Das deutsche Unvermögen

OECD kritisiert einseitige Lastenverteilung: Arbeitnehmer blechen, Reiche werden geschont

Von Markus Sievers

Berlin. Der deutsche Sozialstaat belastet Arbeitnehmer zu stark durch

Steuern und Abgaben und verschont Vermögen über Gebühr. Zu diesem

Ergebnis kommt die Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und

Zusammenarbeit (OECD) in einem Vergleich von 26 ihrer 30 Mitgliedsländer.

Während die Koalition über die Erbschaftsteuer streitet und die Union

mit deren Wegfall droht, konstatieren die OECD--Steuerexperten: "Die

Einnahmen aus Substanzsteuern (Grund-, Vermögens-, Schenkungs- und

Erbschaftssteuer) lagen in Deutschland stabil bei 0,9 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts und damit bei weniger als bei der Hälfte des

OECD-Schnitts von zwei Prozent (2006)." Von den untersuchten Staaten

nehmen nur Mexiko, Tschechien, Ungarn und die Slowakei weniger aus

diesen Steuern auf Vermögen ein. Dies seien aber alles Länder "mit einem

deutlich geringeren Vermögensbestand als Deutschland", betont die OECD.

Weit mehr verlangen vergleichbare Nationen wie Großbritannien, die USA,

Japan oder die Schweiz von ihren Reichen. Zum gesamten Steueraufkommen

tragen Vermögenssteuern beispielsweise in den Vereinigten Staaten mehr

als viermal so viel bei wie hier zu Lande (siehe Grafik).

Die Zeche zahlen die Empfänger von Lohneinkommen. So verbleibt einem

durchschnittlich verdienenden Arbeitnehmer weniger als die Hälfte von

dem, was sein Arbeitgeber für ihn zahlt. So wendet eine Firma in der

Privatwirtschaft im Schnitt 42 949 Euro im Jahr für einen Arbeitsplatz

auf. Davon kommen laut der Untersuchung bei einem ledigen Arbeitnehmer

22 419 Euro an. 52,2 Prozent greift der Staat mit Steuern und

Sozialabgaben ab. Im OECD-Mittel sind es gerade 37,6 Prozent.

Die Experten der Pariser Organisation bescheinigen der Bundesregierung,

einige Schritte in die richtige Richtung gemacht zu haben.

Beispielsweise hat die Koalition mit den Einnahmen aus der

Mehrwertsteuererhöhung den Arbeitslosenbeitrag gesenkt. Doch Chris

Heady, Leiter der OECD-Steuerabteilung, fordert mutigere Reformen:

"Neben einer nachhaltigen Kostendämpfung in den Sozialsystemen sollte

Deutschland weiter eine stärkere Steuerfinanzierung der sozialen

Sicherung anstreben."

Außerdem legt die OECD der Bundesregierung zum wiederholten Male nahe,

neben der Mehrwert- und den Umweltsteuern endlich auch die

Vermögenssteuer zu erhöhen. Durch sie werde "die wirtschaftliche

Wettbewerbsfähigkeit weniger beeinträchtigt" als durch andere Steuern.

 

RSIEVERS

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 242)

Datum: Donnerstag, den 16. Oktober 2008

Seite: 20