme sind die wachsende Armut und die
Massenarbeits- losigkeit, selbst in Ländern, die ein
exorbitantes Wachstum vorzuweisen haben. Experten warnen deshalb davor, die
neoliberale Wirtschaftspolitik fortzusetzen.
In den ersten fünf Jahren dieses
Jahrzehnts war das Wirtschaftswachstum der EU mit einem Durchschnitt von
lediglich 1,7 Prozent pro Jahr recht dürftig (und im Euroraum mit 1,4 Prozent
pro Jahr noch dürftiger). Der Anstieg auf 2,8 Prozent in der EU 25 im Jahr 2006
(2,6 Prozent im Euroraum) scheint nur ein vorübergehendes Phänomen zu sein, da
die großen Finanzinstitute für das Jahr 2007 bereits ein Rückgang prognostiziert
haben.
Gleichzeitig war das
Produktivitätswachstum mit jährlich 1,2 Prozent im Zeitraum 2001 bis 2005 (0,9
Prozent im Euroraum) und 1,3 Prozent im Jahr 2006 (1,2 Prozent im Euroraum)
ebenfalls eher niedrig (in den USA lag es im Zeitraum 2001 bis 2005 bei
jährlich 2,2 Prozent). Nur die neuen mittel- und osteuropäischen
Mitgliedstaaten (NMS) erzielten beträchtliche Wachstumsraten bei der
Produktivität.
Insgesamt kann die
gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu Beginn des neuen Jahrtausends als
mittelmäßig bezeichnet werden: dürftiges Wirtschaftswachstum, ein entsprechend
schwacher Beschäftigungsanstieg, der aber definitiv zu gering war, um die
Arbeitslosigkeit nachhaltig zu senken, und ein geringes Produktivitätswachstum.
In einigen Ländern, wie z. B. Italien und Spanien, gingen die
Beschäftigungsanstiege zu Lasten des Produktivitätswachstums, was aus der
Tendenz zur Teilzeit-Arbeit oder aus negativen Auswirkungen der
Arbeitsmarktflexibilisierung auf die Produktivität resultieren könnte.
Es bestehen allerdings erhebliche
Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten: Die zentralen, großen
Länder im Euroraum – Deutschland, Frankreich und Italien – weisen ein
unterdurchschnittliches Wachstum auf und die Höhe und Veränderungen ihrer
Beschäftigungsraten ähneln sich. Demgegenüber haben die skandinavischen Länder
überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten und ihre Arbeitslosigkeit ist jüngst
erheblich gesunken. Im diesjährigen OECD Employment
Outlook wird ausdrücklich betont, dass die großzügigen Wohlfahrtssysteme der
skandinavischen Länder durchaus mit einer niedrigen Arbeitslosigkeit zu
vereinbaren sind. Die südeuropäischen Länder (und Irland) wachsen ziemlich
schnell, aber ihre Arbeitslosigkeit ist noch immer hoch. Die osteuropäischen
NMS sind die am schnellsten wachsenden Regionen, aber die Arbeitslosigkeit
bleibt weiterhin auf sehr hohem Niveau, wobei die Slowakei (14,3 Prozent) und
Polen (13,9 Prozent) die höchsten Arbeitslosenquoten aufweisen. In den neuen
Mittel- und Osteuropäischen Mitgliedstaaten hat eine hohe Arbeitslosigkeit
besonders verheerende Auswirkungen auf die Lebensbedingungen, da die
Sozialausgaben in diesen Länder niedriger sind als jene der EU 15 (18,5 Prozent
des Brutto-Inlandsproduktes versus 27,6 Prozent des
BIP).
Die unterschiedlichen Wirtschaftsleistungen
spiegeln sich auch in den gravierenden Unterschieden der Leistungsbilanzen
wider. Während einige Länder erhebliche Leistungsbilanzüberschüsse ausweisen,
wie z. B. die Niederlande (7,6 Prozent des BIP), Schweden (6,3 Prozent des
BIP), und Deutschland (4,5 Prozent des BIP), haben andere Länder hohe Defizite.
Lettland und Estland haben zweistellige Leistungsbilanzdefizite (in Prozent des
BIP), in Portugal beläuft sich das Defizit auf neun Prozent des BIP und in der
Slowakei, Griechenland, Spanien und in Ungarn liegen die Defizite bei über
sieben Prozent des BIP.
Während diese Leistungsbilanzen in
einigen Fällen das Nebenprodukt einer gesteigerten Wachstumsleistung sind,
bergen sie aber auch gefährliche Ungleichgewichte, die den ökonomischen und
sozialen Zusammenhalt der Union bedrohen können. In Ländern, die den Euro
bislang noch nicht eingeführt haben, könnte ein
Abwertungsdruck und damit eine erhöhte Instabilität der Devisenmärkte
entstehen.
Trotz der unterschiedlichen
Außenbeiträge der einzelnen Mitgliedstaaten nimmt die EU in der Welt insgesamt
eine starke wirtschaftliche Position ein. Die Union ist der größte und
importstärkste Handelsblock der Welt, und sie war trotz des spektakulären
Aufstiegs der asiatischen Länder, insbesondere Chinas und Indiens, in der Lage,
ihren Marktanteil am Warenhandel zu erhöhen und ihre Führungsposition beim
Handel mit Dienstleistungen zu verteidigen. Diese herausragende Position ist
auf die Ausweitung des außereuropäischen Handels sowohl mit Waren als auch mit
Dienstleistungen in den 1990er Jahren zurückzuführen.
Der Anteil des Außenhandels mit Waren
(Exporte plus Importe) am EU 15-BIP ist zwischen 1991 und 2004 von 14,9 Prozent
auf 21,9 Prozent angestiegen. Der Anteil des Außenhandels mit Dienstleistungen
am EU 15-BIP hat im gleichen Zeitraum von 5,5 Prozent auf 7,1 Prozent
zugenommen. Die EU war in der Lage, ihren Marktanteil am weltweiten Warenexport
von 16 Prozent im Jahr 1991 auf 20 Prozent im Jahr 2004 auszuweiten. Dies gilt
auch für die Dienstleistungen: Wenngleich der Anteil der EU an den weltweiten
Dienstleistungsexporten von dem Höchstwert von 24,5 Prozent im Jahr 1990 auf
20,7 Prozent im Jahr 1992 zurückgegangen ist, hat die EU es dennoch vermocht,
dieses Niveau bis zum Jahr 2004 (20,8 Prozent) zu halten. Auf der anderen Seite
gingen in ungefähr der gleichen Zeit die Marktanteile der USA am weltweiten
Warenexport um drei Prozentpunkte auf weniger als 15 Prozent und bei den
Dienstleistungen um 1,7 Prozentpunkte auf 15,3 Prozent zurück. Im Vergleich zu ihrem
größten Konkurrenten im internationalen Handel erweist sich die Leistung der EU
demnach als durchaus positiv.
Trotz dieser starken
außenwirtschaftlichen Position sind weder der derzeitige Wachstumspfad noch die
wirtschaftspolitischen Konstellationen der EU geeignet, ihre beiden zentralen
Probleme zu lösen: die Unterschiede in den Lebensstandards und die
Massenarbeitslosigkeit.
Die Fortschritte bei der Angleichung
der Lebensbedingungen sind viel zu langsam, so dass die Pro-Kopf-Einkommen
zwischen den Mitgliedstaaten weiterhin enorm variieren. Die anhaltende
Massenarbeitslosigkeit erzeugt einen großen Verlust an sozialer Wohlfahrt und
ist höchstwahrscheinlich die wichtigste wirtschaftspolitische Herausforderung
der EU. Gegenwärtig gibt es ca. 18,7 Millionen Menschen in Europa, die
offiziell als arbeitslos gelten. Im Vergleich zur Größenordnung dieses Problems
ist der leichte Rückgang der Arbeitslosigkeit im Jahr 2006 nahezu
bedeutungslos. Es gibt unzählige Belege dafür, dass die derzeitige Ausrichtung
der Politik – die Liberalisierung des Arbeitsmarktes – als Maßnahme zur
Überwindung der Arbeitslosigkeit völlig ungeeignet ist.
Die anhaltende Arbeitslosigkeit, die
niedrigen Löhne und die Deregulierung der Arbeitsmärkte haben zu einer
Verschärfung der sozialen Unsicherheit beigetragen und sie sind größtenteils
sowohl für die Vertiefung der Ungleichheit als auch für den jüngsten Anstieg
der Armut in der EU verantwortlich. Der Anteil befristeter
Beschäftigungsverhältnisse, der Selbstständigkeit und der Teilzeit-Beschäftigung
(in Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse) hat zugenommen. Wenngleich nicht
jeder Teilzeit-Vertrag als prekäres Arbeitsverhältnis eingestuft werden kann,
so ist dennoch hervorzuheben, dass der Anteil der unfreiwillig
Teilzeit-Beschäftigten von 15,6 Prozent im Jahr 2002 auf 20,3 Prozent im Jahr
2005 angestiegen ist, d. h. jede/r fünfte Teilzeit-Beschäftigte hat einen
Vertrag mit geringeren Arbeitsstunden, weil er oder sie nicht in der Lage war,
eine Vollzeitbeschäftigung zu finden. Mit einem Anstieg um nahezu drei
Prozentpunkte war diese Entwicklung im Jahr 2005 besonders drastisch.
Eine weitere Ursache der zunehmenden
Unsicherheit in der EU ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen von Armut
betroffen sind. Die leichten Verbesserungen, die sich Mitte der 1990er Jahre
abzeichneten, als die Armutsrate von 17 Prozent auf 15 Prozent zurückgegangen
war, haben sich wieder umgekehrt, denn die Armutsrate liegt im Jahr 2005
wiederum bei 17 Prozent. In der EU 25 leben ca. 72 Millionen Menschen mit einem
Einkommen unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Mit dem Beitritt von Bulgarien
und Rumänien werden es sogar ungefähr 80 Millionen Menschen sein. Die
nationalen Armutsschwellen der EU 15 sind sehr viel höher als jene der Neuen
Mittel- und Osteuropäischen Mitgliedstaaten (NMS) – für einen Haushalt mit zwei
Erwachsenen und zwei Kindern liegt sie im EU 15-Durchschnitt bei 15 966 Euro
und in den NMS bei 6742 Euro. Wenngleich sich die Armutsquoten in diesen
Ländern also ähneln, so bestehen innerhalb der EU 25 weiterhin extrem
unterschiedliche Lebensstandards.
Einige Bevölkerungsgruppen sind in
besonderem Maße von Armut betroffen: In der EU 25 ist jedes fünfte Kind arm und
ältere Menschen sind der Armut stärker ausgesetzt als Erwachsene im Alter von
15 bis 64 Jahren. Haushalte mit Kindern und insbesondere Ein-Eltern-Haushalte
sind sehr viel stärker von Armut bedroht als kinderlose Haushalte. Und die
Armutsquote der Arbeitslosen (40 Prozent) ist fünfmal so hoch wie die der
Beschäftigten (acht Prozent). Dennoch können auch Erwerbseinkommen nicht immer
vor Armut schützen und so ist die absolute Anzahl der Menschen, die einer
Erwerbstätigkeit nachgehen und dennoch arm sind – die so genannten „Working Poor“ – mit ca. 14
Millionen doppelt so hoch wie die Anzahl der arbeitslosen Armen (ca. sieben
Millionen). Die Ursachen hierfür liegen hauptsächlich in den Veränderungen auf
den Arbeitsmärkten: die Ausweitung des Niedriglohnsektors, der Anstieg von
prekärer und unfreiwilliger Teilzeit-Beschäftigung und die Zunahme befristeter
Beschäftigungsverhältnisse. Diese statistischen Werte zeichnen allerdings immer
noch ein viel zu positives Bild der Armut und der sozialen Ausgrenzung in der
EU. Jene Menschen nämlich, die am stärksten von Armut betroffen und bedroht
sind – wie z. B. Wohnungslose, Opfer von Menschenhandel, (illegale) MigrantInnen, Menschen in Pflegeeinrichtungen – tauchen in
den Statistiken vielfach gar nicht auf.
Die unbestreitbare Tatsache der
steigenden Armut am unteren Ende der Gesellschaft steht im krassen und skandalösen
Gegensatz zum wachsenden Reichtum an ihrer Spitze. Hierüber werden allerdings
sehr viel weniger Angaben veröffentlicht. Die jüngsten Daten zur
Einkommensverteilung stammen aus dem Jahr 2001 und offenbaren, dass das
unterste Einkommenszehntel über einen Anteil von drei
Prozent der nationalen Äquivalenzeinkommen verfügt. Das oberste Zehntel erhält
nahezu das Achtfache davon, nämlich ca. ein Viertel des verfügbaren Einkommens
(23 Prozent). Laut World Wealth Report 2006 von Merrill Lynch und Capgemini ist
die Anzahl der Dollar-Millionäre in Europa in den letzten Jahren kontinuierlich
angestiegen (um 2,4 Prozent im Jahr 2003, um 4,1 Prozent im Jahr 2004 und um
4,5 Prozent im Jahr 2005). Im Jahr 2005 gab es in der EU 2,5 Millionen
Millionäre, was einem Bevölkerungsanteil von 0,6 Prozent entspricht. Ihr
Finanzvermögen beläuft sich auf 9,4 Billionen Dollar bzw. auf 60 Prozent aller
institutionell verwalteten Vermögen in Europa (15,6 Billionen Dollar).
Der EU-Beitritt bescherte den neuen
Mitgliedstaaten letztendlich eine positive gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
In den letzten Jahren war das Wirtschaftswachstum der mittel- und
osteuropäischen Länder (MOEL) sehr viel höher als jenes der alten EU
15-Mitgliedstaaten. Diese Wachstumsunterschiede sind im Zuge des Aufholprozesses
erforderlich, aber sie sind auch die Ursache für ein anderes, äußerst
ernstzunehmendes Problem der MOEL: nämlich die anhaltenden und beträchtlichen
Leistungsbilanzdefizite in den meisten dieser Länder. Falls die gegenwärtige
Tendenz weiterhin anhält, so werden – nüchtern betrachtet – die
Leistungsbilanzdefizite und die Verschuldung der meisten MOEL so lange steigen,
bis sie zahlungsunfähig werden und Umschuldungsverhandlungen aufnehmen müssen.
Es scheint derzeit keine Macht und keine Bewegung zu geben, die gewillt und in
der Lage ist, diese sich abzeichnende Entwicklung lateinamerikanischen Typs
abzuwenden.
Der Neoliberalismus vertritt die
Auffassung, dass Liberalisierung und Deregulierung die Leistungsfähigkeit eines
Landes verbessern würden, da die vorhandenen Ressourcen effektiver verteilt
würden und jede/r das produzieren könne, was ihm oder ihr am geeignetsten und profitabelsten erscheint. In der Praxis
führt dieser theoretische Ansatz auf Grund der real existierenden,
signifikanten Leistungsunterschiede zwischen den mittel- und osteuropäischen
und den westeuropäischen Konkurrenten allerdings sowohl im Außenhandel als auch
in der Leistungsbilanz zu gravierenden Ungleichgewichten.
Die auf diesem Konzept basierenden
Privatisierungswellen liefen auf einen Ausverkauf der nationalen Unternehmen
der mittel- und osteuropäischen Länder an ausländisches Kapital hinaus und
ließen eine duale Volkswirtschaft entstehen: In dieser dualen Struktur
produzieren die Unternehmen in ausländischem Besitz zwar Wachstum; die daraus
entstehenden Gewinne transferieren (repatriieren) sie aber zurück ins Ausland.
Die nationalen Unternehmen hinge-gen stagnieren und
geraten – auf Grund der enormen Verluste von Marktanteilen in der Folge des
Systemwechsels – in ernsthafte Schwierigkeiten. Dieser Doppelcharakter erklärt
auch, warum sich die Haushalte und die Leistungsbilanzen dieser Länder trotz
eines relativ hohen Wirtschafts- und Exportwachstums verschlechtern.
SPERBER
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 291)
Datum: Donnerstag, den 14. Dezember 2006
Seite: 9