Das Horror-Jahrzehnt der deutschen Wirtschaft
Seit der Jahrtausendwende sind 340 000 Firmen pleite gegangen
/ Fünf Millionen Arbeitnehmer betroffen
Rund fünf Millionen Arbeitnehmer in Deutschland wurden seit
der Jahrtausendwende von der Insolvenz ihres Arbeitgebers getroffen. Das sei
etwa jeder fünfte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, berichtete die
Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Montag.
Durch Schließung oder Sanierung der Unternehmen sei ein
großer Teil der Arbeitsplätze weggefallen. Seit dem Jahr 2000 habe es rund 340000
Firmenzusammenbrüche gegeben. Die Schäden für die Gläubiger beliefen sich auf
insgesamt 250 Milliarden Euro. Zudem meldeten 600000 Verbraucher
Privatinsolvenz an. Damit haben die schwere Rezession in den vergangenen
Monaten, das Platzen der Internet-Blase und auch folgenschwere Managementfehler
das vergangene Jahrzehnt zu einem der schwärzesten in der deutschen Unternehmensgeschichte
nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht.
Auch 2010 verspricht kein gutes Jahr zu werden. In den
kommenden zwölf Monaten dürfte nach Einschätzung des Verbandes der
Insolvenzverwalter die Zahl der Pleiten des zu Ende gehenden Jahres nochmals
übertroffen werden. "Jetzt kommen nach und nach die
Folge-Insolvenzen", sagte Verbandschef Siegfried Beck der Tageszeitung Die
Welt. Stark unter Druck kommen dürften vor allem Firmen aus arg gebeutelten
Branchen wie dem Auto- und Maschinenbau sowie dem Handel.
Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass in diesem
Jahr etwa 34000 Unternehmen ihre Insolvenz erklären müssen, das wären so viele
wie seit 2006 nicht mehr. Creditreform erwartet, dass
im kommenden Jahr mehr als 38000 Firmen nicht mehr weitergeführt werden können
und vor Gericht enden. Das wären zwar klar mehr als in
diesem Jahr, aber weniger als 2003, dem mit 39470 Insolvenzen schlimmsten
Abschnitt im zurückliegenden Jahrzehnt. Die mit weitem Abstand größte
Firmenpleite war das Aus von Arcandor in diesem Jahr.
Von der Insolvenz der Mutter des Quelle-Versands und der Karstadt-Warenhäuser
sind 52000 Arbeitnehmer betroffen.
Das Ende von Arcandor zählt zu den
größten Unternehmensinsolvenzen in der Nachkriegsgeschichte und stellt zum
Beispiel den Zusammenbruch des Baukonzerns Philipp Holzmann, von dem 2002 etwa
23000 Frauen und Männer betroffen waren, weit in den Schatten. Auf Platz drei
der größten Insolvenzen des Jahrzehnts findet sich der Maschinen- und
Anlagenbauer Babcock Borsig, der ebenfalls 2002 dicht machte.
Seit dem Jahr 2000 mussten viele Firmen bei Gericht antreten, die die Unternehmenslandschaft und in einigen Fällen sogar die Alltagskultur hierzulande mitgeprägt hatten: Wiener Wald (2003), Grundig (2003), Salamander (2004), Agfa (2005), Escada (2009), Schiesser (2009) und Karmann (2009). rtr/dpa
fr 29.12.09