Das Heer der Armen ist viel größer
Millenniumsziele rücken in weite Ferne / 1,4 Milliarden
Menschen fristen ein Hunger-Dasein
Von Roland Bunzenthal
Es gibt mehr arme Menschen auf dieser Welt, als sich die
diversen Experten bislang ausgerechnet haben. Zu diesem Ergebnis gelangt jetzt
die Weltbank nach einer gründlichen Überarbeitung des statistischen Materials.
Danach müssen 1,4 Milliarden Frauen, Männer und Kinder gegenwärtig mit weniger
als 1,25 Dollar Einkommen je Tag auskommen.
Bislang galt als aktuelle „Hausnummer“ die Zahl von 879
Millionen absolut Armer für das Jahr 2005. Damit wären
nur noch gut 16 Prozent der Menschheit unter diese Definition gefallen. Als
Grenze galt jedoch bisher ein täglicher Betrag von genau einem Dollar.
Die Korrektur der empirischen Basis hat Konsequenzen für die
Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Diese sehen nämlich bis zum Jahr 2015
eine Halbierung des Anteils armer Menschen vor. Ausgangsbasis ist hier der
Stand von 1990 mit 1,3 Milliarden Betroffenen, das entsprach damals 30 Prozent
der Weltbevölkerung – demnach wäre das Ziel der Halbierung in greifbare Nähe
gerückt.
Nun muss man bei der Revision der Daten natürlich auch die
Vergangenheit korrigieren. Danach ist die Armut zwischen 1990 und 2005 (aus
diesem Jahr stammen die „aktuellen“ Zahlen) von 1,8 Milliarden auf 1,4
Milliarden geschrumpft. Relativ gesehen ein Rückgang von 42 auf 26 Prozent.
Damit bleibt noch eine längere Wegstrecke zum Ziel der UN.
Zwei Gründe nennt die Weltbank für die Korrektur der Daten:
Die etwas höhere Schwelle, von der an Armut definiert ist. Der ungerade Wert
von 1,25 Dollar pro Tag ergibt sich als Durchschnitt der entsprechenden
nationalen Grenzwerte der ärmsten Staaten.
Wie sehr es auf die Höhe der Messlatte ankommt, zeigt eine
weitere Berechnung: Legt man die Latte auf den Wert von zwei Dollar täglich als
Minimum, schnellt die Zahl der darunter Liegenden weltweit auf 2,6 Milliarden
oder 48 Prozent der Weltbevölkerung hoch. Weite Teile Osteuropas und
Zentralasiens liegen in dieser Einkommenszone.
Weltbank sieht regionale Erfolge
Der zweite Grund für die Zunahme ist die erweiterte
statistische Basis, auf der die neuen Daten berechnet wurden. Die Weltbank hat
dazu 675 Haushaltsbefragungen in 116 Ländern verarbeitet und vergleichbar
gemacht, bei denen insgesamt 1,2 Milliarden Menschen in ihren Geldbeutel
blicken ließen. Das Erhebungsjahr 2005 bedeutet allerdings, dass die jüngsten
Preisexplosionen bei Energie und Nahrungsmitteln mit ihren Folgen für die
Verarmung noch nicht erfasst sind.
Dennoch sieht die Weltbank regional „große Fortschritte bei
der Bekämpfung der Armut“. Vor allem in Asien ist der Rückgang deutlich
sichtbar: So sank die Armut in China seit 1981 von damals 835 Millionen auf
„nur“ noch 207 Millionen Menschen 2005. In der übrigen Dritten Welt ist zwar
der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung im Untersuchungszeitraum
gefallen. Absolut gesehen stagniert jedoch die Zahl der Armen in
Entwicklungsländern außerhalb Chinas bei 1,2 Milliarden.
Am schlimmsten sieht es nach wie vor in Afrika südlich der
Sahara aus: Dort kletterte die Armut von 200 Millionen auf 380 Millionen. Hier
ist zu befürchten, dass durch das teure Öl und den Preisanstieg bei
Nahrungsmitteln weitere Millionen Familien verelenden werden. Die Tatsache,
dass das Armutsniveau sich zäher gegenüber Senkungsversuchen verhält als
bislang angenommen, bedeutet für den Weltbank-Vizechef Justin Lin, „dass wir unsere Anstrengungen verdoppeln müssen,
insbesondere in Afrika“.
Die Erhöhung der Armutsgrenze von einem auf 1,25 Dollar ist
auch dadurch gerechtfertigt, dass der Dollar gegenüber fast allen anderen
Währungen an Wert verloren hat. Die Bank rechnet die Statistik-Daten deshalb um
in Kaufkraft-Paritäten. Zu den Millenniums-Zielen gehören auch Fortschritte bei
Gesundheit und Bildung. Doch hängen diese eng mit der wirtschaftlichen und
sozialen Situation der Menschen zusammen.
Als „erschütternd“ bezeichnet Peter Wahl von der
Entwicklungsorganisation Weed die Weltbank-Zahlen,
angesichts jahrzehntelanger Armutsbekämpfungsprojekte. Zugleich sieht er darin
ein Stück Selbstkritik der Bank. Es zeige aber auch, so Wahl, dass die
herkömmliche Entwicklungshilfe nicht ausreiche – notwendig seien innovative
Finanzierungsinstrumente wie die Tobin-Steuer.
RBUNZENTHAL
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 201)
Datum: Donnerstag, den 28. August 2008
Seite: 16
Kommentar
Armutszeugnis
Von Roland Bunzenthal
Zahlen, nichts als Zahlen, mag sich mancher Leser bei der
Lektüre des nebenstehenden Artikels denken und sich vielleicht auch noch an den
Spruch erinnern, dass Statistiken die Steigerungsform von „Lügen“ sind. Zu
Recht mag man bezweifeln, ob die jeweiligen Statistiker eines
Entwicklungslandes bis in die letzte Hütte hineingeblickt und zum Beispiel den
Feldfrüchte-Anbau für den Eigenbedarf afrikanischer Bauern korrekt in
Geldeinheiten umgerechnet haben. Auf der anderen Seite verfügt die Weltbank
über Erfahrung im Sammeln sozialer Daten – bilden sie doch die Planungsbasis
für viele ihrer Hilfsprojekte. So wie die Armut in einer Region Aufschluss über
die dort erforderlichen Vorhaben geben kann, können die globalen Zahlen als
eine Messlatte für die Anstrengungen und Versäumnisse der internationalen
Nord-Süd-Politik dienen.
Wenn die Weltbank jetzt ein Stückchen Schönfärberei
korrigiert, stellt sie den Entwicklungspolitikern des Nordens und den
Regierungen des Südens gleichermaßen ein Armutszeugnis aus. Letztere haben bei
den großen Millenniums-Zielen bereits den kreativen Umgang mit Statistiken
unter Beweis gestellt, als sie einfach als Ausgangsbasis das Jahr 1990
heranzogen. Niemand kann die Geberstaaten dazu zwingen, sich an ihre einst
gegebenen Entwicklungsversprechen und -ziele auch tatsächlich zu halten. Aber
aus einem in Zahlen gegossenen schlechten Gewissen kann durchaus der erste
Schritt zum politischen Handeln folgen.
MSCHWAB
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 201)
Datum: Donnerstag, den 28. August 2008
Seite: 16
Gafik Armut
